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24.08.2012

15:50 Uhr

Klaus Werner

Parfüm des Westens

VonMichael Zajonz

Mit guten Westkontakten war der Kunsthistoriker Klaus Werner in der DDR einer der Strippenzieher für nonkonforme Kunst. Das Lindenau-Museum stellt ihn jetzt mit seiner Privatsammlung vor.

Sammlung Klaus Werner: Sein Plakat der Werkstatt Eigen und Art in der Ausstellung im Lindenau-Museum in Altenburg. Lindenau Museum

Sammlung Klaus Werner: Sein Plakat der Werkstatt Eigen und Art in der Ausstellung im Lindenau-Museum in Altenburg.

AltenburgKlaus Werner passte nicht ins verordnete Bild der Kunst und Kunstvermittlung in der DDR. Dem souveränen Auftreten des 2010 gestorbenen Kunstwissenschaftlers und Galeristen haftete "das Parfüm des Westens" an. So erinnerte sich der damals noch in Leipzig lebende Maler Hans Hendrik Grimmling an die Weltläufigkeit im Lande Liliput.

Von 1973 bis 1981 ist Klaus Werner Chef der legendären Ost-Berliner Galerie Arkade am Strausberger Platz 4 gewesen. Zum 1. Januar 1982 wurde er von seinem damaligen Arbeitgeber, dem Staatlichen Kunsthandel der DDR, unter bis heute nicht ganz geklärten Umständen geschasst.

Wer unter Werner in der Arkade ausstellen durfte, hatte es geschafft in der alternativen Kunstlandschaft der DDR. Eine Soloshow bei ihm, der auch gute Kontakte zu Hans-Otto Bräutigam und Georg Girardet von der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin besaß, erscheint im Rückblick ehrenvoller als die Zulassung zu einer der freudlosen zentralen DDR-Kunstausstellungen in Dresden. Neben jungen Unangepassten zeigte Werner die damals noch verkannten Alten: Hermann Glöckner, Charlotte E. Pauly, Carlfriedrich Claus, Robert Rehfeldt.

Nach Ausstellungen, die sich auf Werners Wirken nach 1990 als Gründungsdirektor der Leipziger Galerie für Zeitgenössische Kunst und Rektor der Hochschule für Grafik und Buchkunst sowie seine Arkade-Zeit konzentrierten, stellt nun das Lindenau-Museum Altenburg erstmals den Sammler Klaus Werner in den Mittelpunkt (bis 30.9.). Werners Sammelleidenschaft, das macht die wunderbar fokussierte Ausstellung deutlich, folgte keinem Kalkül. Nicht nur, weil die herrschende Ökonomie einen funktionierenden Kunstmarkt unmöglich machte, fühlte sich der Galerist als Freund und weniger als Geschäftspartner der Künstler.

So sind es Freundschaftsbeweise, die dank Werners Witwe als Dauerleihgabe in Altenburg zu sehen sind. Intime Arbeiten auf Papier mit persönlicher Widmung und Witz. So montierte Sigmar Polke aus Schlagzeilen westlicher Boulevardblätter die Collage "Ferner Osten". "Die Orgie", lesen wir, "verlief wie auf Zehenspitzen."

Werner beherrschte beides: vorsichtiges Balancieren und den aufrechten Gang. Legendär waren die von ihm initiierten Künstler-Pleinairs an der Ostsee. 1981 in Gallenthin hatte er aus Sicht der SED den Bogen überspannt: weil er eine Performance Morgners mit einer aus der Ständigen Vertretung geschmuggelten Videokamera dokumentierte; und weil mit dem eigens aus Heidelberg angereisten Freund Klaus Staeck eine Künstlermappe mit Beiträgen aus Ost und West verabredet worden war. Was keiner ahnte: Die Stasi war in Gestalt des Fotografen Ralf-Rainer Wasse immer dabei. Einige von Wasses gleichwohl großartigen Dokumentarfotos sind nun auch in der Ausstellung zu sehen.

Es gehört zu den Absonderlichkeiten der DDR-Geschichte der 1980-Jahre, dass Werner nach seiner fristlosen Entlassung durch die Kulturbürokratie weitermachen konnte. Er schrieb, gründete mit anderen im Prenzlauer Berg einen Projektraum, tingelte als Kurator und Ausstellungsredner durch die Republik und widmete sich intensiv dem Werk von Carlfriedrich Claus. Für dessen Sprachblätter konnte er 1990 ein Werkverzeichnis vorlegen.

Die von Klaus Werner 1990 edierte Work-Box von Claus, ein auch in der Ausstellung gezeigtes Konvolut aus Druckgraphik, Faksimiles, Katalogen und zwei Tonbändern, kostet in der Berliner Galerie Bathel + Tetzner 12 000 Euro. Gunar Barthel und Tobias Tetzner bieten auch seltene "Basiszeichnungen" von Claus' Sprachblättern für Preise zwischen 6 000 und 20 000 Euro an.

Arend Oetker und Bernhard von Loeffelholz vom Kulturkreis der deutschen Wirtschaft im BDI hatte Werner schon vor der Maueröffnung kennengelernt. In Leipzig, wohin er 1984 gezogen war, entwickelte er mit Oetker die Idee zu einem Stiftermuseum für zeitgenössische (West-)Kunst. 1998 eröffnete Werner die Galerie für Zeitgenössische Kunst in einer Leipziger Gründerzeitvilla, von 2000 bis 2003 war Werner Rektor der Hochschule für Grafik und Buchkunst. Werner hortete nicht Repräsentatives, sondern setzte auf Arbeiten, die Werk- wie Rezeptionsprozesse jenseits verordneter Normen dokumentieren.

Wichtig sind die originalgraphischen Ausstellungsplakate der Galerie Arkade: Bei einer Auflage unter 100 konnte das Einholen einer Druckgenehmigung bei der Staatsmacht unterbleiben. Ferner haben vor allem Künstlerbücher und Graphikmappen Bedeutung. Als typische Zeugnisse nonkonformer Kunst in der späten DDR zeichnen sie Freiheiten in der Kunst nach.

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