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05.05.2012

12:24 Uhr

Impressionisten und Moderne

Weltrekord für Munch, Millionen für andere

Sotheby's versteigerte in New York das expressionistische Meisterwerk, das als Ikone der Moderne gilt, für einen Rekordpreis. Die anderen Objekte gingen ein wenig unter. Dabei wurden auch diese für Millionen verkauft.

Mitarbeiter von Sotheby's tragen Edvard Munchs Meisterwerk „Der Schrei“. Es ist eines der bekanntesten Gemälde der Welt und nun auch das teuerste. Für 119,9 Millionen Dollar wurde die Ikone der Moderne in New York versteigert. dpa

Mitarbeiter von Sotheby's tragen Edvard Munchs Meisterwerk „Der Schrei“. Es ist eines der bekanntesten Gemälde der Welt und nun auch das teuerste. Für 119,9 Millionen Dollar wurde die Ikone der Moderne in New York versteigert.

New YorkUm 19.46 Uhr am Mittwoch kündigt Tobias Meyer, Sotheby's Starauktionator, "einen wichtigen Moment" an. Er wird nun gleich Edvard Munchs schockierende Pastellzeichnung "Der Schrei" (1895) aufrufen. Sie befindet sich als einzige von vier Versionen des Werks noch in Privatbesitz. Die anderen drei hängen in norwegischen Museen. Allein zur Vorbesichtigung in London, begleitet von beispiellosen Sicherheitsvorkehrungen, kamen 7 500 Besucher. In New York ließ man vorsichtshalber nur gute Kunden des Hauses zu. Die Aufmerksamkeit für eines der bekanntesten Bilder der Welt hätte kaum größer sein können.

Mit einer Taxierung von über 80 Millionen Dollar startet Auktionator Meyer schließlich mit 42 Millionen Dollar. Ben Frija von der Osloer Galleri K im Saal hebt die Hand, auch Patti Wong (Chairman Asia) steigt ein, wird aber, wie fünf andere Telefonbieter auch, schnell ausgeschaltet. Über die nächsten zehn Minuten bieten nur noch die beiden Sotheby's Topmanager Stéphane Cosman Connery und Charles Moffett für ihre Telefonkunden. Langsam, aber stetig geht es in Millionenschritten aufwärts.

Die 100-Millionen-Marke wird mit Applaus begrüßt, und nicht wenige der 900 Anwesenden halten mit ihren Smartphones den fast schon historischen Moment fest. Endlich fällt der Hammer bei sagenhaften 107 Millionen Dollar für Charles Moffett, der häufig für amerikanische Kunden bietet. Zuzüglich Aufgeld wurden 119,9 Millionen Dollar erzielt, der höchste jemals erreichte Auktionspreis. Selbst Meyer war überrascht: "Ich hätte nie gedacht, dass ich je einen Hammerpreis von 100 Millionen erzielen würde. Aber Munch ist eben eine der großen, großen weltweiten Kunstikonen."

Der norwegische Expressionist stellte sich auf dem Bild selbst dar. Munch war manisch-depressiv, die weit aufgerissenen Augen und der geöffnete Mund stehen für das Leiden an der Welt. Er fühlte, "wie ein großer, unendlicher Schrei durch die Natur ging", so Munchs Notiz auf der Kartonrückseite des Pastells.

Der Einlieferer Petter Olsen, ein Gutsbesitzer aus der Reeder-Familie, dessen Vater ein Förderer und Nachbar von Munch war, will mit dem Erlös ein Museum errichten und Munchs Haus und Studio renovieren. Später soll ein Hotel dazukommen. Vor der Auktion hatten sich Erben des 1933 aus Deutschland geflohenen jüdischen Bankiers Hugo Simon zu Wort gemeldet, der das Bild damals an Thomas Olsen verkaufte. Sie kritisierten den Verkauf auch unter moralischen Aspekten ohne Auswirkungen auf die Auktion.

Ein „wichtiger Moment“ nannte ihn Sotheby's Starauktionator Tobias Meyer: Der Moment als die Versteigerung von Munchs Meisterwerk "Der Schrei" begann. Am Ende gelang dem expressionistischen Meisterwerk ein neuer Weltrekord. 119,9 Millionen Dollar war das Höchstgebot.

