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15.03.2012

06:45 Uhr

John Stezaker

Collage als Widerstand

Malerei hat die Welt genug, dachte John Stezaker als junger Künstler. Er arbeitet deshalb lieber mit vorhandenen Bildern. Aus alten Postkarten und Hollywood-Stills entwickelt der Brite neue Bildgeschichten. Auf dem Kunstmarkt hat er damit erst seit wenigen Jahren Erfolg.

John Stezaker: "Night VII", 2011, Collage. (Ausschnitt) Stezaker, Galerie Capitain, Köln

John Stezaker: "Night VII", 2011, Collage. (Ausschnitt)

KölnJohn Stezaker mag es nicht, wenn man ihn einen „Surrealisten“ nennt. Doch ob er will oder nicht, seine neuen Collagen wurzeln

in dieser Tradition. Auch er fügt einander fremde, nach landläufiger Vorstellung einander ausschließende Bildelemente zusammen, um

bisher verdrängte Gefühle und  Vorstellungen ans Licht zu holen. Das zeigt sich bei einer Besichtigung seiner jüngsten Ausstellung in der Kölner Galerie Capitain.

Die Collage „Night VII“ (2011) kombiniert ein Hollywood-Filmstill in Schwarzweiß und eine kolorierte alte Postkarte mit einem Zug auf hoher Eisenbahnbrücke. Tief unten glitzert der Fluss in kaltem Mondlicht. Auf dem Filmstill bedrängt ein dominierender Mann eine Frau. Die Gesichter der beiden verdeckt die aufgeklebte Postkarte. Was verbirgt sich dahinter? Wo befindet sich das Paar? Könnte der Mann die Frau aus dem Zug hinab in den Fluss stürzen? Etwas Gewalttätiges liegt in der Luft. Brücken scheinen für Stezaker eine besondere, fast mythische Ausstrahlung zu haben.

An Filmgeschichte nicht interessiert

Ein Film-Liebhaber käme jetzt auf die Idee, sich den Film anzusehen, aus dem die Szene stammt. Doch die Filmgeschichte interessiert Stezaker überhaupt nicht. Er geht vom Bildmaterial aus und pointiert: Nicht er sucht die Bilder, sondern die Bilder suchen ihn. Wenn Hollywood eine Traumfabrik ist, dann könnten Stezakers Collagen eine Alptraumfabrik sein. Er erzählt aber nicht nur Nachtgeschichten, seine Collagen können auch ironisch und witzig sein.

In den Serien der „Masks“ und der „Sirenen“ collagiert er Studio-Porträts von Schauspielern mit originellen Wassermotiven. Er möchte die Wahrheit hinter den schönen Gesichtern, die „Archetypen“ hinter den „Stereotypen“ ergründen. Wieder andere Collagen verwandeln frühe Filmstills in laszive Landschaften des Begehrens.

Im letzten Raum der Ausstellung entdeckt der Besucher zwei Collagen mit Motiven von winzigen, verloren wirkenden Männern auf bedrohlich wirkenden, großen Plätzen. Stezaker hat die Motive an den Rändern von Kunstpostkarten (vermutlich Georges Seurat) gefunden, ausgeschnitten und aufgeklebt. Indem er sie isoliert, entsteht ein ganz neues Bild. Aus dieser Recherche ist ein besonderes Künstlerbuch entstanden, „The 3rd Person Series“, erschienen 2009 bei Koenigs Books in London.

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