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09.02.2005

11:35 Uhr

Panorama

Junge Leistungsträger trinken häufig bis zum Filmriss

Eine wachsende Tendenz „junger Leistungsträger, am Wochenende bis zum Filmriss zu trinken“, hat der Ärztliche Direktor des Frankfurter Bürgerhospitals, Wilfried Köhler, ausgemacht.

Alkoholkonsum

Leere Gläser am Tresen einer Discothek.

dpa FRANKFURT/MAIN. Eine wachsende Tendenz „junger Leistungsträger, am Wochenende bis zum Filmriss zu trinken“, hat der Ärztliche Direktor des Frankfurter Bürgerhospitals, Wilfried Köhler, ausgemacht.

„Diese jungen Leute sind unter der Woche sehr diszipliniert, weil sie es sich gar nicht leisten können, nicht fit zu sein“, sagte der Suchtexperte.

Am Wochenende gingen die etwa 25 bis 35 Jahre alten Beschäftigten von Banken oder Unternehmen dann mit dem erklärten Ziel in eine Kneipe oder eine Disco, sich einen Rausch zu verschaffen und so auszusteigen. „Wenn man dann trinkt, gibt es schon so eine Tendenz, sich so zu betrinken, bis man wirklich weggetreten ist.“

„Das ist auch genau die Situation, in der Kokain konsumiert wird“, sagte der Psychiater. „Kokainkonsum hängt in der Regel auch mit Alkoholkonsum zusammen, umgekehrt gilt das natürlich nicht.“

Das Problem Alkohol werde in der Gesellschaft weit unterschätzt, sagte der Chefarzt der Klinik für Abhängigkeitserkrankungen am Bürgerhospital. 42 000 Alkoholtote seien 2004 in Deutschland gezählt worden. Knapp zwei Mill. Bundesbürger seien alkoholabhängig, dazu kämen etwa 1,5 Mill. mit riskanten Trinkgewohnheiten. Die meisten würden viel zu spät behandelt. So werde ein Alkoholkranker im Durchschnitt erst nach 15 Jahren von seinem Arzt darauf angesprochen. „Je länger jemand abhängig ist, um so größer die Mühe und die Anstrengung, davon wieder runter zu kommen.“

„Es kann jeden erwischen“, unterstrich Köhler. „Es gibt keine Suchtpersönlichkeit“, sagte er. „Der Haupt-Risikofaktor, der vererbt wird, liegt in der Leber“, erklärte der Mediziner. „Wer viel verträgt, muss besonders aufpassen.“ Außerdem gelte: „Je öfter im Gehirn die Erfahrung abgespeichert wird: "Alkohol - und jetzt geht es mir gut", desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Motivationsprogramm im Zwischenhirn auf Wiederholen gestellt wird.“

Ein höheres Risiko hätten aber auch manisch-depressive Menschen. Jugendliche seien besonders gefährdet, wenn sie ihren Platz in der Welt noch nicht richtig gefunden hätten, unter sozialen Ängsten litten und die Erfahrung machten, dass sie sich mit Alkohol besser fühlten. Die Klinik für Abhängigkeitserkrankungen macht im Jahr durchschnittlich rund 1 000 Entgiftungen und Motivationsbehandlungen.

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