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22.12.2015

10:17 Uhr

Kulturgutschutz

Wieder Aufbauen, was vernichtet wurde

VonJohannes Wendland

Der Krieg in Syrien ist noch längst nicht beendet. Da entwickeln Studenten und Fachleute schon Ideen für den Wiederaufbau zerstörter Kulturdenkmäler. Voraussetzung ist eine systematische Analyse dessen, was für die Identität der Bewohner wichtig ist

Die Archäologin Noura Alsaleh glaubt an einen zumindest teilweisen Wiederaufbaus ihrer Stadt Aleppo. Quelle: REUTERS/Ammar Abdullah Reuters

Nächtlicher Dezemberhimmel über einer zerstörten Stadt

Die Archäologin Noura Alsaleh glaubt an einen zumindest teilweisen Wiederaufbaus ihrer Stadt Aleppo. Quelle: REUTERS/Ammar Abdullah

HamburgTag für Tag fordert der Krieg in Syrien neue Tote, geht die Zerstörung der Städte und Kulturstätten weiter. Wer möchte da schon vom Wiederaufbau sprechen? Noura Alsaleh tut es. Die Architekturstudentin, die aus Aleppo stammt und seit vier Jahren in Deutschland lebt, macht sich Gedanken über die „Stunde null“, jenen ersehnten Augenblick, an dem die Waffen endlich schweigen.

An der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus hat Alsaleh gerade eine Masterarbeit zum Wiederaufbau der weitgehend zerstörten Altstadt von Aleppo vorgelegt. Dort hat sie den Studiengang World Heritage Studies belegt, der sich seit 1999 mit Fragen der Denkmalpflege an Welterbestätten befasst. Die Studentin hat für ihre Abschlussarbeit Erfahrungen aus anderen Städten ausgewertet, in denen nach einem Krieg zerstörte Kulturdenkmale wieder aufgebaut wurden, von der Dresdner Altstadt über die Rekonstruktion der romanischen Kirchen in Köln und der Alten Brücke in Mostar bis zum Wiederaufbau der vom libanesischen Bürgerkrieg gezeichneten Metropole Beirut.

Identität stiftende Bauwerke

„Es geht nicht ohne die Menschen, die früher in der Stadt gelebt haben.“ So lautet der Schluss, den Noura Alsaleh aus ihren Untersuchungen gezogen hat. „Wir müssen analysieren, was die zerstörten Gebäude für die Menschen bedeutet haben, welchen Wert die Straßen und Alleen für sie hatten“, fordert die Tochter eines Architekten-Ehepaars. Es dürfe nicht primär um den ökonomischen oder touristischen Wert gehen, sondern vor allem um den Wert, den die Gebäude für die Identität der Bewohner hätten.

Die Altstadt von Aleppo zählt zum Weltkulturerbe der Unesco. Das hat sie ebenso wenig vor der Zerstörung gerettet wie viele andere historisch und kulturell wertvolle Stätten, die schwer beschädigt oder völlig ausradiert wurden. Die bösartige Vernichtung der archäologischen Stätten in Nimrud und Palmyra durch den so genannten „Islamischen Staat“ hat im vergangenen Jahr weit über die Fachwelt hinaus Bestürzung ausgelöst. Die syrischen Städte wie Aleppo und Homs werden durch Beschießungen und Bombardierungen vor allem seitens des regierenden Assad-Regimes schwer getroffen.

Einnahmen aus Raubkunst

Aber die Zerstörungen, die der IS am kulturellen Erbe der Region durchführt, sind präzise geplante Aktionen fernab akuter Kriegshandlungen – Vernichtungsschläge gegen eine vermeintlich „unislamische“ Kultur, die von einer dröhnenden Propaganda begleitet werden. In Videobotschaften begründeten Sprecher des IS etwa die Zerstörung der Tempelanlagen von Nimrud damit, dass die Stätten mit dem Islam nicht vereinbar seien. Gleichzeitig lässt der IS die Grabungsstätten durch Raubgräber regelrecht ausplündern und verdient an deren Einnahmen kräftig mit – Einnahmen, die auch aus Europa und Nordamerika fließen.

Wie der IS seinen Vernichtungsfeldzug gegen das kulturelle Gedächtnis des Nahen Ostens propagandistisch ausschlachtet, erläutert Friederike Fless, Präsidentin des in Berlin ansässigen Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) in Berlin: „Der IS hat die Zerstörung von Nimrud bereits im März 2015 angekündigt, die Zerstörungen wurden aber erst ab Mitte April durchgeführt. Da sollten erst einmal die internationalen Reaktionen in Presse und Politik abgewartet werden.“

Auswertung via Satellit

In der Oasenstadt Palmyra, die im Mai mitsamt ihrem reichen archäologischen Erbe aus zwei Jahrtausenden in die Hände des IS gefallen ist, gehen seither die Zerstörungen unvermindert weiter. Wie Auswertungen von Satellitenbildern zeigen, hat der IS unter anderem den berühmten Baaltempel aus dem ersten Jahrhundert nach Christus und das zuvor gut erhaltene Hadrianstor an der römischen Prachtstraße der Stadt gesprengt. Seit einiger Zeit gäbe es jedoch keine neuen Propagandavideos über die Kulturzerstörung, erklärt Friederike Fless. Das ließe darauf schließen, dass der IS derzeit stark unter Druck stehe.

Über den Zustand der archäologischen Stätten im Kriegsgebiet seien die Archäologen gut informiert, erklärt die Präsidentin des Instituts, das zum Geschäftsbereich des Auswärtigen Amts gehört. Einerseits würden ständig aktuelle Satellitenaufnahmen ausgewertet. Andererseits sei die Fachwelt gut vernetzt und habe bis heute Kontakte ins Kriegsgebiet und sogar in die vom IS besetzten Regionen. Die Archäologen, die noch nicht aus den vom IS besetzten Regionen geflohen sind, befinden sich in großer Gefahr, wie die Ermordung des Archäologen Khaled Asaad im August gezeigt hat. Asaad hatte 40 Jahre lang die Erforschung der Ausgrabungsstätten in Palmyra geleitet und war vom IS entführt, gefoltert und schließlich geköpft worden.

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