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05.05.2012

18:46 Uhr

Höhere Steuer für Kunst

Ein Berufszweig wird stranguliert

Gerade erst hat der deutsche Kunstmarkt seine alte Ausstrahlung zurückgewonnen, da droht ihm das Aus. Eine erhöhte Mehrwertsteuer der EU übt Druck auf Galeristen und Kunsthändler aus.

Gabriele Münters Gemälde "Am Starnberger See" von 1908 VG Bild-Kunst / Villa Grisebach

Gabriele Münters Gemälde "Am Starnberger See" von 1908

BerlinDer deutsche Kunstmarkt hat im Ausland einen guten Ruf. Er ist ein beliebtes Geschäftsfeld für Kunstkäufer aus aller Welt. Gerade hat der Aufmarsch der Sammler, die Amerikaner vorneweg, auf dem Berliner Gallery Weekend die Zugkraft der deutschen Galerieszene bewiesen. Die Auktionen der Villa Grisebach veredeln hochkarätige Einlieferungen aus Amerika und der Schweiz, internationale Händler sind Hauptkunden bei Lempertz, bei Nagel in Stuttgart geben chinesische Käufer den Ton an. Erst über 50 Jahre nach dem Krieg hat der deutsche Kunstmarkt die Ausstrahlung zurückgewonnen, die er vor 1933 hatte.

Das alles ist nun in Gefahr. Nach dem Willen der EU-Kommission soll der ermäßigte Steuersatz für Kunstgegenstände und Sammlungsstücke in der Bundesrepublik von sieben auf 19 Prozent heraufgesetzt werden. Und keiner der sonst für alle Zweige der Wirtschaft in Brüssel aktiven Lobbyisten muckte auf. Weil es um Kultur geht, deren Vermittler Galeristen, Kunsthändler und Auktionatoren sind - eine Minorität im Wirtschaftsleben, für die der Einsatz offenbar nicht lohnt. Dass sie Kulturträger allererster Ordnung sind, wird vergessen.

Dass es dabei zu Verzerrungen auf europäischer Ebene kommt, bleibt unberücksichtigt. Der Steuersatz in der Schweiz liegt bei 7,6 Prozent, der Kunstexport ist steuerfrei. Noch 2010 bekannte der Schweizer Bundesrat sich dazu, dass der Kunst- und Antiquitätenhandel des Landes nicht benachteiligt werden darf. England hat einen ermäßigten Steuersatz von fünf, Frankreich von 5,5 Prozent auf Kunst.

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Angesichts dieser Wettbewerbsverzerrungen verstößt die jetzt vom Deutschen Kunstrat formulierte Forderung nach einem europaweit harmonisierten ermäßigten Steuersatz gegen das sonst von der EU so ausgiebig strapazierte Egalitätsprinzip. Dass Deutschland allein bluten soll, ist nicht einzusehen. Der britische Kunstmarkt schöpft ohnehin schon viel Kunst aus Deutschland ab. In die Schweiz ist nicht erst in den letzten Jahren aus fiskalischen Gründen erstrangige Kunst abgewandert, einschließlich bedeutender Sammler, die dem Alpenland ein besseres Kunstklima konzedieren. Die New Yorker Auktionen sind voll von deutscher zeitgenössischer Kunst, für die dort keine Folgerechtsabgaben zu entrichten sind.

Was sind die Folgen? Ein Bild, das in einer Galerie für 50.000 Euro angeboten wird, soll künftig 59.500 Euro kosten. Wenn es in einer Auktion für 50.000 Euro ersteigert wird, beträgt der Endpreis einschließlich eines 25-prozentigen Aufgelds und der avisierten Umsatzsteuer von 19 Prozent knapp 75.000 Euro - insgesamt ein Drittel mehr als der Zuschlag. Dass bei dieser Konstellation Spitzenwerke abwandern, ist programmiert. Das Geschäft deutscher Auktionshäuser schrumpft. Aus Italien, den Vereinigten Staaten und der Schweiz - Ländern, die deutschen Auktionen Alter und neuer Kunst zurzeit beachtliches Material liefern - gäbe es keine Einlieferungen mehr. Ausländische Käufer blieben aus.

Patrizia Bonanzinga, Michele Valensise, Nelli Feroci, Bernard de Montferrand und Elena Valensise sind Sammler und besuchen das Gallery Weekend in Berlin. STAR PRESS /AEDT

Patrizia Bonanzinga, Michele Valensise, Nelli Feroci, Bernard de Montferrand und Elena Valensise sind Sammler und besuchen das Gallery Weekend in Berlin.

Für deutsche Sammler ist die Preisfrage keine Petitesse. Viele Junge kaufen junge Kunst auf Pump, verschulden sich für ihre Passion. Solche Neigungen würden künftig im Ansatz erstickt. Kunstschmuggel und die Ausschaltung von Galerien durch direkten Atelierverkauf würden gefördert. Dabei sind es doch die Galerien, die Künstlerkarrieren aufbauen und die Arbeit der Museen unterstützen.

Die Folgen für den hiesigen Kunstmarkt sind: Schwund des internationalen Ansehens, der globalen Vernetzung, Reduktion auf einen nationalen Binnenmarkt mediokrer Qualität. Die Galeriestadt Berlin wäre erledigt, ein ganzer Berufszweig würde stranguliert. Das alles sollten sich unsere Politiker klarmachen und die Erhöhung des Steuersatzes nicht kampflos hinnehmen. Selbst die Künstlersozialkasse fordert die Bundesregierung auf, die Forderungen der EU zurückzuweisen.

In Brüssel muss nachverhandelt werden. Die Anhebung des Bundeszuschusses zur Künstlersozialkasse und der Mittel für die Kultur- und Kreativwirtschaft, die Erhöhung des Ankaufsetats des Bundes sind nur Trostpflaster, reine Augenwischerei. Sie leiten Mittel um, die den Markt am Leben halten. Ohne diesen Markt, seine Händler und Sammler, die mit der Kunst auch reichlich Volksvermögen aufbauen, ist die Kulturnation Deutschland nur ein Torso.

Von

Kommentare (10)

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Loge

06.05.2012, 00:42 Uhr

Immer wieder die gleiche Begründung, wenn Hand an Privilegien gelegt wird - der deutsche Uhrenmarkt müßte danach auch dem Untergang geweiht sein, da in der Schweiz eine VAT von 9,6% statt 19% gilt.
Allerdings sollten dann auch anderenorts Privilegien fallen ....

Was_soll_das

06.05.2012, 01:20 Uhr

Die Frage sei erlaubt: warum die EU Komission gerade den Deutschen Kunstmarkt ins Visier nimmt, warum dann nicht EU-weit gleichermaßen?

Steckt nicht eher ein Gesuch der deutschen Regierung dahinter, weil viel Leute sich krisenbedingt in Sachwerten engagieren und man da abschöpfen möchte?

Anders kann man die einseitige Entscheidung doch wohl kaum verstehen, sonst würde sie EU-weit gelten.

Gleichzeitig mach man den Kunstmarkt damit hier ineffizient, besser kaputt, was eher zu Mindereinnahmen staatlicherseits führen dürfte. Blinder, tumber Aktionismus.

Blinse

06.05.2012, 01:34 Uhr

"Blinder, tumber Aktionismus."

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