Ein „wichtiger Moment“ nannte ihn Sotheby's Starauktionator Tobias Meyer: Der Moment als die Versteigerung von Munchs Meisterwerk "Der Schrei" begann. Am Ende gelang dem expressionistischen Meisterwerk ein neuer Weltrekord. 119,9 Millionen Dollar war das Höchstgebot.

Sotheby's bemüht sich seit Jahren, das Profil des im Markt unterbewerteten Munch zu heben. Auf fünf spätere Landschaften und Interieurs von Munch wirkte sich der neue Rekord jedoch nicht aus. Sie blieben im Rahmen ihrer bescheideneren Taxen.

Die anderen Filetstücke des Abends lieferte der Nachlass des extravaganten New Yorker Finanziers Theodore Forstmann. Er sammelte leidenschaftlich kraftvolle figurative Werke in brillanten, starken Farben, die heute besonders gut ankommen.

Im November 2004 verfolgte er Chaïm Soutines "Chasseur de Chez Maxime's" in flammendroter Uniform auf den fast dreifachen Schätzpreis von 6,7 Millionen Dollar, damals ein Rekord. Nun wurde das Bild für 9,4 Millionen weitergegeben. Bestes Stück seiner Sammlung von Modernen und Postimpressionisten war Picassos Dora Maar als "Femme assise dans un Fauteuil" (1941), für das Moffett 29,2 Millionen Dollar erzielte. Forstmanns 16 Bilder wurden in alle Welt verteilt, Telefonagenten verhandelten mit israelischen, südamerikanischen und russischen Kunden, insgesamt wurden erwartete 83 Millionen Dollar eingenommen.

Gut schlugen sich wieder die Surrealisten. Salvador Dalís elegante Landschaft aus seiner besten Zeit "Printemps nécrophilique" (1936) hatte mindestens sechs Bewerber und brachte 16,3 Millionen Dollar (Taxe acht bis zwölf Millionen) ein. Auch der Markt für Max Ernst befindet sich seit dem letzten Jahr im Aufwind. "Leonora in the Morning Light" aus seiner derzeit gefragtesten Periode um 1940 wurde unter anderem auch von einem russischen Bieter lebhaft verfolgt. Für 7,9 (geschätzt drei bis fünf) Millionen Dollar wird es nun aber nach Südamerika reisen.

Auch René Magrittes fünf kleine exquisite Gouachen aus europäischer Sammlung waren weltweit begehrt. David Norman, Co-Chairman der Abteilung: "Wir beobachten zunehmende Kennerschaft, auch bei neuen Käufern."

Wenigstens ein Foto wollten die Zuschauer bei Sotheby's Auktion von dem großen Moment haben, wenn Munchs Meisterwerk einen neuen Besitzer erhält. AFP

Wenigstens ein Foto wollten die Zuschauer bei Sotheby's Auktion von dem großen Moment haben, wenn Munchs Meisterwerk einen neuen Besitzer erhält.

Sotheby's fuhr am 2. Mai mit 330,6 (erwartet 246 bis 323) Millionen Dollar das zweitbeste Ergebnis in der Geschichte des Unternehmens ein. Etwas höher war nur der Mai 2008 (362 Millionen) ausgefallen, als Roman Abramovich für Francis Bacons "Tryptich" 86,2 Millionen Dollar ausgab.

Christie's Veranstaltung am 1. Mai erschien mit nur 31 Losen dagegen wie ein kleiner Appetithappen. Nachdem Sotheby's im Februar die Versteigerung von "Der Schrei" publik machte, zog er wie ein Magnet andere Einliefererungen nach sich. Das zeigt, wie schwierig es für Auktionshäuser inzwischen ist, Spitzenwerke der klassischen Moderne an Land zu ziehen. Christie's Ergebnis von 117 (erwartet 90,5 bis 130,2) Millionen Dollar fiel aber mitten in die Erwartung. Nur drei Lose blieben unverkauft. "Es scheint viel Geld da zu sein, und das will ausgegeben werden", kommentierte ein Händler.

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