Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

02.01.2011

09:00 Uhr

Künstlerdesign

Kaffeepause im Kunstwerk

VonDaghild Bartels

Nur anschauen war gestern. Heute entwerfen Künstler Tische, Stühle, Regale und die Ruhe- und Konferenzzonen vieler Firmen. Sie entweihen so den hehren, alten Kunstbegriff - und erweitern ihn dadurch. Die Kunst wird gebrauchstüchtig.

Tobias Rehberger: Die Cafeteria der Biennale von Venedig ist eine "Raumskulptur", die verwirren soll. Heimo Aga /  Heimo Aga /eyevine / Picture Press

Tobias Rehberger: Die Cafeteria der Biennale von Venedig ist eine "Raumskulptur", die verwirren soll.

BERLIN. Er baut Tische, Hocker, Liegen, Lampen und Straßenmöbel, sogar Häuser und begehbare Installationen, die man bewohnen kann: der Künstler Tobias Rehberger, der Champion der Fusion von Kunst, Architektur und Design. Das ist ein Trend, der sich 2011 weiterentwickeln wird.

Auf der Biennale von Venedig im Jahr 2009 gestaltete er die Cafeteria zu einem wilden Op-Art-Labyrinth. Er gab dem spektakulär bunten, furios mit dynamischen Diagonalen spielenden Zwitter aus Kunst und Design den Titel "Was du liebst, bringt dich auch zum Weinen" und erhielt, zur großen Überraschung aller, den "Goldenen Löwen" für das beste Kunstwerk. Rehberger selbst hatte seine Cafeteria immer als Kunstwerk bezeichnet, als Raumskulptur, die man eben auch benutzen kann - und die Jury war ihm darin gefolgt.

"Kunst ist nur etwas zum Angucken"

In der Tat, alle Kreationen Rehbergers spielen mit dem Alltäglichen und sind benutzbar. Letztendlich kreisen sie ironisch und tüchtig konzeptuell unterfüttert um die Uraltfrage "Was ist Kunst?". Rehberger will zeigen, "dass Kunst nicht nur etwas zum Angucken ist. Man muss drin sein, man soll tolle Erfahrungen mit ihr machen."

Hinter Rehbergers janusköpfigen, zwischen Kunst und Design oszillierenden Objekten und Installationen steht auch der Wunsch, gegen traditionelle Klassifizierungen und Schablonen zu opponieren. "Ich benutze dazu im Grunde die Camouflage-Technik der Engländer aus dem Ersten Weltkrieg", gesteht er. "Übersetzt auf meine Arbeit heißt das, man weiß nicht, was und wo etwas ist. Das kann getrost Verunsicherung hervorrufen, die ist ohnehin der beste Kick in der Kunst." Diesen Wunsch teilen zunehmend andere Künstlerkollegen und jonglieren virtuos in einer Zwischenzone zwischen den bildenden und den angewandten Künsten.

Donald Judd spielte den Vorreiter

Vorreiter dieser Bewegung war in den 80er-Jahren Donald Judd, der seine minimalistischen, wie Metallkisten wirkenden Skulpturen zu einem realen Wohnambiente in Marfa, Texas, erweiterte. Eine andere Grenzgängerin zwischen Kunst, Design und Architektur ist die Amerikanerin Andrea Zittel. Sie entwirft Gebrauchsgegenstände und tatsächlich bewohnbare Wohncontainer. Die sind hochästhetisch und sehr puristisch. Ihre New Yorker Wohnung hat Zittel komplett mit eigenen Installationen eingerichtet.

Flirt mit der Idee des Gesamtkunstwerks

Auch außerhalb der heiligen Hallen von Museen und Galerien zeigen die Grenzgänger ihr gattungsüberschreitendes Können. Jorge Pardo, dessen Kunst immer ein bewusstes Crossover verschiedener Disziplinen ist, gestaltete die Cafeteria im Ständehaus der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorfer besser, als es ein Einrichter gekonnt hätte. Liam Gillick zeichnet für die künstlerische Gestaltung des neuen Restaurants im New Yorker Guggenheim Museum. Rirkrit Tiravanija baute für Venedigs Biennale einen skulpturalen Buchladen. Gerwald Rockenschaub stellte seine Kunst in den Dienst der Lärmbekämpfung und entwarf für die Kantine der Swiss Re in Zürich eine schallschluckende Wand. Die Galerie Sprüth Magers engagierte für die Gestaltung ihres Video-Shops "Image Movement" in Berlin keinen Architekten oder Designer, sondern die beiden Künstlerinnen Rosemarie Trockel und Thea Djordjadze. Ein zyklisch wiederkehrender Flirt mit der Idee des Gesamtkunstwerks.

Sie fehlen in keiner noblen Galerie, Kunstmesse oder keinem gehobenen Sammlerhaushalt: die Stühle, Bänke, Betten und Tische, die Franz West neben seinen Skulpturen kreiert. Mit den Franz-West-Möbeln erwirbt der Käufer Kunst, die über den ästhetischen Nutzen auch einen praktischen hat. Dass die teuren Schränke und Sessel von Richard Artschwager, die sich als Skulpturen gerieren, tatsächlich im Alltag bestehen, ist schwer vorstellbar, doch Galeristin Philomene Magers bestätigt die profane Nutzung dieser Kunstwerke.

Auch die virtuosen, hochästhetischen Lichtobjekte von Olafur Eliasson leisten in Sammlerwohnungen sozusagen eine Doppelfunktion, als veritable, wunderbare Kunstwerke und als nützliche Beleuchtungskörper. Einst schuf er sogar Lichtobjekte als Blickfang und Werbung für die Schaufenster der Luxusfirma Louis Vuitton.

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Leo

13.01.2011, 17:36 Uhr

Der Nachwuchskünstler TObiAS REHbERGER beschäftigte sich mit den Fragen: Welchen Einfluss hat die Oberfläche eines Kunstwerks auf den Menschen und ob die Kunst von der Mode beeinflusst wird. Er stellte die Antworten in seinen Werken dar, wie zum beispiel
"Fragments of their pleasant spaces", wo er 5 Personen fragte, wie ein Raum aussehen sollte, um eine Situation zu bieten, in der sie komplett abschalten können.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf "Zum Home-Bildschirm"

Auf tippen, dann "Zum Startbildschirm hinzu".

×