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21.01.2005

08:30 Uhr

In verkopften Zeiten macht der Körper unerwartet Karriere

Schuften, schinden, siegen

VonDieter Hintermeier (Uli Schulte Döinghaus; Handelsblatt)

Proletensport Boxen - das war einmal. Immer mehr Führungskräfte steigen jetzt in den Ring.

Dreimal in der Woche verwandelt sich der sehr zivile Informatiker Martin Schmachtel in den "Drill Sergeant" aus Oliver Stones Film "Platoon" - und alle machen freudig mit. "20 Liegestütze, mitzählen!" 20, ächz, 19, 18, äähh, 17 ...

Schreien sollen wir, wenn wir röchelnd Liegestütze abzählen, schreien auch, wenn wir die Fäuste aus der Deckung - "in Schulterhöhe, nicht hängen lassen!" - in die Turnhallenluft hacken. Links, rechts und dabei mal rückwärts, vorwärts oder seitwärts laufend, Runde um Runde. Dazu peitscht aus den Lautsprechern harte Rockmusik.

Boxer müssen gnadenlos fit sein. "Los Leute, die Treppe!" Zum Repertoire gehört es, uns die 150 Stufen zum Trainingsraum im fünften Stock immer wieder ab- und aufwärts klettern zu lassen. Natürlich nicht, ohne auf den Absätzen 20 Liegestütze zu verordnen. Nach dem fünften Mal scheint sich das Treppenhaus zu einer steilen Wand aufgerichtet zu haben.

Boxen war und ist ein Sport für die armen Schichten. Doch das ändert sich gerade. Trainer wie der Berliner Martin Issa und der Frankfurter Oliver Wolf haben einen neuen Trend wahrgenommen. Der Kampfsport findet bei immer mehr Führungskräften und Selbstständigen Zuspruch.

Steuerberater, Anwälte und Verwaltungsfachleute frequentieren seine Trainings, sagt Issa. Wolf bekräftigt: "90 Prozent meiner Klientel sind Banker." Und Bernd, immerhin diplomierter Vermessungsingenieur sagt: "Kein Sport bewegt den Körper so effektiv." Dabei schlägt er auf einen herabhängenden Sandsack ein und lacht: "Früher habe ich meine Aggressionen abgebaut, heute jage ich den Blutdruck hoch."

Nebenan hüpft Rainer, Diplomingenieur für Luft- und Raumfahrttechnik, im Takt über das Springseil: "Ein phantastischer Kalorienfresser", sagt er. Ihn lockt die Vielfalt des Trainings, "das die einen fasziniert, weil sie Treffer landen, die anderen, weil sie ihre Kondition verbessern".

Immer mehr Zeitgenossen, die in leitender und zugleich (allzu) sitzender Position ihren Berufsalltag verbringen, sind von der Einfachheit und Körperlichkeit des Boxtrainings angezogen. "Kein Sport ist körperlicher, direkter als Boxen", schreibt die amerikanische Autorin Joyce Carol Oates in einem berühmt gewordenen Essay.

In verkopften Zeiten macht der Körper unerwartet Karriere. Anfang des Jahres berichteten Experten, dass allein in der Hauptstadt das Interesse an der Freizeitsportart Boxen in den letzten Jahren um 30 Prozent gewachsen sei.

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