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08.10.2014

12:36 Uhr

Japans Kunst heute

Erdbeben im Kopf

VonBarbara Bierach

Bis 1989 galt Japans Wirtschaftswachstum als einzigartig in der Welt. Dann platzte die ökonomische Blase. Wie sensibel die Künstler auf die lang andauernde Phase der Verunsicherung reagiert haben, zeigt eine Ausstellung im australischen Brisbane.

Sachiko Kazama: „Nonhuman Crossing“ - 2013 – Holzschnitt, Sumi-Tinte auf japanischem Papier, auf Holz gezogen. Quelle: Queensland Art Gallery – Gallery of Modern Art (Ausschnitt)

Sachiko Kazama: „Nonhuman Crossing“ - 2013 – Holzschnitt, Sumi-Tinte auf japanischem Papier, auf Holz gezogen. Quelle: Queensland Art Gallery – Gallery of Modern Art (Ausschnitt)

BrisbaneVideos in Endlosschleife zeigen wackelnde Töpfe, Tassen und Flaschen, dazwischen stehen Lautsprecher, die sich drehen und fremdartige Geräusche in alle Richtungen schleudern. Umstellt ist die im Kreis aufgebaute Installation „O“ (2009) von Hiraki Sawa von Schwarzweißaufnahmen verlassener Landschaften. Alles hier in der Gallery of Modern Art im australischen Brisbane vermittelt Unsicherheit: So muss sich ein nahendes Erdbeben anfühlen.

Sawas Arbeit ist Teil der Ausstellung „We Can Make Another Future  - Japanese Art after 1989“, die der Heisei-Ära gewidmet ist, also den 25 Jahren seit dem Tod von Kaiser Hirohito. Dies ist eine Phase, die sowohl vom Ende des rasanten Wirtschaftswachstums und einer Finanzkrise geprägt war, als auch von schweren Katastrophen wie dem Erdbeben in Kobe 1995 oder dem Tsunami von 2011 und dem darauf folgenden Fukushima-Desaster.

Eine Gesellschaft erfindet sich neu

„Nach 1989 und dem Platzen der ökonomischen Blase in Japan begann eine Phase wachsender Unsicherheit und sozialer Spannungen“, sagt Kurator Reuben Keehan. „Japans Zukunft, die gerade noch so sicher schien, war plötzlich nur noch eine Erinnerung“. Die Zeit nach 1989, die von Wirtschaftswissenschaftlern nur als „Stagnation“ oder „verlorene Dekaden“ bezeichnet wird, ist gleichzeitig eine der kulturell signifikantesten der japanischen Moderne. „Die Kunst dieser Ära repräsentiert eine differenzierte Interpretation der sozialen Verhältnisse einer Nation, die gezwungen ist, sich von vielen ihrer tradierten Überzeugungen und Sicherheiten zu verabschieden“, so Keehan. Eine Gesellschaft, die ihre Zukunft neu erfinden muss und in vielen Bereichen neue Überlegungen anstellen muss: etwa über die soziale Rolle der Frau, die der Medien und der Parteibürokratie, über das Verhältnis zwischen Arbeitnehmern und Konzernen, das Renten- und Sozialsystem und über das Wesen der Energiegewinnung.

Cool Japan

Diese Umwälzungen spiegeln sich in subtil subversiven, humorvollen Arbeiten, die japanische Traditionen auf den Kopf stellen und soziale Erwartungen karikieren. Kurator Keehan fasst die Ära unter dem Begriff „Cool Japan“ zusammen. Es gibt sich „schräg, feministisch und post-kolonial“. Was er meint, zeigt zum Beispiel Tsuyoshi Ozawas Fotoserie „Vegetable Weapon“, die seit 2001 kochende Hausfrauen mit schweren Waffen porträtiert, die aus dem Gemüse hergestellt sind, mit dem sie gleich die Suppe fürs Abendessen kochen. Fotografiert mit begehrlichem männlichen Blick, parodieren diese Arbeiten das Stereotyp von der vordergründig oft als unterwürfig wahrgenommenen Japanerin und fragen gleichzeitig nach der Aggression hinter dem Bekochen und Bemuttern: Achtung Liebes, gleich fress ich dich!

Entschuldigung für Mord

Yasumasa Morimura spielt ebenfalls mit Identitäten – nationalen und sexuellen. In „Doublonnage (Marcel)“ stellt er Man Rays berühmtes Porträt von Marcel Duchamps nach, der sich als sein weibliches Alterego Rrose Sélavy verkleidet hat, allerdings mit Hilfe eines japanischen Modells. So scheint er nicht nur über ein Japan zu spotten, dass seine eigenen Kunsttraditionen zugunsten westlicher Vorstellungen kompromittiert, sondern auch über die tradierten japanischen Vorstellungen von Geschlechteridentität.

Tadasu Takamine hingegen macht seine eigene Eheschließung mit einer in Japan aufgewachsenen Koreanerin und den Widerstand in beiden Familien gegen diese Verbindung zum Thema seiner Fotoinstallation „Baby Insa-Dong“ von 2004. Japan hatte Korea von 1905 bis 1945 besetzt und seine Bürger wie Sklaven gehalten, was heute noch zu Spannungen führt und zur Diskriminierung ethnisch koreanischer Japaner. Dazu schreibt der Künstler: „Wenn normale Bürger anfangen, Worte wie ‚nationales Interesse’ im Mund zu führen, ist das der Anfang vom Ende. Dieses Wort ist am Ende immer eine Entschuldigung für Mord.“

Kommentare (1)

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Herr Riesener Jr.

08.10.2014, 13:42 Uhr

Schön, dass uns das Handelsblatt über diese Ausstellung informiert - weil jetzt muss ich nicht ins weite Japan fliegen, sondern kann einen kleinen japanischen Kunst-Ausschnitt gleich um die Ecke in Australien sehen.......

Und schön, dass das Handelsblatt offenbar genug Geld hat, seinen Journalistinnen etwas zu bieten.......


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