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08.01.2010

09:18 Uhr

Künstlerkeramik

Wo Experimente den Ton bestimmen

VonMatthias Thibaut

Italienische Kunst aus Ton begeisterte bislang nur wenige. Worin ihr ästhetisches und kunsthistorisches Potenzial liegt wurde übersehen. Dass aber gerade die Künstlerkeramik die Moderne mitentwickelt hat und an die Kunst der Renaissance anschließt, haben die Bremer Sammler Bernd und Eva Hockemeyer entdeckt. Tochter Lisa hat dazu jetzt ein Grundlangenwerk vorgelegt.

Lucio Fontanas Beitrag zur Kunstgeschichte war der Schlitz. Sei es in der Leinwand, sei es wie hier 1959 in einer Keramikplatte. So öffnete er Zweidimensionales in den Raum (Ausschnitt). Hirmer Verag

Lucio Fontanas Beitrag zur Kunstgeschichte war der Schlitz. Sei es in der Leinwand, sei es wie hier 1959 in einer Keramikplatte. So öffnete er Zweidimensionales in den Raum (Ausschnitt).

LONDON. Künstlerkeramik ist eine missverstandene Sammelgattung, die leicht im Niemandsland zwischen Kunst und Kunsthandwerk verschwindet - so geschehen mit Picassos umfangreichem Keramikwerk. Auch ihre vielleicht wichtigste Variante, die italienische Keramik des 20. Jahrhunderts, die Künstler wie Lucio Fontana (1899-1968) zu ihren Meistern zählt, ist "Terra Incognita" geblieben - so der Titel, unter dem die Bremer Sammlung Bernd und Eva Hockemeyer nach 25 Sammeljahren zum ersten Mal in London der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Die Sammlung setzt die Keramik mit ihrer materiellen Kraft aus Farbe und Formen als zentrales Element des modernen italienischen Kunstschaffens in ihr Recht. Und überrascht.

Lucio Fontanas Keramik erreichte in den Auktionen erst in den letzten Jahren Spitzenpreise. Aber mit einem Höchstpreis von knapp über 2 Mio. Dollar bleibt sie weit hinter den Preisen für seine geschlitzten Leinwände. Die teuersten Leinwände hatten 2008 in der Boomphase schon mal 15 und 20 Mio. Dollar gekostet. "Jahrelang wussten die Sammler nichts mit diesen Arbeiten anzufangen", so Lisa Hockemeyer, Tochter der Sammler, Mitsammlerin, Beraterin und nun akademische Missionarin für das Gebiet.

Bis heute wissen Auktionshäuser nicht recht, welchen Wert Künstlerkeramik hat - ein Grund, warum vieles so lange günstig zu haben war. Arbeiten des römischen Keramikers Giuseppe Civitelli (1907-1990) waren vergessen, als sich Sammler wie Hockemeyer ihrer annahmen. Manche seiner Stücke haben laut der ansonsten, was Preise angeht, verschwiegenen Lisa Hockemeyer, einen Versicherungswert von nur 500 Euro.

"Nehmen sie Leoncillo Leonardi. Er ist Italiens wichtigster informeller Bildhauer, aber den wenigsten ist klar, dass er sein ganzes Leben lang nur in Ton arbeitete." Sein "San Sebastiano bianco" ist ein 1962 entstandener, über ein Meter großer Torso, mit unregelmäßiger Glasur, expressiv modelliert mit Rissen und Löchern. Eine roh belassene Tonspalte reißt die Skulptur wie eine Wunde auf, könnte aber die Martersäule des Heiligen sein. So hätte der Renaissancekeramiker Lucca della Robbia vielleicht gearbeitet, wenn er im 20. Jahrhundert gelebt hätte.

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