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04.11.2016

09:22 Uhr

Irrweg Islamismus

Borowski-„Tatort“ über ein verlorenes Mädchen

Warum verfällt eine 17-jährige Deutsche dem Islamismus und der Ideologie des Islamischen Staates? Der Kieler „Tatort“-Krimi „Borowski und das verlorene Mädchen“ ist eine intensive Psycho- und Sozialstudie.

Die Schauspieler Axel Milberg (v. l. n. r.), Jürgen Prochnow und Sibel Kekilli sind im „Tatort – Borowski und das verlorene Mädchen“ zu sehen. dpa

999. Tatort

Die Schauspieler Axel Milberg (v. l. n. r.), Jürgen Prochnow und Sibel Kekilli sind im „Tatort – Borowski und das verlorene Mädchen“ zu sehen.

Kiel„Liebe Mama, wenn Du das hier liest, werde ich nicht mehr da sein“, schreibt die 17-jährige Julia. Die Kieler Schülerin aus einem bürgerlichen Haushalt ist zum Islam konvertiert, sie will nach Syrien und einen ihr nur vom Skypen bekannten IS-Kämpfer heiraten. In der Kieler Innenstadt treffen Julia feindselige Blicke. Ein Passant spuckt vor der schwarz verhüllten Muslimin auf den Boden. In der tristen Hinterhof-Moschee, die Julias religiöser Zufluchtsort wurde, findet der „Tatort“-Krimi „Borowski und das verlorene Mädchen“ an diesem Sonntag (20:15 Uhr) im Ersten schließlich sein tragisches Ende.

Die in einem religiösen Irrweg scheiternde Identitätsfindung einer Jugendlichen und die islamistische Parallelwelt einer Salafisten-Gemeinde bilden den Rahmen dieser plakativen Psycho- und Sozialstudie. Der Hintergrund ist real. „In Deutschland sind etwa 9000 Salafisten aktiv“, sagt Marwam Abou Taam, Islamwissenschaftler, Politologe und Terrorismusexperte beim Landeskrminialamt Rheinland Pfalz. Er hat das „Tatort“-Team fachlich beraten. Knapp 900 Personen sind nach seinen Angaben aus Deutschland ausgereist, davon um die 180 Frauen.

Der Grimme-Preisträger und Doku-Drama-Spezialist Raymond Ley („Eichmanns Ende“, „Eine mörderische Entscheidung“) lässt in dem fiktiven Fernsehkrimi eine dokumentarische Herangehensweise und „dokumentarische Farbe“, wie er selber sagt, spüren. Kein Postkarten-Idyll, sondern nüchtern realistisch sind die Spielorte gefilmt. Zwischen einigen Szenen sind Texttafeln mit blutroter Schrift eingeblendet, anfangs „Ich habe Schuld auf mich geladen“ und wenig später „Euer Leben ist nicht mein Leben“.

Alles über den „Tatort“

Das ist der „Tatort“

Der „Tatort“ ist eine Fernseh-Krimireihe, die von der ARD, dem ORF und dem SRF produziert wird. Der 1970 erstmals gesendete Tatort ist die am längsten laufende und beliebteste Krimireihe im deutschen Sprachraum.

Sendezeit

Die Hauptsendezeit ist jeweils sonntags um 20:15 Uhr im Ersten, ORF 2 und SRF 1. Darüber hinaus laufen jedoch oftmals Wiederholungen auf den Dritten Kanälen.

Laufzeit

Eine „Tatort“-Folge dauert jeweils 90 Minuten.

So viele Episoden gab es

Bis zum 22. April 2016 wurden 983 „Tatort“-Episoden ausgestrahlt.

Entstehung

Die Idee zur Reihe stammt von Gunther Witte, der im Auftrag von Günter Rohrbach für den WDR eine neue Krimiserie entwickeln sollte, als Nachfolgerin der Stahlnetz-Krimis der ARD und als Antwort auf die Konkurrenz im Unterhaltungsbereich durch die ZDF-Krimiserie „Der Kommissar“. Die Anregung lieferte eine ältere Rundfunkserie des RIAS mit dem Titel „Es geschah in Berlin“.

