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12.11.2015

08:52 Uhr

Klatten-Film „In der Falle“

Affären sind auch nicht mehr, was sie waren

VonChristian Bartels

Wer hat heute noch Angst vor Schlagzeilen in einer gedruckten Zeitung? Die spektakuläre Erpressung der Millionärin Susanne Klatten hat die ARD in einen soliden, aber aus der Zeit gefallenen Allerweltskrimi verwandelt.

Schauspielerin Claudia Michelsen spielt die erpresste Millionärin im Fernsehkrimi "In der Falle". dpa

Claudia Michelsen

Schauspielerin Claudia Michelsen spielt die erpresste Millionärin im Fernsehkrimi "In der Falle".

BerlinDen Namen Susanne Klatten nannte die ARD im Vorfeld nicht. Doch war der Zusammenhang eindeutig und in allen übrigen Ankündigungen des am Mittwochabend gesendeten Spielfilms "In der Falle" enthalten: Die Geschichte der sehr reichen Unternehmens-Miteigentümerin, die sich im Urlaub in einen Fremden verliebt und später von diesem erpresst wird, ist inspiriert von dem, was Susanne Klatten 2007 passiert ist.

Redselig waren die Quandts nie. Als deren Erbin schwieg auch Klatten, Großaktionärin unter anderem bei BMW, als sie von einem Liebhaber erpresst wurde; durch ein Gerichtsverfahren kam die Sache an die Öffentlichkeit.

Die Quandt-Dynastie

Emil Quandt

Die Erfolgsgeschichte der Familie begann mit Emil Quandt, dem zielstrebigen Geschäftsführer der Tuchfabrik Draeger. Dank harter Arbeit und der Ehe mit einer Tuchmacher-Tochter galt er zwar als gesellschaftlich arriviert, dennoch war seine Karriere eher unspektakulär. Aber durch eine präzise Nachfolgeregelung legte Emil den Grundstein für den heutigen Familienbesitz.

Günther Quandt (1881-1954)

Günther Quandt war der älteste Sohn von Emil und ein ganz anderes Naturell als sein Vater. Wo der vorsichtig agierte, griff Günther zu. Er trat energisch auf und wirkte sehr bestimmend auf seine beiden jüngeren Brüder. Der Rahmen eines brandenburgischen Textilherstellers wurde ihm rasch zu eng. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg erweiterte er das Unternehmen und danach dehnte er es vor allem durch geschickte Aktiengeschäfte immer weiter aus.

Antonie Ewald (1884-1918)

Günther Quandts erste Ehefrau, die weit ihrer Zeit verschied. Sie zeugte ihm die Kinder Herbert und Hellmut.

Magda Ritschel (1901-1945)

Günthers zweite Ehefrau. Sie ließ sich 1929 scheiden und heiratete zwei Jahre später Joseph Goebbels. Aus der Ehe mit Günther entsprang ein Kind, Harald Quandt. Seine sechs Halbgeschwister tötete Magda 1945 im Führerbunker, damit sie den Untergang der Nazis nicht erleben mussten.

Joseph Goebbels

Mit vielen Nazis pflegte Günther Quandt gute Kontakte, aber Joseph Goebbels hasste er. Die Feindschaft der beiden gründete sich in der Tatsache, dass Goebbels Quandts erste Ehefrau Magda Ritschel geheiratet hatte und es nun einen Rosenkrieg um Harald Quandt gab, den gemeinsamen von Günther und Magda.

Hellmut Quandt (1908-1927)

Günther Quandt hatte seinen ältesten Sohn Hellmut für die Unternehmensnachfolge vorgesehen. Als dieser 1927 unerwartet starb, musste Herbert in die Bresche springen.

Herbert Quandt (1910-1982)

Herbert war als jüngerer Bruder Hellmuts ursprünglich nicht für die Unternehmensnachfolge vorgesehen gewesen, musste 1927 dann aber umso eiliger vorbereitet werden. Er litt unter einem Augenleiden. Dennoch übernahm er seit Kriegsbeginn zunehmend unternehmerische Verantwortung und stand mit dem talentierten Horst Pavel im Machtkampf um die zukünftige Führung. Auch Herbert trat der NSDAP bei und gab sich opportunistisch. Er erbte das Konglomerat 1954 gemeinsam mit seinem Bruder Harald.

