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17.02.2006

13:30 Uhr

Autoren vermitteln neue Einblicke in den iranischen Alltag.

Autoren vermitteln neue Einblicke in den iranischen Alltag.

HB DÜSSELDORF. Die Märtyrer sind in Iran allgegenwärtig. "Tausende von Straßen, die nach Nachtigallen, Engeln und Granatäpfeln benannt waren, erhielten neue Namen", schreibt Christopher de Bellaigue. Sie heißen heute Märtyrer-Akbar-Scherafat-Straße oder Märtyrer-Mohsenian-Straße, allesamt Gefallene des Krieges zwischen Iran und dem Irak. Kleine Straßen wurden nach einfachen Soldaten benannt, Boulevards, Autobahnen und Plätze nach der verstorbenen Elite des Gottesstaates. Der acht Jahre währende Konflikt hinterließ tiefe Narben in der iranischen Gesellschaft. Von diesen weiß der Korrespondent des "Economist" in seinem Buch zu berichten.

De Bellaigue spricht mit Veteranen der islamischen Revolution von 1979, besucht Überlebende der irakischen Giftgasangriffe und besichtigt mit den Helden der Schlachten am Schatt el Arab die alten Kriegsschauplätze. Dabei verknüpft er die Biografien seiner Gesprächspartner mit den Ereignissen von einst und schildert ihre Lebenssituation heute. Zugleich gibt er Antworten auf die Frage, woher die Todesverachtung der jungen Gotteskrieger damals kam. De Bellaigue skizziert deren Bereitschaft zur Selbstopferung als eine Art Win-Win-Situation: "Wenn sie fielen - solange sie den Tod nicht aktiv gesucht, sondern für den Ruhm des Islams gekämpft hatten -, würden sie als Märtyrer in den Himmel kommen. Wenn sie am Leben blieben und siegten, würden sie das vollkommene Kalifat des Imam Ali neu erschaffen."

De Bellaigue geht unkonventionelle Wege. Sein Buch ist eine Collage aus Reportagen, persönlichen Erinnerungen, Reiseberichten und Essays. Das erfordert vom Leser ein hohes Maß an Aufmerksamkeit, da Orte, Personen und Zeiten schnell wechseln. Das Resultat ist aber ein facettenreiches Bild Irans, das man so ausdifferenziert und detailliert sonst selten zu Gesicht bekommt.

Mehr als die Hälfte der Iraner von heute ist nach der Islamischen Revolution von 1979 geboren. Wer wissen will, wie diese junge Generation über die Mullahs, den Westen oder einfach nur über Liebe und Freundschaft denkt, muss sich ins Internet begeben, sagt Nasrin Alavi. Weit mehr als 65 000 virtuelle Tagebücher, so genannte Weblogs, gibt es dort. Beispiele und Textpassagen daraus hat sie in einem Buch zusammengetragen, um einen Eindruck von dieser Subkultur zu vermitteln, die den Mullahs zunehmend ein Dorn im Auge ist. "Urvater" aller Onlinetagebuchschreiber ist der in Kanada lebende Journalist Hossein Derakhshan, der im September 2001 das erste Weblog ins Netz stellte - zusammen mit einer einfachen Anleitung, wie man ein solches verfasst. Die Resonanz war überwältigend.

Welche politische Brisanz Onlinetagebücher haben können, war vor wenigen Wochen zu beobachten, als Hossein Derakhshan extra nach Tel Aviv reiste, um seinen täglich über 20 000 iranischen Lesern von dort aus zu berichten - angesichts der Ankündigungen Ahmadinedschads, Israel vernichten zu wollen, eine Aktion, die die Machthaber in Teheran vor Wut toben ließ. "Das Schlimmste, was einem Blogger im Westen passieren kann, ist, dass man ihn als einen egozentrischen ,Cybergeek? oder ,Computerfreak? verhöhnt. In Iran hingegen - einem Land, das die Organisation ,Reporter ohne Grenzen? als ,das größte Gefängnis für Journalisten im Nahen Osten? bezeichnet hat, zahlt jeder einen hohen Preis, der seine Meinung freimütig und ehrlich äußert", bringt Alavi die Gefahren für die Tagebuchschreiber auf den Punkt.

Religiöse Zensur sollte auch das Leben von Azar Nafisi bestimmen. "Wie gut kann Unterricht sein, wenn es der Universitätsverwaltung nicht um die Qualität der Arbeit, sondern um die Farbe der Lippen und das subversive Potenzial einer einzelnen Haarsträhne geht?" fragt die Literaturwissenschaftlerin. Sie verlor ihre Professur an der Universität von Teheran nur deshalb, weil sie sich weigerte, den Tschador zu tragen - jenes Tuch, das Frauen als Umhang tragen, und das meist nur noch das Gesicht frei lässt.

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