Die häufigsten Handlungsorte

Zu den häufigsten Tatort-Schauplätzen zählen München (u. a. Veigl, Batic/Leitmayr), Hamburg (u. a. Stoever), Berlin (u. a. Ritter/Stark), Frankfurt (u. a. Brinkmann), Köln (Ballauf/Schenk), Leipzig (u. a. Ehrlicher/Kain, Saalfeld/Keppler), Ludwigshafen (Odenthal/Kopper), Münster (Thiel/Boerne) und die Ruhrgebietsstädte Essen (Haferkamp) und Duisburg (Schimanski/Thanner).

Produktion

Die ca. 35 neuen Tatort-Folgen pro Jahr (siehe auch unten) werden zum Teil im eigenen Produktionsbetrieb der einzelnen Rundfunkanstalten erstellt. Zum größeren Teil erfolgt die Produktion als Auftragsproduktion durch Filmproduktionsgesellschaften für die Rundfunkanstalten, oft sind dies deren eigene Tochtergesellschaften.

Julia (beeindruckend: Mala Emde) bricht mit ihrer Familie, mit ihren Freundinnen auf der Schule. Das Verhältnis zur Mutter ist ohne Vertrauen. Denn sie saß am Steuer, als ihr Vater bei einem Unfall starb. Ihren Bruder, mit dem sie sich nicht versteht, bezichtigt Julia bei der Polizei des Mordes an einer Mitschülerin. Diese wird tatsächlich am Morgen danach tot in der Kieler Förde gefunden.

Das ist der eine Handlungsstrang, der Mord, den Kommissar Borowski (wie immer sympathisch ruhig-ironisch Axel Milberg) und seine Kollegin Sarah Brandt (mit viel Empathie: Sibel Kekilli) aufklären wollen.

Doch im Mittelpunkt steht das Hineingleiten in die islamistische Parallelwelt, in der Julia Halt sucht. „Ich will nicht mehr die sein, die ich bin, ich will nicht mehr da sein, wo ich bin“, sagt die Heranwachsende in ihrer Entwicklungskrise. Und während sie durchs Kieler Rotlichtviertel geht, sagt sie im inneren Monolog: „Ich werde einen Gott finden, der meine Wunden heilt“. Später sagt sie: „Ich habe die Antworten auf alle meine Fragen im Islam gefunden.“

Dieser „Tatort“ nimmt den Zuschauer mit in die von religiösem Fanatismus, Hass auf den Westen und Gruppenzwängen geprägte Welt der Hinterhof-Moschee – in der Frauen nichts zu sagen haben.

9,5 mögliche Gründe gegen den Tatort

1. Zuviel

„Nennen Sie aus dem Stand alle aktuellen „Tatort“-Teams!“ Gar nicht so einfach. Über 20 Teams sind zurzeit im Einsatz, manche kommen nicht mal mehr jedes Jahr ins Fernsehen. Da bekommt mancher den Eindruck, dass die Dachmarke „Tatort“ ziemlich verwässert wird.

2. Deja-Vu

Oft sind im „Tatort“ dieselben Schauspieler als Opfer, Angehörige oder Tatverdächtige zu sehen, so als gäbe es nur ein paar Darsteller im deutschsprachigen Raum. In diesem Jahr war das bereits etwa bei Uwe Bohm, Jenny Schily, Emily Cox oder Armin Rohde auffällig. „Tatort“-Koordinator Gebhard Henke sagt dazu: „Die Rollen werden oft sehr kurzfristig besetzt. Und es gibt ja keine Zentralredaktion, sondern jede ARD-Anstalt organisiert das selber.“ Er leide auch darunter, glaube aber, dass es die Zuschauer kaum störe.

3. Polizeiarbeit-Darstellung

Wohl kaum jemand erwartet, dass es in Fernsehkrimis zugeht wie in der Realität. Aber mancher findet das Ausmaß an Falschheit, mit dem manchmal die Arbeit von Polizei und Staatsanwaltschaft dargestellt wird, erschreckend. Schon zu Zeiten von „Prügelkommissar“ Schimanski kam die Frage auf: Untergräbt der „Tatort“ den Rechtsstaat?

4. Fehlender Regionalbezug

Per Definition sollen die verschiedenen „Tatorte“ regional gefärbt sein. Viele Darsteller der Kommissare und auch die Drehbuchautoren wohnen allerdings in Berlin. Ist das vielleicht der Grund, dass oft vieles austauschbar wirkt?