Harald Quandt (1921-1967)

Harald war der Sohn von Günther Quandt und Magda Ritschel, wurde aber nach der Scheidung und ihrer Hochzeit mit Joseph Goebbels 1931 im Haus des Reichspropagandaministers erzogen. Als Harald volljährig wurde, ging er zur Wehrmacht. Nach Verwundung und Kriegsgefangenschaft schlug er die vorgezeichnete Berufslaufbahn in den Quandt-Fabriken erst nach dem Kriegsende ein.

Ursel Müstermann

Herbert Quandts erste Ehefrau, sie ließen sich 1940 scheiden. 1937 wurde ihre Tochter Silvia Quandt geboren.

Liselotte Blobelt

Von seiner zweiten Ehefrau ließ sich Herbert Quandt 1959 scheiden. Sie hatten gemeinsam drei Kinder: Sonja Quanft-Wolf (geboren 1951), Sabina Quandt (1953) und Sven Quandt (1956).

Johanna Bruhn

Die 1926 geborene Johanna Bruhn war Herbert Quandts dritte Ehefrau und blieb es bis zu seinem Tod 1982. Mit ihr hatte er die Kinder Susanne Klatten (1962) und Stefan Quandt (1966).

Susanne Klatten

Susanne Klatten gilt als die reichste Frau Deutschlands, weltweit führt sie Forbes auf Rang 44. Ihr Vermögen wird auf knapp 15 Milliarden Dollar geschätzt. 1982 erbten sie das Vermögen von ihrem Vater Herbert – gemeinsam mit ihrer Mutter.

Stefan Quandt

Auch Stefan Quandt gehört zu den reichsten Deutschen. Sein Vermögen wird auf knapp elf Milliarden Dollar geschätzt. In der Forbes-Liste liegt er weltweit auf Rang 72. Der gelernte Wirtschaftsingenieur bündelt seine Aktivitäten in der 1993 gegründeten Holding Delton.

Für seine per Rückblenden-Struktur erzählte Handlung variiert der ARD-Spielfilm die Fakten leicht: Simone Carstensen-Kleebach (Claudia Michelsen) begegnet nicht in Innsbruck, sondern auf Norderney dem charmanten Fremden, der auch kein Schweizer ist, sondern sich als belgischer Galerist (Michael Rotschopf) namens Leon Vandenne vorstellt.

Schon die zweite Begegnung findet in Bademänteln am Hotel-Schwimmbecken statt. Das weitere Geschehen spult der Film mit hoher Vorhersehbarkeit, dafür in dem gemächlichen Tempo ab, das öffentlich-rechtliche Fernsehspielfilme kennzeichnet und mit den schnelleren, dichteren Erzählweisen US-amerikanischer Provenienz leider wenig zu tun hat.

Ex-Liebhaber bleibt in Haft: Die späte Rache der Susanne Klatten

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Deutschlands reichste Frau zwingt ihren Verführer in Beugehaft, obwohl er die reguläre Haftstrafe verbüßt hat. Denn Helg Sgarbi verrät nicht, wo das Geld ist, das er sich von Quandt-Erbin Susanne Klatten erschlichen hat.

Der Handlungsverlauf strapaziert aber nicht nur die Geduld, sondern er sät auch Zweifel an der Glaubwürdigkeit - spätestens, wenn im zweiten Drittel des 90-Minüters eine Erpressung-in-der-Erpressung-Story ins Spiel kommt: Da wird der vermeintliche Galerist von mit russischem Akzent deutsch sprechenden Motorradfahrern verprügelt, weil er, wie er anschließend behauptet, dessen Chef ein gefälschtes Gemälde verkauft habe.

Dass die verliebte Millionärin schnell mit einem Koffer voller Geldscheine bei der Hand ist, aber selbst später nicht auf die Idee kommt, sich über die Brüsseler Galerie zu informieren, mag vielleicht noch in den Jahren um die Jahrtausendwende realistisch gewesen sein. In den 2010er Jahren mit überall ständig verfügbaren Informationsmedien wirkt das ebenso aus der Zeit gefallen wie später, wenn ihre Familie befürchtet, dass kompromittierende Fotos "in der Zeitung" erscheinen. Als ob es das viel schnellere, noch viel weniger kontrollierbare Internet gar nicht gäbe.

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