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17.10.2014

08:49 Uhr

Graphik

Huldigung an einen Muff

VonChristiane Fricke

Helmut H. Rumbler zählt zu den weltweit rar gewordenen erfahrenen Graphik-Händlern. Seine Herbst-Offerte sorgt einmal wieder für herausfordernde Seherlebnisse. Das Spektrum reicht von einem Heiligen Antonius, dem kleine fiese Monster zusetzen, bis hin zur Darstellung tändelnder Liebespaare.

In der Schwebe zwischen Skulptur und erotischem Ding: Wenzel Hollars Radierung "Ein Muff in fünf Ansichten" (1645/46). Quelle: Kunsthandlung Helmut H. Rumbler

In der Schwebe zwischen Skulptur und erotischem Ding: Wenzel Hollars Radierung "Ein Muff in fünf Ansichten" (1645/46). Quelle: Kunsthandlung Helmut H. Rumbler

FrankfurtHelmut H. Rumbler fand, dass er für dieses Jahr sein Soll an Rembrandt-Offerten bereits erfüllt hatte. Schon im März spielte der Meister auf seinem Stand auf der Antiquitätenmesse Tefaf die unangefochtene Hauptrolle. Als es nun galt, den Herbstkatalog zusammenzustellen, entschied sich der Frankfurter Graphik-Händler deshalb für ein „Portfolio 2014 – Ohne Rembrandt“.

Der neue Katalog ist 79 Nummern stark und alphabetisch nach Künstlernamen sortiert. Das sorgt für größtmögliche Überraschungen beim Durchblättern, da die Spannweite von der Dürerzeit bis ins frühe 20. Jahrhundert reicht. Dabei sind Klassiker wie etwa Goya ebenfalls zu finden wie qualitätvolle Blätter weniger geläufiger Künstler sind.

Gleich am Anfang bleibt der Blick an zwei anonymen Memento Mori-Darstellungen in Schabtechnik hängen: die erste ein aus dem Dunkel herausgearbeitetes „Schlafendes Kind neben einem Totenkopf“ um 1680 (3.800 Euro), die zweite ein 100 Jahre später datierter toter Soldat in samtigen schwarzen Tönen (4.500 Euro). Als ein Meilenstein im graphischen Werk Lukas Cranachs d. Ä. gilt der Holzschnitt „Die Peinigung des Heiligen Antonius“ (1506), den Rumbler für 22.000 Euro anbietet. Kleine fiese Monster setzen dem Eremiten zu, während sie ihn im Schatten eines großen Baumes in die Lüfte heben; in der Ferne eine unschuldig aussehende Landschaft.

Constantijn Daniel van Renesse: "Die Dorfkirmes mit Scharlatanen", Radierung mit Kaltnadel, um 1650. Quelle: Kunsthandlung Helmut H. Rumbler

Constantijn Daniel van Renesse: "Die Dorfkirmes mit Scharlatanen", Radierung mit Kaltnadel, um 1650. Quelle: Kunsthandlung Helmut H. Rumbler

Schlittschuhläufer unter tiefem Himmel

Die eher heitere Leichtigkeit des Seins vermittelt Pieter Bolts „Die Schlittschuhläufer“, eine der wenigen Originalradierungen, die es von ihm gibt. Den Schwung der Läufer nehmen die windbewegten Wolken und diverse durch die Lüfte kreuzende Vogelschwärme auf. Die auspolierten tiefen Partien des Himmels, laut Katalog „wie immer etwas trocken druckend“, sorgen dafür, dass Himmel und Erde am Horizont ineinander über gehen (7.500 Euro).

Zeitlich nicht weit von Bolts entfernt ist Constantijn Daniel van Renesses Kaltnadel-Radierung einer Dorfkirmes mit Scharlatanen (um 1650). Auch dieser Rembrandt-Schüler hat nur wenige Blätter gemacht. Die vielschichtige, von großer Nähe bis in die entfernte Tiefe schräg aufgebaute Komposition ist selten. Sie integriert auch den Betrachter, der gleichsam über Rücken, Hüte und Mützen der vor ihm stehenden Menge auf die erhöht vor einer ruinenartigen Architektur agierenden Scharlatane blickt. 9.000 Euro sind für das Blatt veranschlagt.

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