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20.06.2015

15:43 Uhr

Herbert Grönemeyer in Bochum

Das (letzte) Fest der Opelaner

VonLaura Waßermann

Als das Bochumer Opel-Werk Ende 2014 geschlossen wurde, lud Herbert Grönemeyer die Arbeiter, die ihre Jobs verloren hatten, zum Konzert ein. Es wurde ein Abend, der den Zusammenhalt feierte – und nicht enden wollte.

In Bochum ist der Sänger eine Ikone. dpa

Herbert Grönemeyer

In Bochum ist der Sänger eine Ikone.

BochumEr ließ seine Fans nicht lange zappeln. Es regnete am Freitagabend ins Rewirpower-Stadion, als Herbert Grönemeyer recht früh die Hymne an seine Heimatstadt spielte. „Bochum“: „Glück auf, Glück auf, der Steiger kommt. Und er hat sein helles Licht bei der Nacht, schon angezündt“. Kaum hatte die Band die ersten Zeilen angestimmt, sangen rund 30.000 Bochumer oder die, die es in diesem Moment gerne gewesen wären, für ihren „Herbie“. Und er sang mit.

Wenn Herbert Grönemeyer in Bochum „zu Gast“ ist, findet nie ein gewöhnliches Konzert statt. Dort wird er vergöttert, das war an diesem Abend zu spüren. Doch die Besonderheit lag diesmal nicht nur an der „Bochum“-Ekstase. Unter den 30.000 Konzertgästen waren rund 3500 Opelaner. Nachdem der US-Autokonzern General Motors das hiesige Werk Ende 2014 abreißen und die Produktion nach Rüsselsheim verlegen ließ, waren sie plötzlich arbeitslos.

„Guten Abend Bochum, ich begrüße alle Opelaner“, rief Grönemeyer. Er hatte sie und ihre Familien eingeladen, für umsonst zu seinem Konzert zu kommen. Als „eine Geste der Solidarität“, wie der Sänger im Februar gegenüber der „WAZ“ sagte. „Man kann ja als Künstler nicht so viel tun.“ Also hat er gesungen.

Die wichtigsten Deutschen aus Kunst und Kultur

Umfrage

Das IfD Allensbach hat Anfang 2009 fast 1000 Personen ab 16 Jahren gefragt: Welche der folgenden Personen sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Personen aus Kunst, Sport und Kultur der letzten 60 Jahre?

14 Prozent

Siegfried Lenz

16 Prozent

Kurt Masur

17 Prozent

Rainer W. Fassbinder

20 Prozent

Katarina Witt

22 Prozent

Hans-J. Kulenkampff

23 Prozent

Inge Meysel

25 Prozent

Herbert Grönemeyer und Mario Adorf

26 Prozent

Henry Maske

28 Prozent

Heinrich Böll

32 Prozent

Fritz Walter und Günter Grass

33 Prozent

Thomas Gottschalk

35 Prozent

Uwe Seeler

38 Prozent

Boris Becker

44 Prozent

Steffi Graf

46 Prozent

Michael Schumacher

51 Prozent

Loriot und Franz Beckenbauer

55 Prozent

Heinz Rühmann

„Seine Einladung beweist, dass das Wort Solidarität im Ruhrpott wirklich gelebt wird“, sagte Rainer Einenkel vorab im Gespräch mit dem Handelsblatt. Der ehemalige Betriebsratschef von Opel in Bochum sei immer noch ratlos über die Werkschließung. Von den rund 3000 Opelanern, die im Dezember vergangenen Jahres ihren Job verloren haben, sind bisher 2500 in eine Transfergesellschaft „aufgenommen“ worden. Ende Mai waren laut Einenkel zirka 100 Beschäftigte vermittelt. „Nur wenige haben bisher eine festere Perspektive.“ Ob er deshalb selbst ins Rewirpower-Stadion gehen würde? „Aber sicher. Ich werde viele Opelaner wiedersehen, wir werden uns austauschen und uns über das Konzert freuen.“

„Heute mache ich mir keine Sorgen, ich fass sie morgen wieder an“, „die Brücke ist breiter als der Fluss“. Die Botschaft des Songs „Wunderbare Leere“ aus Grönemeyers aktuellen Album „Dauernd jetzt“ war eindeutig. Die Menschen im Innenraum umarmten sich, sangen und tanzten. Nach einem Dutzend Zugaben und dem zweiten Mal „Bochum“ herrschte Stimmung wie bei einem Festival: Es hätte die ganze Nacht so weitergehen können. Abgesehen von den Temperaturen.

