Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

20.12.2014

08:49 Uhr

Krimi-Autor Volker Kutscher

„Plötzlich läuft ein SA-Schlägertrupp daher“

VonTobias Döring

Gereon Rath ist einer der angesagtesten deutschen Kommissare. Die Romanfigur von Volker Kutscher ermittelt im Berlin der 20er- und 30er-Jahre. Der Autor über „deutsche Cola“, Bandenkriminalität und eine Schnapsbrennerei.

Berliner Alexanderplatz auf einer Aufnahme von 1935 (geschätzt): Hier stand das Polizeipräsidium „Die Burg“ – und der Schreibtisch von Gereon Rath. Imago

Berliner Alexanderplatz auf einer Aufnahme von 1935 (geschätzt): Hier stand das Polizeipräsidium „Die Burg“ – und der Schreibtisch von Gereon Rath.

Die Weimarer Republik und die beginnende Nazi-Herrschaft in Deutschland prägen die historischen Krimis von Volker Kutscher. Kommissar Gereon Rath ermittelt in Berlin mitten in den politischen Umbrüchen jener Zeit. Soeben ist der fünfte Band der Reihe erschienen. „Märzgefallene“ schaffte den Sprung in die „Spiegel“-Bestsellerliste.

Herr Kutscher, wer Ihre Rath-Krimis liest, findet sich mitten in der Wirtschaftswelt der Weimarer Republik wieder. Dabei tauchen immer wieder Markennamen auf, die heute noch jeder kennt. Wie wichtig sind die Marken für Ihre Bücher?
Meine Leser sollen sich zu Hause fühlen in der Welt von Gereon Rath, und für mich stellen diese Marken eine Kontinuität dar von der Vergangenheit bis heute. Mir geht es darum, den Zeitsprung von 80 Jahren vergessen zu machen, und mit Hilfe der Marken stelle ich Vertrautheit her. Das ist so wie auf Reisen: Es kann noch so exotisch sein, aber wenn da irgendwo eine bekannte Marke auf dem Tisch steht, fühlt man sich gleich ein wenig daheim. Wenn ich diese Namen erwähne, erscheint die Welt normaler. Und dann läuft plötzlich ein Schlägertrupp der SA durch die Szene – und der Leser erschrickt.

Aber die Menge an bekannten Marken in Raths Welt überrascht dann doch.
Es ist interessant, wie viele es damals schon gab – die meisten hält man für Nachkriegsmarken. Im aktuellen Roman führe ich die Afri-Cola ein: Die ist seit 1931 auf dem Markt und passt zu Gereon Rath, nicht nur weil sie aus Köln kommt wie schon die Zigarettenmarke Overstolz, die er raucht, sondern auch, weil er immer mal wieder ein Aufputschmittel braucht – und Afri-Cola war schon damals sehr koffeinhaltig.

Doch Afri-Cola hat nicht allein wegen des Koffein-Gehalts überlebt.
Afri-Cola hat sich im Dritten Reich als deutsches Gegenmodell zur amerikanischen Coca-Cola positioniert, als „deutsche Cola“ – eine ganz andere Werbestrategie als die in den 60ern mit der Flower Power von Charles Wilp.

Gereon Rath – Ermittler mit Ecken und Kanten

Erster Fall – Der nasse Fisch

1929: Gereon Rath, neu in Berlin und abgestellt bei der Sitte, erlebt eine Weltstadt im Rausch und voller sozialer und politischer Spannungen. Nach dem Fund einer unidentifizierten Leiche schaltet sich der junge ehrgeizige Kommissar ungefragt in die stagnierenden Ermittlungen der Mordkommission ein – und stößt in ein Wespennest.
Ein Toter ohne Identität, der Spuren bestialischer Folterung trägt, gibt der Mordkommission Rätsel auf. Rath entdeckt eine Verbindung zu einem Kreis oppositioneller Exilrussen, die mit geschmuggeltem Gold Waffen kaufen wollen, um einen Putsch vorzubereiten. Auch andere sind hinter dem Gold und den Waffen her. Rath bekommt es mit Paramilitärs und dem organisierten Verbrechen zu tun. Er verliebt sich in Charly, Stenotypistin in der Mordkommission, und missbraucht ihr Insiderwissen für seine einsamen Ermittlungen. Dabei verstrickt er sich immer weiter in den Fall und macht sich schließlich selbst verdächtig.

Zweiter Fall – Der stumme Tod

März 1930: Der Tod einer Schauspielerin führt Gereon Rath in die Studios der Filmmetropole Berlin. Der junge Kommissar lernt die Schattenseiten des Glamours kennen und erlebt eine Branche im Umbruch. Der Tonfilm erobert die Leinwände, und dabei bleiben viele auf der Strecke: Produzenten, Kinobesitzer – und Stummfilmstars.

