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13.04.2015

13:40 Uhr

Günter Grass – ein Nachruf

Alles Schöne ist schief

VonOliver Stock

Günter Grass hat uns beglückt und bestürzt. Genau dafür lieben wir ihn weiter. Ein Nachruf auf den verstorbenen Literaturnobelpreisträger.

„Die Blechtrommel“ begründete den Ruhm des Autors. Reuters

Günter Grass

„Die Blechtrommel“ begründete den Ruhm des Autors.

Günter Grass, der Feind alles Endgültigen, ist gestorben. Heute in Lübeck. „Wer dauernd Endgültiges zu sagen bemüht ist, der kommt über Plattitüden nicht hinaus“, hat er selbst festgestellt. Also soll hier kein Urteil stehen, sondern nur eine Beschreibung, eine die sich verändern wird in der Perspektive derjenigen, die ihn künftig lesen. Denn lesen müssen wir ihn weiter. Unbedingt.

Grass war ein Intellektueller, er war ein politischer Kopf, er war ein Quer- und Quälgeist – das alles ist endgültig vorbei. Was Grass aber bleibt, ist: ein deutscher Dichter. Einer der besten, die in den vergangenen 50 Jahren in Deutschland über sehr deutsche Themen so geschrieben haben, dass die Welt aufhorchte. Der Mann mit dem kantigen Gesicht und dem Schnauzbart wurde 87 Jahre alt, ging einst in Danzig zur Schule, erlebte den zu Ende gehenden Krieg als Luftwaffenhelfer und Mitglied der Waffen-SS.

Letzteres offenbarte er erst als er schon fast 80 war – ein bisschen spät für einen, der die Verstrickungen der Kriegsgeneration immer wieder zum Thema seiner Romane und Gedichte gemacht hat, monierten Kritiker. „Alles Schöne ist schief“, hätte Grass als Zitat aus dem eigenen Zitatenschatz zur Antwort geben können.

1958 las Grass zwei Kapitel aus seinem noch unfertigen Erstling vor. „Die Blechtrommel“, sollte er heißen und ist geschrieben aus der Perspektive eines gewissen Oskar Matzerath, der mit vollständig entwickeltem Verstand in Danzig zur Welt kommt und an seinem dritten Geburtstag erfolgreich beschließt, nicht größer als die bis dahin erreichten 91 Zentimeter zu werden. Als scheinbar ewiges Kind berichtet er über die Welt der Erwachsenen. Der Roman ist komisch, traurig, gewaltig. Er begründet Grass‘ Ruhm und gab den Ausschlag, dass er 1999 den Literatur-Nobelpreis erhielt. Seit den „Buddenbrooks“ von Thomas Mann hatte es so etwas nicht gegeben. Volker Schlöndorf verfilmte „Die Blechtrommel“ oscarreif.

Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, mit dem Grass eine Hassliebe verband, schildert seine erste Begegnung mit dem jungen Autoren und seinem Werk so: Es sei ein langweiliger und uninteressanter Nachmittag in Warschau gewesen, an dem er sich mit einem unseriös wirkenden, schmuddeligen Mann zu beschäftigen hatte, dessen Beschreibung an die eines Alkoholikers erinnert. Dieser erzählte ihm zu allem Überfluss auch noch von einem Roman, den er gerade in Arbeit hatte und der sich um einen buckeligen Zwerg in einer Irrenanstalt drehte. Reich-Ranicki wollte von diesem Werk nichts weiter hören und hielt es wie auch seinen Verfasser vorab für gescheitert. Er revidierte bald seine Meinung über die „Blechtrommel“, spätere Romane wie etwa „Ein weites Feld“ und „Die Rättin“ aber verriss er vernichtend.

Die Erinnerungsarbeit über deutsche Schuld und die literarische Kompensation des Heimatverlustes prägen das Werk von Grass. Das Thema ließ ihn nie los. Nicht nur in der frühen „Danziger Trilogie“, zu der neben der „Blechtrommel“ auch „Katz und Maus“ und „Hundejahre“ gehören, sondern auch in der späten Novelle „Im Krebsgang“ dominiert dieses Thema. Grass schildert darin das Schicksal der zwölf Millionen Vertriebenen am Beispiel des Untergangs der „Wihelm Gustloff“ 1945, die mit Tausenden Flüchtlingen an Bord in der Ostsee von einem russischen U-Boot versenkt wurde.

1982, nach dem Bruch der sozialliberalen Koalition, trat Grass der SPD bei - um sie zehn Jahre später aus Protest gegen die von den Sozialdemokraten getragene Asylpolitik wieder zu verlassen. 2010 erschien sein autobiographisches Werk: „Beim Häuten der Zwiebel“, in dem er eben mitteilte, selbst bei der Waffen-SS gewesen zu sein, bevor er verwundet wurde und in Kriegsgefangenschaft geriert. Er habe die Waffen-SS, deren Brutalität in Geschichtsbüchern aufs genaueste dokumentiert ist, damals eher „als Eliteeinheit“ gesehen, berichtete Grass, „die doppelte Rune am Uniformkragen war mir nicht anstößig.“ Die Naivität des Intellektuellen mag Erstaunen hervorrufen - aber eben nur bei denen, die Endgültigkeiten lieber serviert bekommen als Veränderungen.

Gustav Seibt schrieb damals über Grass in der „Süddeutschen Zeitung“: „Die Generation der in den späten zwanziger Jahren geborenen letzten Kriegsteilnehmer war noch im Abgrund, aber nicht so tief, dass sie sich nicht daraus hätte befreien können.“ Das möge die enorme Produktivität dieser Menschen erklären. Ihre Generation beschreibt Seibt mit den Worten, sie sei ein „Wald von großen Männern, die die Geschichte der Bundesrepublik bis heute prägen“. Es wäre eine Plattitüde zu sagen, der Wald habe sich jetzt gelichtet. Allerdings würde Grass dieses sehr deutsche Bild des Waldes vermutlich sogar gefallen.

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Kommentare (10)

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Herr Helmut Paulsen

13.04.2015, 13:47 Uhr

Die "Schuld und Angst der Deutschen" muss ewig erneuert werden Dafür sorgen Politik und Medien ohne Unterlass in Deutschland.

Nur so kann man sie dirigieren und ausbeuten ohne Unterlass.

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Selbst bei der SS gewesen - hat das 50 Jahre verheimlicht - aber endlos auf den Deutschen und dem ewigen Schuld-Kult rumkackern.

Das ist Doppelmoral hoch 10 gewesen.

Amen.

Herr peter Spirat

13.04.2015, 13:58 Uhr

Was solte auch daran schlimm sein, wenn man bei der SS war und daraus gelernt hat, wie es NICHT geht.

schlimmer finde ich das Verhalten, der Griechen, die mit alexander dem Großen unendliches Leid über der persische Bevölkerung gebracht haben und die nicht einmal im Traum daran denken, dass sie hierfür wiedergutmachung zahlen müssen.

Es ist nicht schlimm, wenn man Fehler macht. Aber es ist schlimm, wenn man dasfür keine Wiedergutmachung leisten will.

Herr Lui Kators

13.04.2015, 14:16 Uhr

Ein Opportunist und Heuchler ist von uns gegangen. Wie schrecklich.

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