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03.09.2014

10:16 Uhr

Kestnergesellschaft

Inszenierte Welten

VonJohannes Wendland

Drei der bedeutendsten Künstler der Gegenwart treffen in der Kestnergesellschaft Hannover erstmals aufeinander. Die Ausstellung „Andreas Gursky, Neo Rauch, Jeff Wall“ zeigt ihre geistigen Schnittstellen.

Blick in die Ausstellung mit Neo Rauchs Skulptur „Jägerin“ und Papierarbeiten des Leipziger Künstlers.       Kestnergesellschaft/VG-Bild Kunst, Bonn/Ulrich Prigge

Blick in die Ausstellung mit Neo Rauchs Skulptur „Jägerin“ und Papierarbeiten des Leipziger Künstlers.      

DüsseldorfDer Düsseldorfer Fotograf Andreas Gursky hatte eine Vision. Den gläsernen Kubus des Duisburger Lehmbruck-Museums, der in der Regel nur Werke des großen expressionistischen Bildhauers enthält, hat er via Computer mit einer imaginären Kunstsammlung gefüllt. Werke von Duane Hansen und Alexander Calder sind auf seinen Fotografien „Lehmbruck I“ und „Lehmbruck II“ von 2013 zu sehen. Aber auch Skulpturen des Leipziger Künstlers Neo Rauch und Leuchtkästen des kanadischen Fotokünstlers Jeff Wall. Die Kestnergesellschaft in Hannover hat Gurskys Gedankenspiel auf ihre Weise aufgegriffen. Sie setzt in ihrer Ausstellung „Andreas Gursky, Neo Rauch, Jeff Wall“ erstmals Arbeiten dieser drei Stars der aktuellen Kunstszene in Beziehung. Es ist eine ungewöhnliche und bislang einzigartige Zusammenstellung, die die Nähe und geistige Verwandtschaft dreier scheinbar gegensätzlicher Künstler offenbart.

Der Künstler als Zentaur

In den beiden Ausstellungshallen des ehemaligen Hallenbades hat Kurator Heinrich Dietz ein anregendes und vielschichtiges Spiel der Verweise und Bezüge inszeniert. Das fängt in der ersten Halle mit den großformatigen Lehmbruck-Bilder von Gursky an. Wer auf ihnen die Neo Rauch-Skulptur „Nachhut“ entdeckt hat, braucht sich nur um 90 Grad zu drehen. Dann fällt der Blick auf das Original der Bronzeskulptur von 2011. Sie zeigt einen Mann als Zentaur, der dem Künstler nicht unähnlich ist. In jeder Hand trägt er einen Benzinkanister. Es ist anzunehmen, dass sich der Leipziger hier in einer groben Diktion als Vertreter einer mythischen Spezies darstellt, die in der Antike häufig als brutal, rücksichtslos und lüstern dargestellt wurde. Ein Rätsel bleibt, ob dieser Künstler-Zentaur gerade dabei ist, Feuer zu legen und ein Spiel der Vernichtung betreibt.  Oder ob er selbst nur die Nachhut ist, wie der Titel nahelegt. Das apokalyptische Ereignis ist vielleicht schon geschehen. Wie immer bei Rauch, auf dessen Werke handverlesene Sammler jahrelang warten, setzen seine Arbeiten eine Assoziationskette in Gang, die letztlich ins nirgendwo führt.

Suspense-Fotografie

In ähnlicher Weise steht der Betrachter auch den großformatigen Schwarzweiß-Arbeiten von Jeff Wall gegenüber. Hyperrealistisch schildern sie Straßenszenen aus nordamerikanischen Großstädten.  Der Blick fällt, etwa bei dem Bild „Intersektion“ von 2007, auf eine wie eingefroren wirkende Straßenkreuzung. In „Figures on a sidewalk“ von 2008  gehen Passanten wie zufällig einen Bürgersteig mit leichtem Gefälle entlang. Während „Tenants“ eine ärmliche Reihenhauszeile mit einzelnen ziemlich abgerissenen, männlichen Bewohnern zeigt. So beiläufig diese Motive auf den ersten Blick wirken, so inszeniert erscheint diese Beiläufigkeit. Diese Bilder wecken beim Betrachter Unbehagen und die Vorahnung eines bevorstehenden Unglücks oder Gewaltausbruchs. Der Filmregisseurs Alfred Hitchcock charakterisierte solche Situationen als Suspense. Im Falle von Wall könnte man von „Suspense-Fotografie“ sprechen.

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