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17.01.2010

10:00 Uhr

Krisen-Literatur

„Wir brauchen frisches Geld“

VonRegina Krieger

Die Sucht nach immer mehr Gewinn, Gier als Motiv menschlichen Handelns - die Finanzkrise liefert reichlich Stoff für neue Literatur. Drei Autoren haben die Krise in ihren Werken literarisch verarbeitet, mal ernst, mal unterhaltsam - aber vor allem spannend.

Ulrich Tukur spielt in Dieter Wedels verfilmter Geschichte "Gier" den Dieter Glanz. Pressebild

Ulrich Tukur spielt in Dieter Wedels verfilmter Geschichte "Gier" den Dieter Glanz.

DÜSSELDORF. Der eine heißt Dieter Glanz und agiert in Hamburg, der zweite Hector Chetwode-Talbot, genannt Eck, und ist in der Londoner City, und der dritte Philipp Kuster, er arbeitet in Zürich. Alle drei sind Menschenfänger, raten Freunden und Kunden zu Investments mit utopischen Gewinnen. Die Anleger bekommen glänzende Augen, wenn sie von "Faktor 13" hören, transferieren bereitwillig Millionen und beleihen auch noch ihr Häuschen. Erst als es zu spät ist, merken sie, dass sie betrogen worden sind.

Im Jahr 2 nach der Lehman-Pleite ist die globale Finanzkrise zum literarischen Sujet geworden. Nach wirtschaftswissenschaftlichen und historischen Analysen, nach Deutungsversuchen und Insiderberichten kommen jetzt die ersten Romane (und Fernsehfilme) auf den Markt, die durch die Krise inspiriert worden sind.

Dieter Glanz, Eck und Philipp Kuster sind die Protagonisten von drei sehr unterschiedlichen neuen Büchern, die ein gemeinsames Leitmotiv haben: die Gier. Die treibt sie alle an, Berater, Kundenfänger, Bankdirektoren, Großinvestoren, Geldwäscher und biedere Familienväter. In allen drei Büchern zieht sich die Sucht nach immer mehr Gewinn wie ein roter Faden durch die Handlung: "Glanz hatte nach seinen ersten Geschäften begriffen, dass der Wunsch nach dem ewigen Mehr, die Gier nach dem permanenten Bonus, nach dem sich selbst kreierenden Zins und Zinseszins die eigentliche Triebkraft des Kapitals darstellt", schreibt Dieter Wedel in "Gier". Denkt man an den Finanz- und Börsenmakler Bernard Madoff, seinen Guru-Status und seinen tiefen Fall, zeigt sich, dass bei dieser Jahrhundertkrise die Fiktion nicht weit von der Realität liegt.

Wedels "Gier" - der gleichnamige Zweiteiler läuft heute Abend auf Arte und Montag und Dienstag in der ARD - lässt zwar literarisch zu wünschen übrig und spart nicht an Klischees über die Welt der Superreichen, erzählt aber in klaren Szenen die Geschichte des "Kapitaljongleurs" und Hochstaplers Dieter Glanz. Er wird von seinen Anlegern, die er mit Poolpartys in Mallorca bei Laune hält, wie ein Hohepriester angebetet.

Glanz setzt auf sein Charisma und blufft erfolgreich, bis sein System zusammenbricht - ein Happy End gibt es nicht in diesem klassischen "Buch zum Film", das über viele Seiten zweidimensional bleibt. Unrechtsbewusstsein kennt Glanz nicht, auch kein Mitleid. Einer seiner typischen Sätze lautet: "Wer den Zweck will, muss die Mittel akzeptieren." Inspiriert wurde Autor Wedel durch den Hamburger Millionen-Betrüger Jürgen Harksen, mit dem er lange geredet hat. Außerdem sei er selbst Opfer eines Finanzbetrügers geworden, schreibt er im Nachwort.

Ein viel detaillierteres Porträt einer hysterischen Gesellschaft kurz vor der Explosion der Weltwirtschaftskrise zeichnet Paul Torday in seinem brillanten Roman "Charlie Summers". Die Krise tritt ganz beiläufig ins Geschehen, trifft dann aber umso heftiger auf Eck, seinen Chef und Freund, den Hedge-Fonds-Verwalter Bilbo, und seine Zufallsbekanntschaft Charlie Summers. Mit genialen Verkürzungen, sehr viel britischem Humor und pointierten Charakterschilderungen erzählt Torday eine abstruse Geschichte von drei Menschen, die mehr oder weniger zufällig in den Börsen-Hype geraten und in der am Ende sogar noch Taliban und El Kaida vorkommen. Eck, der eigentliche Titelheld, arbeitet als "Türöffner" für Bilbo, lockt reiche Freunde zu Investments. Die sehen ihr Geld nie wieder. Doch Eck ist immer selbstreflektiert und wirkt sympathisch. Er bekommt Gewissensbisse, auch durch die ungewollte Freundschaft zu Charlie Summers, einem Loser, der versucht, japanisches Hundefutter und holländischen Wein in der englischen Countryside zu vertreiben.

Fehlt Philipp Kuster, der dritte Menschenfänger. Auch mit ihm nimmt es kein gutes Ende, doch bis dahin wird der Leser absolut köstlich unterhalten. René Zeyer, dessen erstes Buch "Bank, Banker, Bankrott" ein Bestseller wurde, schildert in kurzen, geschickt verwobenen Kapiteln die Krise à la Schweiz. Es gibt Sieger und Verlierer, die golfspielenden Bankdirektoren aus der Bahnhofstraße, die Äbersold und Hugentobler heißen und auch diese Krise glänzend überstehen, und die Anlageberater, deren Lebenstraum vom Riesenbonus zerplatzt. Oft bleibt einem das Lachen beim Lesen im Hals stecken, denn Zeyers Botschaft ist eindeutig: Es hat sich nichts geändert, das Kasino ist wieder geöffnet.

"Wir brauchen frisches Geld", sagt Glanz am Anfang zu seinen Mitarbeitern. In allen drei Büchern steht am Ende eine Frage: "Wo ist das Geld?"

Dieter Wedel, Jörg Mehrwald: Gier
Heyne, München 2010, 320 Seiten, 8,95 Euro René Zeyer: Zaster und Desaster
Orell Füssli, Zürich 2010, 192 Seiten, 19,90 Euro Paul Torday: Charlie Summers
Aus dem Englischen von Thomas Stegers Berlin Verlag, Berlin 2010, 272 Seiten, 22 Euro

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