Dritter Fall – Goldstein

Berlin 1931: Wirtschaftskrise, gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen SA und Rotfront, Machtkampf unter den Ringvereinen. Gereon Rath bekommt den Auftrag, den US-Gangster Abraham „Abe“ Goldstein zu beschatten. Aus einer Gefälligkeit für das Bureau of Investigation wird ein tödlicher Wettlauf.
Rath langweilt sich auf seinem Beobachtungsposten im Hotel Excelsior und ahnt nicht, dass Goldstein sich längst frei und bewaffnet in der Stadt bewegt. Als der Unterweltboss Marlow Rath zu einer privaten Ermittlung zwingt, gerät er zwischen die Fronten des Bandenkriegs. Charly Ritter, seine Nochimmernicht-Verlobte, hat den Vorbereitungsdienst angetreten, und als sie eine junge Obdachlose, die ohne Fahrschein in der S-Bahn erwischt wurde, bei der Vernehmung entwischen lässt, berühren sich ihre Ermittlungen mit denen Gereons – und sie bekommen richtig Krach.

Vierter Fall – Die Akte Vaterland

Juli 1932, die Berliner Polizei steht vor einem Rätsel: Ein Mann liegt tot im Lastenaufzug von „Haus Vaterland“, dem legendären Vergnügungstempel am Potsdamer Platz, und alles deutet darauf hin, dass er dort ertrunken ist. Kommissar Gereon Rath hat schon genug Ärger. Seine Ermittlungen gegen einen mysteriösen Auftragsmörder treten seit Wochen auf der Stelle, seine große Liebe Charlotte Ritter fängt als Kommissaranwärterin am Alex an – ausgerechnet in der Mordkommission. Und der Tote vom Potsdamer Platz scheint Teil einer Mordserie zu sein, deren Spur weit nach Osten führt.

Fünfter Fall – Märzgefallene

Rosenmontag 1933: Gereon Rath feiert Karneval in Köln, und der Morgen danach beginnt für ihn mit einem heftigen Kater, der falschen Frau im Bett und einem Anruf aus Berlin: Der Reichstag steht in Flammen! Sofortige Urlaubssperre! Seinen neuen Fall aber erbt Gereon Rath von seinem ungeliebten Vorgesetzten Wilhelm Böhm, der sich unter dem neuen Nazi-Polizeipräsidenten ins politische Abseits manövriert hat: Ein Obdachloser ist erstochen am Nollendorfplatz gefunden worden.
Dessen Vorgeschichte führt weit zurück in den Krieg, in den März 1917, als deutsche Soldaten während der „Operation Alberich“ in Nordfrankreich verbrannte Erde hinterließen. Ungesühnte Morde, unterschlagene Goldbarren einer französischen Bank und ein in eine perfide Sprengfalle geratener Hauptmann münden sechzehn Jahre später in eine Mordserie. Der Schlüssel zu all dem scheint der kurz vor der Veröffentlichung stehende Kriegsroman des Leutnants a.D. Achim Graf von Roddeck zu sein.
Rath ermittelt, doch immer wieder funken ihm andere Dinge dazwischen, und da sind die Vorbereitungen für seine Hochzeit mit Charly Ritter noch das geringste Problem. Er wird in die Kommunistenhatz der Politischen Polizei eingebunden, muss sich mit SA-Hilfspolizisten und dem neuen Polizeipräsidenten herumschlagen und einen Geschäftsfreund des Gangsterbosses Johann Marlow aus den Klauen der SA befreien.

Quelle für alle Texte: Verlag Kiepenheuer & Witsch

Auf welche Marken sind Sie bei Ihren Recherchen noch gestoßen?
Bei Sinalco hatte ich immer den Werbejingle „Die Sinalco schmeckt“ im Kopf – dabei wurde die Brause schon zu Zeiten Kaiser Wilhelms auf den Markt gebracht. Odol Mundwasser wurde bereits im 19. Jahrhundert verkauft. Nivea wiederum hat schon in den 30er-Jahren mit Wasserbällen geworben, die habe ich auf alten Aufnahmen vom Strandbad Wannsee entdeckt.

Und der Krieg hat nicht zum großen Bruch geführt?
Für die meisten Firmen ging es weiter. Sogar für die ehemals jüdischen Kaufhäuser, die von den Nazis „arisiert“ und deren Eigentümer entrechtet wurden. Hermann Tietz wurde zu „Hertie“; Leonhard Tietz zu „Kaufhof“. Und nicht wenige deutsche Firmen – Stichwort Rüstungsindustrie – haben vom Krieg sogar profitiert.

Wie haben Sie recherchiert?
Fachliteratur, Filme, Fotos. Auf Markennamen stößt man auch in den Tageszeitungen der damaligen Zeit wie der Vossischen oder dem Berliner Tageblatt. In den Werbeanzeigen wurde noch viel gezeichnet, Mode beispielsweise. Aber mich interessieren natürlich auch die Informationen: Wie teuer waren damals ein Auto, ein Paar Schuhe, ein Pfund Butter?

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×