Die Songs von „4630 Bochum“

10. Mambo

Refrain: „Ich drehe schon seit Stunden

Hier so meine Runden

Es trommeln die Motoren

Es dröhnt in meinen Ohren

Ich finde keinen Parkplatz

Ich komm zu spät zu Dir, mein Schatz

Du sitzt bei Kaffee und Kuchen

Und ich such hier rum“

9. Erwischt

Refrain: „Es hat mich wieder erwischt

Wieder erwischt

Endlich wieder erwischt

Ich sag nie mehr nie wieder“

8. Fangfragen

Refrain: „Ich stell Dir Fangfragen

Du hast grad an ihn gedacht

Ich stell Dir Fangfragen

Was habt ihr gemacht

Fangfragen

Ich bleib die ganze Nacht durch wach

Warte, daß Du dich im Schlaf verrätst“

7. Jetzt oder nie

Refrain: „Jetzt oder nie

Jetzt oder nie mehr

Jetzt oder nie

Wascht ihr nur eure Autos“

6. Für dich da

Refrain: „Ich bin für Dich da

Egal, wie´s Dir geht

Ich bin für Dich da

Auch wenn die Welt durchdreht

 Ich bin für Dich da

Wann immer Du willst

Ich bin für Dich da

Ich lieb Dich, was kann ich noch für Dich tun?“

5. Amerika

Refrain: „Oh Amerika

Du hast viel für uns getan

Oh Amerika

Tu uns das nicht an“

4. Alkohol

Refrain: „Alkohol ist dein Sanitäter in der Not

Alkohol ist dein Fallschirm und dein Rettungsboot

Alkohol ist das Drahtseil, auf dem du stehst

Alkohol, Alkolhol“

3. Flugzeuge im Bauch

Refrain: „Gib mir mein Herz zurück

Du brauchst meine Liebe nicht

Gib mir mein Herz zurück

Bevor es auseinanderbricht

Je eher Du gehst

Um so leichter wird's für mich“

2. Männer

Refrain: „Männer haben's schwer, nehmen's leicht

Außen hart und innen ganz weich

Werden als Kind schon auf Mann geeicht

Wann ist ein Mann ein Mann“

1. Bochum

Refrain: „Bochum, ich komm aus dir

Bochum, ich häng an dir

Glück auf, Bochum“

Tatsächlich schien es, als wollte Herbert Grönemeyer einfach nicht von der Bühne gehen. Nicht nach einer Stunde, nicht nach zwei, auch nicht nach drei. Als er die Ballade „Flugzeuge im Bauch“ am Klavier spielte, gingen plötzlich tausende Smartphone-Lichter an. Hatte er aufgehört zu singen, gab es Beifall und Jubelrufe. Und nur Grönemeyer konnte das stoppen – indem er weiterspielte.

Doch trotz dieser geballten Liebeserklärung von „Herbie“ an Bochum und von Bochum an „Herbie“ sowie des eher traurigen Anlasses für ein Solidaritätskonzert – Grönemeyer hielt es undramatisch, was die Opelaner anging: „Ich hoffe, der Abend hat euch geholfen und ihr seht, dass wir bei euch sind. Ich hoffe, alle Nachbarn stärken euch den Rücken. Bochum!“ Ob dieses Konzert wirklich das letzte Fest der Opelaner war oder Herbert Grönemeyer noch einmal so eine Aktion startet – zuzutrauen wäre es ihm. Der Rest der kurzen Ansprache ging übrigens im Applaus unter. Außer: „Es ist schön, zuhause zu sein.“

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