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09.08.2011

14:42 Uhr

Indien

Erstmals Malerpersönlichkeiten identifiziert

VonSusanne Schreiber

Bestechende Farben, prägnante Bilderzählung, komplexe Wirklichkeitsschilderung: das fasziniert an indischen Miniaturen. Erstmals können Forscher nun Meisternamen und Künstlerviten rekonstruieren. Da leistet das Museum Rietberg in Zürich Pionierarbeit.

Daulat, Selbstporträt von 1610 (Ausschnitt). Quelle: Golestan Palace, Teheran, Davood Sadeghsa

Daulat, Selbstporträt von 1610 (Ausschnitt).

ZürichEs ist eine Sensation. Über Jahrhunderte hatten sich Kunstfreunde angewöhnt, Maler aus Indien mehr oder weniger als anonyme Meister an bestimmten Herrscherhöfen zu betrachten. Als Künstler, die einen bestimmten, lang tradierten Stil pflegen, lehren und wiederum an die nächste Generation weitergeben. Jetzt präsentiert das Museum Rietberg in Zürich 240 Werke von 40 individualisierten Künstlerpersönlichkeiten in einer reichhaltigen Ausstellung.

Nach akribischen Forschungen ist es dem internationalen Team um den Kunsthistoriker Eberhard Fischer gelungen, 40 stilprägende Meistermaler der Zeit zwischen 1100 und 1900 zu identifizieren und aus der Masse der anonymen Handwerker-Maler herauszuheben. Und das, obwohl es auf dem Subkontinent kaum Schriften gibt, die Malerviten und -Leistungen der Nachwelt überliefern, wie es etwa der Italiener Giorgio Vasari für die Renaissancekünstler getan hat. Dass Kaiser Akbar, der von 1556 bis 1605 regierte, in seinen Memoiren die an seinem Hof tätigen Künstler aufzählt und ihre Verdienste preist, ist eine der seltenen Ausnahmen.

Neue Erkenntnisse

Die Forscher haben nicht nur mikroskopisch kleine Signaturen auf den eh schon kleinen Miniaturen entdeckt. Sie kämmten auch Land- und Pilgerregister durch. So können sie in Verbindung mit stilkritischen Analysen große Wanderbewegungen nachzeichnen. Farrokh Beg etwa legte zwischen 1580 und 1619 viele tausend Kilometer zwischen dem zentralasiatischen Khorasan, Kabul, Lahore, Bijapur und Agra zurück. Immer auf der Suche nach einem Mäzen, der seinen eigenen Ruhm der Nachwelt durch herausragende Kunstwerke überliefert sehen wollte.

Topmuseen beteiligt

Der Öffentlichkeit präsentiert sich diese Pionierarbeit von Milo Beach, Eberhard Fischer und B.N. Goswamy mit einer opulenten Ausstellung unter dem Titel „Der Weg des Meisters. Die großen Künstler Indiens 1100 bis 1900“. Einzigartig ist, was sich um den hauseigenen Kernbestand im Museum Rietberg an Miniaturen anlagert: Farblich und kompositorisch prachtvolle Leihgaben aus Windsor, Sankt Petersburg (die vielfigurigen „Neujahrsaudienzen“ des Kaisers Jahangir), aus Teheran („Drachenkampf“ des Tiermalers Mansur), Doha, Delhi und Mumbai und aus den großen amerikanischen Sammlungen, eingeschlossen die Stiftungen Arthur Sacklers. Ab September ist die an Sinneseindrücken und neuen Erkenntnissen so reiche Schau im Metropolitan Museum in New York zu Gast. Schade, das sich kein deutsches Museum für eine Übernahme stark gemacht hat.

Einer der drei "Kota-Meister": Ram Singh I. von Kota verfolgt ein Rhinozeros, um 1700. Quelle: Privatsammlung

Einer der drei "Kota-Meister": Ram Singh I. von Kota verfolgt ein Rhinozeros, um 1700.

Das Bild im Bild

In einer Art Vorspiel macht Ausstellungskurator Jorrit Britschgi mit dem Thema „Bild im Bild“ vertraut. Der mit einer Lupe ausgestattete Museumsbesucher lernt da, dass die klein- und kleinstformatigen Bilder in Indien stets in der Hand zu halten waren und erst dann zum Wandschmuck wurden, als man europäische Bildergalerien nachahmte. Die Maler selber tauchen im Bild nur selten bei der Arbeit auf, eher in Huldigungs- und Übergabeszene vor dem Herrscher. Das persisch inspirierte Blatt von 1610, das mehrere plastisch gestaltete Maler in eine Bordüre aus goldener Vegetation setzt, skizziert nur in Ansätzen die Mühsal der Buchmalerei.

Museumsbesucher, die sich je in Orhan Pamuks Roman „Rot ist mein Name“ vertieft haben, erinnern sich vielleicht an die Vielzahl der Schritt, die notwenig sind, bevor eine leuchtende Miniatur entsteht. Noch dazu eine, die die großen emotionalen Spannungen beispielsweise der verliebten aber getrennten Helden aus den großen, nationalen Epen sichtbar zu machen versteht.

