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01.11.2011

07:29 Uhr

Ilse Aichinger zum 90.

Vom tödlichen Kern guter Literatur

Ilse Aichinger macht sich rar. Interviews sind der Autorin ein Graus, überhaupt hat sie es schon länger nicht mehr so mit diesem, ihrem Leben. Ein Blick zurück auf das Werk einer der Größen der Nachkriegsliteratur.

Ilse Aichinger bei der Verleihung des Nelly-Sachs-Preises 1971. dapd

Ilse Aichinger bei der Verleihung des Nelly-Sachs-Preises 1971.

Genau in ihrer Beobachtung, rätselhaft poetisch in ihrer Sprache: Mit ihrem ganz eigenwilligen Tonfall ist Ilse Aichinger zu einer festen Größe der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur geworden. Im Alter aber hat sich die Autorin des Romans „Die größere Hoffnung“ zunehmend zurückgezogen. „Sie schreibt nicht mehr und ist nur noch Privatperson“, sagte ihr Wiener Verleger Reto Ziegler der Nachrichtenagentur dpa. So müssen Veranstaltungen zu ihrem 90. Geburtstag am Dienstag (1. November) ohne Ilse Aichinger auskommen.

„Mörderisch, aber vertraut“, so charakterisiert Aichinger in einem der letzten veröffentlichten Texte ihre Heimatstadt Wien. Auf merkwürdige Weise dunkel, dabei irritierend lyrisch wirken viele ihrer Texte. Ganz ungewöhnlich erscheint auch ihr Verhältnis zur Welt in früheren Gesprächen. Heute gibt sie keine Interviews mehr. Das Leben sei eine „absurde Zumutung“, sagte sie einmal der dpa. Am liebsten würde sie verschwinden.

Dieses „Verschwinden“, das man auch Tod nennen könnte, war für sie dabei keine erschreckende Vorstellung: „Gute Literatur ist mit dem Tod identisch“. Auch beim Schreiben sei ihr das nicht Sichtbare am wichtigsten, erklärte sie: „Alles, was man sagt oder schreibt, ist nur Fazit dessen, was man nicht sagt“.

Geprägt wurde diese Weltsicht durch dramatische Erfahrungen. Ihre Mutter, eine Ärztin, war Jüdin, der nichtjüdische Vater verließ die Familie. Im Juli 1939 konnte Ilses Zwillingsschwester Helga mit der Tante noch mit einem der letzten Kindertransporte nach England fliehen. Ilse sollte mit der übrigen Familie folgen, doch das Vorhaben scheiterte.

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