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14.10.2016

16:45 Uhr

Integration in der Schule

Grundschulniveau wäre schon ein Erfolg

VonAndreas Neuhaus

Rund 300.000 Flüchtlinge haben an deutschen Schulen einen Platz gefunden. Hier sollen sie möglichst schnell Deutsch lernen – in überfüllten Klassen gelingt das jedoch kaum. Eine Lehrerin berichtet aus ihrem Alltag.

Bildungsexperten streiten sich darüber, wie schnell Flüchtlinge in normale Klassen integriert werden sollen. dpa

Streit um Vorbereitungsklassen

Bildungsexperten streiten sich darüber, wie schnell Flüchtlinge in normale Klassen integriert werden sollen.

Düsseldorf17 Augenpaare schauen Andrea Maier fragend an. Herbstlich – mit dem Wort können die Schüler in ihrer Klasse nun gar nichts anfangen. Erst das Wörterbuch hilft weiter. Kein Wunder, die Lehrerin unterrichtet eine Vorbereitungsklasse für Flüchtlinge. Die Schüler kommen aus acht verschiedenen Nationen. Die meisten sprechen nur sehr wenig Deutsch, einige so gut wie gar nicht.

Eigentlich heißt Andrea Maier anders. Sie unterrichtet an einem Gymnasium in Nordrhein-Westfalen. Doch weil die schulische Integration von Flüchtlingen ein heikles Thema ist, will sie lieber unerkannt bleiben. Kurz vor den Herbstferien sammelt sie als Einstieg in die Stunde Vokabeln zum Thema Herbst. Kastanien, Igel, Blätter und Laub werden genannt. Maier ergänzt noch weitere Wörter, Allerheiligen spart sie sich lieber. Als ihre überwiegend muslimischen Schüler ein Bild malen sollten, was sie an Deutschland nicht mögen, zeichnete einer ein Schwein.

So viel geben Länder für Bildung aus

Große Spannweite

Die Kosten für Bildung pro Schüler oder Studierender sind von Land zu deutlich unterschiedlich: Die Spannweite reicht von umgerechnet rund 17.500 US-Dollar bis 3.300 US-Dollar jährlich. Die Angaben beziehen sich auf die Primär- bis Tertiärstufe und wurden im Bildungsbericht 2015 der OECD veröffentlicht.

Mexiko

Schlusslicht: Mexiko gibt am wenigsten für seine Schüler und Studierenden aus: 3.354 US-Dollar pro Jahr.

Chile

Die Kosten in Chile belaufen sich auf 5.134 US-Dollar pro Jahr.

Italien

Schlusslicht in Europa: Italien gibt 7.968 US-Dollar pro Schüler oder Studierender aus.

Frankreich

Frankreich hat jährliche Bildungsausgaben in Höhe von umgerechnet 9.529 US-Dollar pro Jahr und Schüler.

Deutschland

Deutschland ist mit 10.062 US-Dollar pro Jahr und Schüler im Mittelfeld bei den Bildungsausgaben.

OECD Durchschnitt

Durchschnittlich geben die OECD Länder 10.220 US-Dollar aus.

Großbritannien

Großbritannien hat jährliche Bildungsausgaben in Höhe von umgerechnet 11.254 US-Dollar pro Jahr und Schüler.

Japan

Japan gibt für Bildung jährlich pro Studierender 11.671 US-Dollar aus.

USA

Die USA lässt sich Bildung mit 14.770 US-Dollar pro Schüler jährlich kosten.

Schweiz

Spitzenreiter: Am meisten gibt die Schweiz für die Bildung seiner Schüler und Studierenden aus: 17.485 US-Dollar pro Jahr. Das ist fast so viel wie Italien und Frankreich zusammen.

Die Vorbereitungsklasse an dem Gymnasium gibt es seit Dezember 2015. Mit vier Schülern ging es los. Jetzt unterrichtet Maier 15 Jungen und zwei Mädchen im Alter zwischen 13 und 15 Jahren. Sie wundert sich selbst, dass es so wenig Mädchen sind. Eine Erklärung hat sie nicht, sie hätte aber gerne mehr Mädchen in der Klasse. Es ist nicht so einfach, die Klasse zu zähmen. Manchmal hilft nur Strafe: Zuletzt gab es ein Verbot für den Kickertisch in den Freizeiträumen der Schule.

14 Stunden Deutschunterricht stehen pro Woche auf dem Unterrichtsplan. Dazu noch Fächer wie Englisch, Mathe, Sport und Kunst. Bis auf Sport und Kunst werden die Schüler zunächst ausschließlich in der Vorbereitungsklasse unterrichten. Wenn sie besser Deutsch können, werden sie Stück für Stück in eine normale Klasse integriert. Organisatorisch ist das ziemlich komplex. Maier selbst verliert schon mal den Überblick, wo genau sich gerade welcher Schüler befindet.

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Wie schnell Flüchtlinge in normalen Klassen integriert werden sollen, darüber sind sich auch die Experten uneinig. Die einen fordern eine sofortige Integration. Deutsch sollen sie entweder direkt im Fachunterricht oder in zusätzlichen Fördergruppen lernen. Andere halten Vorbereitungsklassen wie die von Andrea Maier für die bessere Lösung. Studien darüber, in welcher Umgebung die Flüchtlinge besser lernen, liegen für Deutschland allerdings noch nicht vor.

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In Maiers Klasse sind mehr als ein gemeinsames Spiel oder Grammatikübungen zum Einstieg in die Stunde nicht möglich. Alle Schüler beherrschen Deutsch auf einem unterschiedlichen Niveau. Eine gemeinsame sprachliche Basis gibt es nicht, Englisch sprechen nur zwei Schüler. Binnendifferenzierung heißt da das Zauberwort: Jeder Schüler erhält unterschiedliche Arbeitsmaterialien. Manchmal können sie zwar zu zweit oder in Kleingruppen arbeiten, meist müssen sie aber individuell lernen.

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