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11.03.2006

17:58 Uhr

"Helle Tage"

Amerikas Traum lebt weiter

VonKerstin Schneider

Wenn Michael Cunningham einen Roman schreibt, horcht Amerika auf. In den USA wurde sein neues Buch "Helle Tage" als Meisterwerk gefeiert, weil es die alte Idee von der enormen Wandlungs- und Überlebensfähigkeit Amerikas belebt.

HB BERLIN. Cunningham ist ein Literaturstar, dem der Roman "The Hours" vor fünf Jahren den Pulitzerpreis eingebracht hat. Seither umweht den 54-Jährigen ein Hauch von Bewunderung. Das war auch bei der Lesereise zu spüren, die den Bestsellerautor dieser Tage nach Deutschland brachte.

"Helle Tage" führt uns zum Beginn des Industriezeitalters zurück. Das New Yorker Stahlwerk, das Cunningham beschreibt, ist die Hölle. Geregelte Arbeitszeiten, Arbeitsschutz, Hinterbliebenenrente - das waren Mitte des 19. Jahrhunderts Fremdwörter. Furios springt der Roman durch die Zeitgeschichte, indem er drei Genres verknüpft: Der erste Teil ist ein historischer Roman, in dem ein Junge den tödlichen Arbeitsunfall seines Bruders Simon verkraften muss. Der zweite, ein Thriller, spielt in der Gegenwart, kurz nach dem 11. September. Auf den letzten 150 Seiten folgt ein Science-Fiction-Roman, in dem der Mensch zur Maschine wird und sich die Zivilisation auflöst.

Warum das Ganze? Cunningham fühlt sich durch literarische Kategorisierungen eingeengt: "Die Welt ist zu groß für eine Geschichte." So lässt er Simon erst zum Industriearbeiter, dann zum Börsenmakler und schließlich zum künstlichen Menschen werden. Simon gehört zu den Figuren, die in allen drei Romanstrecken wiederkehren. Doch die eigentliche Hauptperson ist New York. Verdreckt von Fabriken, gezeichnet vom Terror, verkommt die Stadt im letzten Teil zum Disneyland für Touristen.

Dennoch ist das Buch nicht pessimistisch. Der Überlebenscode des Menschen liegt für Cunningham in der Poesie. Der amerikanische Traum lebt weiter: Simon reitet auf der Suche nach Schönheit und Wahrheit wie ein einsamer Cowboy gen Westen. Dort wartet die Zukunft auf ihn. Wenn das kein Bild für Hollywoods Filmindustrie ist.

Michael Cunningham: Helle Tage, Luchterhand Verlag, München 2006, 382 Seiten, 21,95 Euro

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