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09.01.2008

13:50 Uhr

„Homers Geheimnis“

Der Trojanische Krieg geht weiter

VonFerdinand Knauss

Seit Jahrhunderten versuchen Forscher, die Rätsel des Homer und seines „Ilias“-Epos zu ergründen, für die Forscher ist der Trojanische Krieg auch heute noch aktuell. Nun behauptet der Schriftsteller Raoul Schrott, „Homers Geheimnis“ gelöst zu haben –und sorgt für großen Wirbel in den Altertumswissenschaften.

DÜSSELDORF. „Der Trojanische Krieg findet nicht statt“, heißt ein „komisches Drama“ von Jean Giraudoux (1882-1944). Als es 1936 uraufgeführt wurde, hatten die Altertumswissenschaftler jedoch keinen Grund, sich zu ärgern, denn der Schriftsteller hatte nicht die Absicht, Homers „Ilias“-Epos umzuinterpretieren, sondern projizierte das Frankreich seiner Zeit in die antike Mythologie.

Das ist beim Schriftsteller Raoul Schrott anders. In einem Aufsatz in der „Frankfurter Allgemeinen“ verkündete er vor einigen Tagen: „Homers Geheimnis ist gelüftet.“ Wie schon 2001 in der Troja-Debatte (siehe Kasten) ist daraufhin ein Streit entbrannt um die Interpretation des über zweieinhalbtausend Jahre alten Textes. Für die Forschung ist der Trojanische Krieg – wo und wann auch immer er stattfand – noch längst nicht ausgefochten.

Eigentlich wollte Schrott nur eine Übersetzung der Ilias für den Hessischen Rundfunk schreiben (die im Dezember gesendet wurde). Im Laufe der Arbeit, so meint er, sei er dann zur Lösung zweier Fragen gelangt, an denen sich seit Jahrhunderten Historiker, Archäologen und Sprachwissenschaftler abarbeiteten: Was ist der historische Hintergrund des Epos? Wo liegt das historische Troja (= „Ilion“)? Wer war der Dichter Homer?

Schrotts Theorie: Das reale Vorbild für Ilion war nicht das von Heinrich Schliemann ab 1870 ausgegrabene Troja in der Nähe der Dardanellen („Hellespont“), sondern eine 800 Kilometer entfernt gelegene Festung (das heutige Karatepe) in Kilikien, an der Südostküste Anatoliens. Homer lebte nach Schrott nicht, wie vom Gros der Forscher vermutet, im 8. Jahrhundert vor Christus an der ionischen Küste, sondern im 7. Jahrhundert als Schreiber bei assyrischen, also orientalischen Herrschern in jener Landschaft Kilikien. Die Kämpfe, die ihm angeblich als Modell dienten, waren zeitgenössische Aufstände gegen die Assyrer, die diese zu Heldengeschichten verdichtet hatten. Homer war demnach ein von altorientalischen Erzähltraditionen, vor allem dem Gilgamesch-Epos geprägter Mittler zwischen Orient und Griechenland.

Dass Kulturgüter im Altertum aus dem Osten kamen (Schlagwort „Ex oriente lux“ - „Aus dem Osten das Licht“), ist keine neue Erkenntnis, sondern ein seit Jahrhunderten von Denkern mehr oder weniger stark betontes historisches Phänomen. Auch den alten Griechen selbst war zum Beispiel bewusst, dass ihre Schrift von der phönizischen abstammt. Doch Homer in diesem Zusammenhang zu verorten wird von Forschern ziemlich einhellig abgelehnt.

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