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08.04.2006

10:00 Uhr

Globalisierung

Mit einem T-Shirt auf die Bestsellerliste

VonTanja Kewes

Pietra Rivolis Buch über die Globalisierung gehört zu den meistverkauften Wirtschaftsbüchern der vergangenen Wochen.

DÜSSELDORF. Das Frühjahrsgeschäft hat deutliche Spuren auf der neuen Handelsblatt-Bestsellerliste hinterlassen. Gleich fünf Titel schafften im März den Sprung unter die zehn meistverkauften Wirtschaftsbücher. Hartnäckig aber hält sich ein Management-Klassiker unter den Spitzentiteln: Kein Buch verkaufte sich im vergangenen Monat so gut wie "Simplify your Life" (Campus-Verlag) von Werner Küstenmacher und Lothar Seiwert.

Zu den hoffnungsvollen Neueinsteigern zählt Pietra Rivolis "Reisebericht eines T-Shirts" (Econ-Verlag). Rivoli ist Professorin für Internationale Wirtschaft und Finanzen an der Georgetown-Universität, Washington. Sie erzählt die Geschichte der Menschen, der Politik und der Märkte, die ein Kleidungsstück prägen. Es ist ein Lehrstück über die Globalisierung - in Romanqualität.

Texas, Schanghai, Miami, Daressalam - was sich liest wie die Tourdaten einer Rockband, sind die Lebensstationen eines weißen T-Shirts aus Baumwolle mit einem knallbunten Papagei auf der Brust. "Weißt du, wer dein T-Shirt gemacht hat?" Die provokante Frage einer Studentin treibt die Professorin um die Welt. Das 5,99-Dollar-T-Shirt in der Hand, reist sie von der Baumwollfarm in Texas zur Garnfabrik nach Schanghai und in die Siebdruckerei nach Miami. Ihre Spurensuche endet beim Altkleiderhändler von Daressalam in Ostafrika.

Rivoli spult die Reisestationen nicht einfach ab. Akribisch beschreibt sie Details: "Für den Verbraucher ist das T-Shirt aus Baumwolle, aber für den Baumwollexperten ist Baumwolle ein Begriff wie Schnee für den Eskimo: Wegen der unendlichen Vielfalt bedeutet der allgemeine Begriff nur sehr wenig. Wenn der Konsument Baumwolle denkt, denkt der Experte an Faserlänge und Faserfarbe, Zuckergehalt, Fremdpartikel, Feuchtigkeit und Faserstärke." Auf ihrer T-Shirt-Tour zieht Rivoli Vergleiche, die bisher Erlebtes aufgreifen und Kontraste aufzeigen. "Während die Fahrt zur Baumwollfarm der Reinschs (in Symer, Texas) eine Reise durch das Nichts ist, führt der Weg zur Garnfabrik (in Schanghai) durch ein unglaublich verstopftes Gewirr von kleinen Gassen und Hochhäusern, Schuppen und Werkstätten, Bäckereien und Tea-Shops, Fahrrädern und Handwagen, Wasserbüffeln und Hühnern."

Erst ihr ökonomisches Fachwissen erhöht die Reisereportage zum Lehrstück über die Globalisierung. Erklärungsansätze für die zentralen Fragen des Buches "Wie dominiert Amerika seit 200 Jahren die Baumwollproduktion?" oder "Warum liefert China die besten T-Shirts zum günstigsten Preis?" sucht und findet die Autorin in Wirtschaftsgeschichte, Politik, Geographie und Gesellschaftsstrukturen. Mit Zitaten zu Rate gezogen werden der Philosoph David Hume, der Nationalökonom Adam Smith sowie Globalisierungsvordenker wie Jagdish Bhagwati.

Indirekt setzt sich die Autorin auch mit einem Phänomen der Moderne auseinander. In einem anonymen, vielschichtigen Arbeitsprozess geht das ganzheitliche Schaffenserlebnis verloren. Weder der Fabrikarbeiter noch der Konsument weiß, wie ein industrielles Produkt entstanden ist und was es ausmacht. Rivoli schreibt damit in der Tradition der amerikanischen Follow-the-Money-Geschichten und knüpft an Vorbilder wie Richard Rhodes an, der in seinem mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Buch "The making of the Atomic Bomb" die Entwicklung der Atombombe minutiös nachzeichnet.

Bücher wie Pietra Rivolis "Reisebericht" beleben die Diskussion um Globalisierung und internationale Arbeitsteilung. Die Leser wissen dies zu schätzen. Kaum auf dem deutschen Markt, sprang das Buch sofort auf Platz sechs der Handelsblatt-Bestsellerliste.

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