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19.11.2011

13:47 Uhr

„Geldkomplex“

Die Übermacht des Geldes

Bei dem Theater-Projekt „Der Geldkomplex“ dreht sich alles immer nur um das eine: Geld. Das Stück unterhält und regt zum Nachdenken über Ökonomie, Psychosen und Sex an.

Die Schauspieler Katharina Pichler (l-r), Arthur Klemt, Carolin Conrad und Jürgen Kuttner sitzen im Residenztheater München. dpa

Die Schauspieler Katharina Pichler (l-r), Arthur Klemt, Carolin Conrad und Jürgen Kuttner sitzen im Residenztheater München.

MünchenFinanzen, Psychosen und ein bisschen Sex - und alles hängt zusammen: Der „Geldkomplex“ jagt die Menschen von der Finanz- in die Sinnkrise - und nun auch ins Theater. Das Projekt von Jürgen Kuttner und Suse Wächter, das am Freitagabend vom Münchner Residenztheater im Marstall uraufgeführt wurde, nutzt eine alte Vorlage, um brandaktuelle Themen aufzuarbeiten. Denn die Handlung des Stücks basiert auf einem Briefroman der Schriftstellerin Franziska Gräfin zu Reventlow (1871-1918). Sie galt Anfang des 20. Jahrhunderts als die Königin der Bohème in Schwabing, war Schriftstellerin und Malerin mit wechselnden Liebschaften - eine davon war der Mammon. Und trotzdem war sie permanent pleite.

Die Hauptperson - gleich in doppelter Ausführung dargestellt von Carolin Conrad und Katharina Pichler - lässt sich in ein Sanatorium einweisen, denn all ihr Denken dreht sich nur noch um Geld. Dort begegnet sie einem Nationalökonom (Arthur Klemt) und einem gescheiterten Unternehmer, gespielt von Regisseur Jürgen Kuttner. Es kommt zu allerhand irrwitzigen, fast klamaukigen Szenen, Abba-Songs und ein Regen aus Plastikhühnern inklusive.

Mit den anderen Insassen wird im Sanatorium rund um die Uhr über einen Ausweg aus der schrecklichen Mittellosigkeit diskutiert - und über all jene Pläne für die Zeit nach der Misere. Bis dahin ist jeder Moment ausgefüllt von Rechnen. Die Rolle des Geldes ist so übermächtig geworden, dass es gar in den Personenstatus erhoben wird: man darf es nicht verärgern und nicht herausfordern. Therapiert wird von Dr. Freud persönlich, der sich als Handpuppe immer wieder in das Geschehen einmischt, seine Analysen aber einfach nicht vermitteln kann. Letztlich schlagen alle Therapien nicht an, stattdessen greift der „Geldkomplex“ auch auf die anderen Insassen über.

Hinter den Puppen steckt Suse Wächter, ihre Fertigkeiten im Puppenbau und -spiel sind längst im gesamten deutschsprachigen Raum gefragt. Im „Geldkomplex“ zeigt sich auch warum: Die Figuren fungieren als gleichwertige Mitspieler und bauen Erzählbrücken. Witzige Szenen werden dabei häufig vom Auftritt der Puppen durchbrochen. Gespielt werden die Figuren von Wächter selbst sowie von Peter Lutz.

Das Regie-Duo Kuttner/Wächter hat zahlreiche biografische Elemente aus dem Leben von Reventlows in das Projekt eingearbeitet. Kuttner lässt etwa in Videosequenzen Reventlows 1981 verstorbenen Sohn Rolf erzählen und verknüpft so echtes Leben mit dem fiktiven im Theater. Finanzkrisen, Rettungsfonds und Pleitestaaten sorgen auch heute für einen „Geldkomplex“, das Thema ist omnipräsent.

Von

dpa

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