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06.04.2016

14:26 Uhr

Hans Geißendörfer wird 75

Der Mann mit der „street credibility“

Mit 75 könnte man sich eigentlich guten Gewissens zurücklehnen und nichts tun. Doch Hans W. Geißendörfer ist beschäftigt wie eh und je – den Vater der „Lindenstraße“ lässt das Filmemachen nicht los.

Der Vater und Boss der „Lindenstraße“ hat noch lange nicht fertig. dpa

Hans W. Geißendörfer wird 75

Der Vater und Boss der „Lindenstraße“ hat noch lange nicht fertig.

KölnWie er da sitzt auf dem Sofa hinter den Kulissen der „Lindenstraße“, wirkt er so entspannt, als habe er alle Zeit der Welt: Filzpantoffeln, blaues Schaltuch und natürlich die obligatorische schwarze Strickmütze. Doch wenn Hans W. Geißendörfer erzählt, wird schnell klar: Er rastlos und voller Tatendrang. Das Nichtstun liegt ihm nicht. Dass er am Mittwoch 75 Jahre alt wird, bedeutet für den Regisseur vor allem eins: „Die Zeit wird kürzer, um all die Dinge zu tun, die ich noch tun will.“

Erst kürzlich war er in Barcelona, wo die jüngste seiner drei Töchter an einem Marathon teilgenommen hat. Zusammen mit seiner Frau will er bald zum dritten Mal in den Oman reisen - „die Wüste fasziniert uns“. Er pendelt zwischen seinen drei Wohnsitzen in Griechenland, Köln und England, wo das Ehepaar sich einen alten Pub am Kanal zum Wohnhaus umgebaut hat.

Darum hat sich hauptsächlich seine Frau gekümmert, mit der er seit 1978 verheiratet ist. Und wo fühlt der Weltenbummler sich Zuhause? Geißendörfer zuckt die Schultern: „Zuhause ist für mich überall, wo die Familie ist oder die Arbeit.“

Die „Lindenstraße“ in Zahlen

Schauspieler

262 Schauspieler waren bislang mit Hauptrollen und 2200 mit Gastrollen unter Vertrag. Rund 27.000 Komparsen aßen im „Akropolis“, kauften im Supermarkt oder ließen sich im Friseursalon die Haare schneiden. Aktuell gehören 34 erwachsene Schauspieler und 9 Kinder zum festen Ensemble.

Quelle: dpa

Feste

In der Serie gab es 31 Hochzeiten und 46 Todesfälle.

Verstorben

19 Schauspieler, die in Hauptrollen mitspielten, sind im Laufe der Serie gestorben. Im Juni starb der Übersetzer und Schriftsteller Harry Rowohlt, der den Penner Harry verkörperte.

Drehbücher

Die Drehbücher der Folgen 1 bis 1559 füllen insgesamt rund 85.000 Seiten. 28 Drehbuchautoren haben mitgewirkt.

Produktion

Etwa 11 Wochen vor ihrer Ausstrahlung sind die Folgen gedreht und geschnitten. Kurz vor dem Sendetermin werden oft noch Szenen mit aktuellem Bezug eingebaut.

Kulisse

Die Außenkulisse der „Lindenstraße“ ist 150 Meter lang und befindet sich auf dem WDR-Gelände in Köln-Bocklemünd. Für die Dreharbeiten stehen ständig 100.000 Requisiten zur Verfügung.

Zuschauer

1995 schalteten im Schnitt 8,7 Millionen TV-Zuschauer sonntagabends die Serie ein. Heute sind es noch durchschnittlich 2,5 Millionen, hinzu kommen Abrufe über Mediathek, Livestream und App.

Seine Arbeit, das Filmemachen, ist zugleich seine größte Leidenschaft und lässt ihn somit auch mit 75 nicht los. Der gebürtige Augsburger plant gerade einen neuen Fernsehfilm, ein Kinofilm ist in Vorbereitung und er kann sich auch vorstellen, einen zweiten „Tatort“ zu machen.

Und dann natürlich seine „Lindenstraße“. Auch nach mehr als 30 Jahren ist die ARD-Serie seiner Ansicht nach nicht auserzählt. „Früher hatte ich mal eine Zeit, da dachte ich, es gibt keine Themen mehr, es ist alles schon einmal vorgekommen. Aber dann habe ich kapiert, dass die Wiederholung der Alltag ist, den die „Lindenstraße“ ja zeigen will. Deshalb kann man immer wieder Geschichten erzählen, die an der Oberfläche neu sind, aber dasselbe Grundthema haben.“ Denn es gebe unzählige Varianten derselben Themen, sei es Liebe, Krankheit oder Tod.

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Tabubrüche wie der erste Schwulen-Kuss, mit dem die „Lindenstraße“ einst für Aufruhr gesorgt hatte, seien angesichts der vielen Reality-Formate heute zwar kaum noch möglich. Geblieben ist aber die Mission, aktuelle gesellschaftliche und politische Ereignisse zu thematisieren und dadurch vielleicht auch zu provozieren. „Wir haben zurzeit eine politische Landschaft, in der die „Lindenstraße“ als Unterhaltungssendung gefragt ist, kritisch Stellung zu beziehen“, betont Geißendörfer. „Wenn es also zum Beispiel auf Dauer eine starke rechtslastige Gegenbewegung im Parteiengefüge gibt, werden wir daraus einen Handlungsstrang machen und zeigen, wo das hinführen kann.“

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