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15.05.2015

08:07 Uhr

Gurlitt-Sammlung

Raubkunst-Bild kehrt zu Besitzern zurück

Es ist ein Meilenstein im endlos scheinenden Fall Gurlitt: Ein wertvolles Bild aus der Kunstsammlung soll jetzt den Weg zurück zu seinen rechtmäßigen Besitzern finden. Jahrzehntelang hat die Familie darauf gewartet.

Die „Sitzende Frau“ des französischen Malers Henri Matisse geht zurück an Familie Rosenberg. dpa

Werke aus der Gurlitt-Sammlung

Die „Sitzende Frau“ des französischen Malers Henri Matisse geht zurück an Familie Rosenberg.

MünchenEin Gemälde aus der umstrittenen Kunstsammlung von Cornelius Gurlitt soll an diesem Freitag zu seinen rechtmäßigen Besitzern zurückkehren. Der Vertreter der Familie Rosenberg, Christopher Marinello, reiste nach München, um das Bild „Sitzende Frau“ von Henri Matisse entgegenzunehmen, wie er der Deutschen Presse-Agentur am Donnerstag bestätigte.

Die Familie hatte für die Rückgabe des Ölgemäldes gekämpft, das jahrzehntelang verschollen war. Mit Hunderten anderen Kunstwerken wurde es 2012 in Gurlitts Wohnung in München-Schwabing gefunden und von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt. Das Bild war dem jüdischen Kunsthändler Paul Rosenberg einst von den Nationalsozialisten geraubt worden, wie die mit der Herkunftsforschung beauftragte Taskforce „Schwabinger Kunstfund“ bestätigte.

Neben der Herausgabe der „Sitzenden Frau“ hatte das Amtsgericht München auch die Rückgabe des Bildes „Zwei Reiter am Strand“ von Max Liebermann genehmigt. Ein Termin für die Übergabe wurde allerdings nicht bekannt.

Streit um Gurlitt-Erbe: Cousine droht dem Kunstmuseum Bern

Streit um Gurlitt-Erbe

Cousine droht dem Kunstmuseum Bern

Fast 1300 Kunstwerke waren in Cornelius Gurlitts Privatwohnung gefunden worden. Nach seinem Tod vererbte er sie dem Kunstmuseum Bern. Doch nun tritt seine Cousine auf den Plan und droht mit einem jahrlangen Rechtsstreit.

Laut einer Vereinbarung zwischen Deutschland und dem Kunstmuseum Bern liegt der Teil der Sammlung, der unter Raubkunst-Verdacht steht, in der Verantwortung des Bundes. Gurlitt hatte das Kunstmuseum Bern als Erben eingesetzt. Ob das Erbe tatsächlich an das Kunstmuseum geht, ist noch nicht endgültig entschieden. Ansprüche hat auch eine Cousine erhoben, die derzeit noch um einen Erbschein streitet.

Cornelius Gurlitt, Sohn von Hildebrand Gurlitt, einem der vier Kunsthändler Adolf Hitlers, stand mit seiner Sammlung monatelang im Zentrum einer Debatte um Nazi-Raubkunst. Er starb am 6. Mai 2014 in München.

Der Fall Gurlitt

Vater und Sohn Gurlitt

Cornelius Gurlitt war der Sohn des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt (1895-1956). Dieser hatte wegen seiner jüdischen Wurzeln zwar unter den Nazis zu leiden, er gehörte aber nach Darstellung von Experten auch zu den zentralen Figuren des NS-Kunsthandels.

1500 Werke

Nach dem Tod seiner Eltern, erst des Vaters, 1968 auch der Mutter, war Sohn Cornelius Gurlitt (geboren 1932) für die Sammlung von mehr als 1500 Werken, darunter Arbeiten von Matisse, Picasso und Monet, verantwortlich. Er hielt sie im Verborgenen.

Kunstmuseum als Alleinerbe

2012 entdeckten Fahnder im Zuge von Zoll- und Steuerermittlungen einen Großteil der Bilder in seiner Münchner Wohnung. Die Werke wurden sichergestellt. Cornelius Gurlitt starb im Mai 2014. Er setzte das Kunstmuseum Bern als Alleinerben ein.

Raubkunst

Die Raubzüge der Nationalsozialisten haben viele Menschen um ihren materiellen Besitz gebracht. Die Nazis enteigneten unter anderem jüdische Sammler oder zwangen sie, ihre Kunstschätze unter Wert zu verkaufen. Die im Zuge der Verfolgung den Opfern abgenommenen Werke werden Nazi-Raubkunst genannt. Teile der Sammlung Gurlitt stehen unter Raubkunst-Verdacht.

Sogenannte „Entartete Kunst“

Der Begriff „entartet“ stammt aus der Nazi-Rassenlehre. Die Nationalsozialisten übertrugen ihn auf moderne Kunst, die nicht zu ihrem Kunstverständnis und Menschenbild passte. Als „entartet“ diffamierte das NS-Regime unter anderem Werke des Expressionismus, Surrealismus und Kubismus. 1937 zeigten die Nazis in München die Propaganda-Schau „Entartete Kunst“ mit zuvor beschlagnahmten Werken. Teile der Sammlung Gurlitts konnten nach Angaben der Datenbank Lostart dem Beschlagnahmegut der nationalsozialistischen „Aktion Entartete Kunst“ zugeordnet werden.

Provenienzforschung

Das Wort Provenienz bezeichnet die Herkunft, die Abstammung, den Ursprung. Bei der Provenienzforschung versuchen Experten, die Herkunft von Kunstwerken zu klären. Museen wollen zum Beispiel ausschließen, dass sich Nazi-Raubkunst in ihren Beständen befindet. Dazu prüfen die Fachleute etwa die Eingangsdaten und die Preise, zu denen Werke gekauft wurden. Die Suche ist oft mühsame Detektivarbeit, denn meist sind die fraglichen Bilder und Skulpturen durch mehrere Hände gegangen, wurden getauscht oder bei Auktionen verkauft.

Von

dpa

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