Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

08.06.2011

18:29 Uhr

Indien

Seltenes, Spaßiges, Erotisches

VonMatthias Thibaut

Sotheby’s verzeichnet globales Interesse an Alter Kunst aus Indien. Bei den Raritäten der Sammlung Stuart Cary Welch schlagen auch Kenner aus Europa und den USA zu. Doch die zeitgenössische Kunst konsolidiert sich noch.

Deckfarbenmalerei von Payag einer heilsgeschichtlicher Szene mit Hindu-Gottheiten. Quelle: Sotheby's

Deckfarbenmalerei von Payag einer heilsgeschichtlicher Szene mit Hindu-Gottheiten.

LondonMit einem Paukenschlag wurde am 31. Mai die Zukunftsbedeutung indischer Kunst in Sotheby’s Londoner Auktion unterstrichen. Der zweite Teil der Sammlung Stuart Cary Welch konnte bei Sotheby’s die Erwartungen problemlos in den Schatten stellen und mit einem fast 100-prozentigen Absatz 8,4 Millionen Pfund einspielten. Die Vorausschätzung hatte bei lediglich 1,2 bis 1,8 Millionen Pfund gelegen.

Die am gleichen Tag durchgeführte Auktion mit indischer Gegenwartskunst hatte keinen entsprechenden Erfolg. Aber bei klassischer Kunst vom Subkontinent, vor allem der Malerei aus dem 18. Jahrhundert, zeigten Gebote amerikanischer und europäischer Museen und Sammler aus aller Welt, dass es sich hier nicht nur um den hochliquiden Zukunftsmarkt einer aufstrebenden Wirtschaftsmacht handelt. Das Interesse und der Nachholbedarf gehen weit über die indischen Käufer hinaus.

Sensationeller Überraschungspreis

Bestes Beispiel für den Run auf den Nachlass des berühmten Gelehrten und Sammlers Welch war der sensationellste Ausreißerpreis der Saison, bewilligt von einem amerikanischen Museum, vielleicht dem New Yorker Metropolitan, wo Stuart Cary Welch Jahrzehnte lang als Berater und Kurator arbeitete. „Sri Bhairavi Devi mit Shiva“ ist eine nur 26 cm breite Gouache, dem Mogul-Maler Payag zugeschrieben. Sie zeigt mit einer des Hieronymus Bosch würdigen Präzision eine heilsgeschichtliche Szene mit Hindu-Gottheiten auf einem Krematorienfeld. Das auf 30.000 bis 40.000 Pfund angesetzte Blatt wurde erst bei 1,4 Millionen Pfund  brutto (1,6 Millionen Euro) zugeschlagen. Es stammt aus dem 17. Jahrhundert, einer Zeit, in der am Hof der islamischen Mogul-Herrscher durchaus Platz war für die Kunst und Mythendarstellungen anderer Religionen.

Der Affe wurde teuer

Immer wieder wurde für Welchs Material vom Hof der Moguln, der südindischen Deccan-Sultanate, aus Nepal und anderen Regionen des indischen Kulturkreises das Zehnfache der Schätzpreise geboten. Die Darstellung eines Äffchens am roten Band, von Welch selbst ausführlich erforscht, ging bei einer Taxe von 70.000 bis 90.000 Pfund für 646.050 Pfund in den Londoner Handel, ebenso die mit Gold ausgelegte Gouache vom Holi-Fest, aus dem 18. Jahrhundert. Sie brachte 505.250 Pfund (Taxe 30.000-40.000). Eine fein gemalte, humorvoll-erotische Orgienszene auf einer Fluss-Terrasse, im Hintergrund Feuerwerk, ca. 1740, kostete 493.250 Pfund (30.000-50.000) und das auf 15.000 bis 25.000 Pfund geschätzte Punjab-Blatt mit einem Paar, das den Vögeln lauscht, ging für 385.250 Pfund in den amerikanischen Handel.

Mogul-Malerei: Das Äffchen am roten Band kostete 646.500 Pfund. Quelle: Sotheby's

Mogul-Malerei: Das Äffchen am roten Band kostete 646.500 Pfund.

Einen Rekordpreis von 825.250 Pfund (300.000-400.000 Pfund) für nepalesische Malerei brachte eine „Mandala“, die der sechsarmigen Göttin des Reichtums, Vasudhara, gewidmet ist -gemalt von Jasaraja Jirili, datiert 1365. Der Reiz der Welch-Sammlung war die ungewöhnlich breite Anlage. Hier waren erlesensten Meisterwerke mit spaßiger Volkskunst vereint, denn Welch war ungewöhnlich offen für Schrulliges und Exzentrisches, scheute sich nicht vor Fragmenten und beschädigten Stücken, wenn sie ihm neue Einblicke eröffneten. Zusammen mit seiner Anfang Mai versteigerten islamischen Kunst spielte der Nachlass des amerikanischen Gelehrten nun 29 Millionen Pfund ein. Das Starlos seiner Sammlung, ein Blatt aus dem Schahname des Schah Tahmasp, des sogenannten Houghton Schahname, hatte in der ersten Auktion 7,4 Millionen Pfund eingespielt.

Zeitgenossen scheitern

Einen veritablen Flop gab es am gleichen Tag allerdings, als indische Gegenwartskunst mit dürftigen 1,6 Millionen Pfund weit hinter der Schätzung von 2,8 Millionen Pfund blieb. Die Spitzenwerke der Stars Subodh Gupta, Maqbool Fida Husain und Sayed Haider Raza scheiterten an übertriebenen Preiserwartungen. Husains „The Sixth Seal“ (400.000-500.0000 Pfund) und Razas „Bindu“ (400.000-600.000 Pfund) waren die teuersten Rückgänge. Razas „Rue des Fossés St Jacques“ wurde das Toplos, der Preis blieb mit 337.250 Pfund aber auch hier an der untersten Schätzung.

Nach 2008 platzte die Spekulationsblase der indischen Kunst mit besonderem Knalleffekt und auch Phillips de Purys BRIC- Auktion im April zeigte, das die Konsolidierung noch im Gange ist. Aber am Potenzial der indischen Kunst ändert das nichts – jedenfalls nicht, wenn die neueste Analyse von ArtTactic London stimmt: Ihr Zufolge ist das Vertrauen in den indischen Kunstmarkt im letzten Halbjahr um 19 Prozentpunkte gestiegen – nur 20 Prozent glauben der Expertenumfrage zufolge noch, dass die Preise weiter fallen. 

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×