5. Vorspann

Wehe, man sagt etwas gegen den „Tatort“-Vorspann. Til Schweiger wagte das mal: „Den würde ich gerne ändern“, sagte er beim Jupiter Award 2012, „den Vorspann, der ist jetzt wirklich outdated.“ Das Echo war enorm, Titelmusik-Komponist Klaus Doldinger sagte zum Beispiel, solch ein Markenzeichen dürfe man nicht aufgeben. Schweiger ruderte zurück. Aber vielleicht hatte er ja einfach mal recht.

6. Selbstbezüglichkeit

Eigentlich lebt die Reihe von in sich abgeschlossenen Filmen mit Auflösung in der jeweiligen Folgen, nur die Ermittlerfiguren bleiben über mehrere Fälle. Doch mit Doppelfolgen und immer mehr Episoden, die an ältere Fälle anknüpfen, wird dieses Konzept zunehmend untergraben.

7. Twitter-Phänomen

Mancher genießt es, mancher ist einfach nur genervt, wenn Freunde und Bekannte am Sonntagabend scheinbar zusammenhangslos beim „Tatort“-Gucken Kommentare bei Twitter oder Facebook absetzen. Komiker Michael Kessler etwa findet Gucken, um zu kommentieren, „befremdlich“. In einem „taz“-Interview sagte er: „Man sollte sich auch einfach mal 90 Minuten auf etwas einlassen können. Ich lese ja auch nicht neben dem Fernsehen ein Buch.“

8. Tatort-Stars, die selbst kaum Tatort gucken

Immer wieder gibt es „Tatort“-Schauspieler, die selber sagen, dass sie ja eigentlich keine „Tatort“-Fans seien. Meret Becker (Berlin) gab im dpa-Interview zu, sie schaue den Sonntagskrimi selten: „Klar, manchmal bleib ich hängen und guck eher aus Versehen als aus beruflichem Pflichtbewusstsein.“

9. Betulichkeit

Angestrengt am deutschen Alltag orientiert und oft sozialpädagogisch und mit langweiligen Dialogen - das Klischee vom „Tatort“ ist hart, aber manchmal auch wahr. Viele jüngere Zuschauer haben sich längst an die schnelleren US-Serien gewöhnt.

Und der Grund neineinhalb

Ins Hintertreffen beim „Tatort“-Hype gerät oft der kleine Bruder mit DDR-Vergangenheit: das ARD-Format „Polizeiruf 110“. Dabei halten viele dessen Fälle oft für spannender. Ist der „Polizeiruf“ vielleicht der bessere „Tatort“?

Als Gaststar spielt Jürgen Prochnow („Das Boot“) Kesting, den Leiter einer Staatsschutz-Abteilung. Borowski, der den Mordfall zu lösen hat, und Kesting kommen sich dabei in die Quere. Denn für den Staatsschutz, der die Moschee observiert, geht es um übergeordnete Sicherheitsinteressen. Eine in die Gemeinde eingeschleuste V-Person wird ermordet. Das Schicksal der konvertierten Schülerin ist für Kesting nicht entscheidend. Er will sie ohne ihr Wissen instrumentalisieren, um an wichtige Mittelsmänner des IS heranzukommen. Julia zerbricht am Ende an einer Welt, in der sie niemandem mehr trauen kann.

Nach diesem 999. „Tatort“ wird Borowski alias Axel Milberg bereits nächsten Sonntag (13.11.) erneut im Einsatz sein. An der Seite von Kommissar-Kollegin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) werden beide im 1000. Jubiläums-„Tatort“ eine alptraumhafte Fahrt im „Taxi nach Leipzig“ mit einem durchgeknallten früheren Elitesoldaten als lebensmüden Fahrer durchstehen. Nach seinem Einsatz in Afghanistan will der Soldat sich an seiner Ex-Freundin rächen, die einen Kameraden heiraten möchte. Der Titel „Taxi nach Leipzig“ ist übrigens der gleiche des ersten „Tatort“-Krimis aus dem Jahre 1970 – damals mit Kommissar Paul Trimmel (Walter Richter), als es noch die Bundesrepublik, die DDR und die Mauer gab.

Von

dpa

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