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25.07.2011

12:29 Uhr

Jahrestage ignoriert

Bayreuther Festspiele lassen Jubiläen links liegen

VonChristine Lemke-Matwey
Quelle:Tagesspiegel

Die Bayreuther Festspiele sind für vieles berühmt, jedoch nicht ihre Flexibilität. In diesem Jahr gäbe es gleich drei Jubiläen, die zu feiern wären - keines davon wird berücksichtigt. Das bringt der Leitung Kritik ein.

In der Kritik: Die Festspielleitung, bestehend aus Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier. Quelle: dpa

In der Kritik: Die Festspielleitung, bestehend aus Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier.

BayreuthEs sei gar nicht so leicht, Bayreuth zu lieben, „wenn man weder Biertrinker noch Schäufelefreak ist“, hat Festspielchefin Katharina Wagner erst kürzlich zu bedenken gegeben. Schäufele heißt in Oberfranken ein leckeres Stück aus der Schweineschulter, gewürzt mit Pfeffer und Kümmel, serviert in Dunkelbiersauce, mit Klößen dazu. Allzu viel sollte man davon nicht essen, wenn man noch etwas vorhat.

Bayreuth hat viel vor. Drei Jubiläen muss die „schöne Einöde“ 2011 verkraften. Erstens wird der Komponist Franz Liszt – Richard Wagners Schwiegervater und auf dem Bayreuther Stadtfriedhof begraben – 200 Jahre alt. Zweitens finden die Wagner-Festspiele seit 1876 zum 100. Mal statt (mit diversen, teils ökonomisch, teils politisch motivierten Unterbrechungen).

Und drittens feiert Neu-Bayreuth, die legendäre Wiedergeburt der Festspiele nach dem Zweiten Weltkrieg, sein 60-jähriges Jubiläum. 1951 macht Wieland Wagner hier als Regisseur radikal reinen Tisch: Leer sei die Bühne, einsam der Mensch, befreit von allen ideologischen Fußfesseln, allem Bilderballast, bereit für die Kunst der Zukunft. Ganz frei von Pathos war auch diese Kunstanschauung nicht.

Drei Gründe also, mächtig stolz zu sein. Was Franz Liszt betrifft, tut die „Weltstadt auf Zeit“ auch, was sie kann. 150 Veranstaltungen übers Jahr verteilt, was Rang und Namen hat, gibt sich die Klinke in die Hand – kurz: „Lust auf Liszt“. Einziger Schatten: Das Engagement ist rein städtisch. Die Festspiele, die Liszt in ihren Urgründen einiges zu verdanken haben, hüllen sich in Schweigen. Eine Ungeschicklichkeit? Ein Affront?

Der Wieland-Tochter Nike jedenfalls, Chefin des Weimarer Kunstfestes „Pèlerinages“, treibt es im „Spiegel“ die Zornesröte ins Cosima-Gesicht: „Die Bringschuld der Wagners Liszt gegenüber ist gewaltig.“ Ein Geburtstagskonzert am 22. Oktober im Festspielhaus – das wär’s ihrer Ansicht nach gewesen, ein Signal, der Beginn der „Schuldentilgung“. Nikes Cousinen, die Festspielleiterinnen Eva und Katharina, sehen das anders. Zum einen lässt es die Satzung der Festspiele nicht so ohne Weiteres zu, dass auf dem Wagner-Hügel Musik von anderen Komponisten erklingt; zum anderen kann es Ende Oktober in Oberfranken bereits empfindlich kalt sein – und eine Heizung hat das hohe Haus nicht.

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