Der Maler blickt nach Innen

Persische Buchmaler und ihr hochrechteckiges Format sowie persische Erzählungen prägen und beeinflussen die indische Malerei. Es ist ein reger Austausch, der schöne Ergebnisse zeitigt. So malt sich Farrokh Beg 1615 selbst als nach Innen blickenden alten Maler in einer Ganzfigur. Der Maler muss vor dem inneren Auge in einem verdichteten Bild sehen, wofür der Dichter viele Seiten zur Verfügung hat.

Giftige Winde

So visualisiert Manaku um 1730 die nach Sandelholz duftenden, aber vergifteten Südwinde aus dem Epos von Rama und Sita mit Schlagen in den Bäumen vor einer abstrahierten Himalaja-Landschaft. Etwa zehn Jahre zuvor malt der Maler B der drei sogenannten „Kota-Meister“ ein großes Blatt mit einem Schaukampf zwischen zwei berittenen Elefanten. Assistenten quälen die Dickhäuter mit Lanzen, um sie anzustacheln. Man kann lange studieren, bevor die vielen Details entschlüsselt sind.

Zarte Seelenregungen

Die Jagd auf Elefanten, die Jagd mit Falken, das Hofzeremoniell, die Vertraulichkeiten von Verliebten, aber auch der 1760/565 in Flammen aufgehende Lackpalast sind Themen, die die Maler in faszinierender Komposition und intensiv leuchtender Farbigkeit ausbreiten. Mal sind die Hintergründe flach, mal perspektivisch angelegt. Mal scheinen die Physiognomien typisiert, mal dem Leben abgeschaut und sanft individualisiert. Wann immer es darum geht, Seelenregungen darzustellen, geschieht dies durch Gestik, weniger durch Mimik. In einem Blatt ziert sich die Hirtin Radka, als sich ihr der blauhäutige Gott Krishna in eindeutiger Absicht nähert. Dass Radka Bedenken hat, wird durch ihre abwehrende Handhaltung sichtbar. Dass die Abwehr nur vorübergehend ist, „erzählt“ der Maler durch das opulente Pflanzendach, das er beschützend über beiden Gestalten ausbreitet.

Devidasa: Shiva, um seine andere Hälfte besorgt, 1695. Quelle: San Diega Museum of Art

Devidasa: Shiva, um seine andere Hälfte besorgt, 1695.

Anstehen vor einem Bild

240 Kunstwerke auf Papier und Palmblättern mit der an der Kasse ausgeliehenen Lupe zu studieren, verlangt vom Besucher Geduld ab. Denn nur je ein Wissbegieriger kann frontal vor dem kleinformatigen Meisterwerk stehen. Alle Miniaturen werden mit Spots von schräg oben beleuchtet. Das bedeutet, dass der Besucher sich selbst Schatten macht, wenn er Bildbotschaften zu entschlüsseln sucht.

Wesentlich ärgerlicher ist die Ausstellungsarchitektur, die die zu Grunde gelegte Chronologie und die entsprechenden Ordnungsnummern (zu den Malerclans) nicht einhält. „Frei“ soll sich der Besucher bewegen und assoziativ genießen, was ihm vor die Lupe kommt. Doch mit den willkürlich, kreuz und quer im Sonderausstellungsraum verteilten Künstlerlebensläufen und Werkproben bleibt die neu erschlossene Entwicklungsgeschichte der indischen Malerei schwer nachvollziehbar. Wann wechselt das Format? Wer macht sich zuerst für die Perspektive stark? An welchem Hof wird europäische Druckgraphik gesammelt und von den Hofkünstlern aufgenommen? Die Ausstellung lässt den Besucher unwissend zurück.

Da ist der schmale „Katalog“ keine Hilfe. Auch er bleibt hinter den Erwartungen zurück. Das 102  Seiten zählende Buch ist eher ein oberflächlicher Ausstellungsbegleiter, der auf die wichtigen Größenangaben ebenso verzichtet wie auf ein Glossar oder Zusammenfassungen persischer und indischer Epen. Wer es genau wissen will und an den beeindruckenden Forschungsergebnissen von Fischer & Co. teilhaben möchte, muss zu dem teuren Katalog in zwei Bänden greifen. Er hat das Zeug zum Standardwerk.

Der Markt

Indische Miniaturmalerei wie auch die etwas größerformatigen Gemälde entfalten für den, der sich auf sie einlässt, viel Charme und Anziehungskraft. Schon Rembrandt hatte indische Miniaturen gesammelt. Dass herausragende Blätter der Künstler, die an den Höfen der Mogule arbeiteten, heute noch Millionenzuschläge realisieren können, war in kürzlich in London zu beobachten. Da stieg eine religiöse Szene von Payag (tätig 1591-1658) von geschätzten 30.000 Pfund auf erstaunlich hohe 1,4 Millionen Pfund.

„Der Weg des Meisters. Die großen Künstler Indiens 1100 bis 1900“

nur noch bis 21. August 2011 im Museum Rietberg in Zürich.

26. September bis 08. Januar 2012 im Metropolitan Museum New York.

Ausstellungsbegleiter „Die Meister der indischen Malerei“ von Jorrit Britschgi, Subskriptionspreis bis 21.08. 29 sfr.

                                                                                

„Masters of Indian Painting“
Milo Beach, B. N. Goswamy und Eberhard Fischer (Hrsg.), Artibus Asiae Verlag, Zürich 2011, in 2 Bänden, 600 Seiten, über 600 Farbabbildungen, ISBN 978-3-907077-50-4

Subskriptionspreis bis 21.08.180 sfr, ca. 190 Euro

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