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17.07.2015

20:02 Uhr

Kunst aus der Südsee

Was Bismarck Schmitt auf Samoa trieb

VonBarbara Bierach

Vor etwas über 100 Jahren trennte sich Deutschland von der Kolonie Samoa. Doch einmal vermischte Kulturen lassen sich nicht wieder entwirren. Das zeigt in Sydney die Videoaktion eines neuseeländischen Künstlers mit deutschen und samoanischen Wurzeln.

Michel Tufferys Video wird begleitet von der Royal Samoa Police Band. Foto: Susannah Wimberley. Quelle: Carriageworks, Sydney

Radetzkymarsch nach Samoa-Art

Michel Tufferys Video wird begleitet von der Royal Samoa Police Band. Foto: Susannah Wimberley. Quelle: Carriageworks, Sydney

SydneyEgal ob männlich oder weiblich: Die Polizei in Samoa trägt von der Hüfte aufwärts Hemden und Polizeimützen nach westlichem Muster und von der Taille abwärts die typischen Röcke der Südseebewohner. Derart oben herum europäisch und unten herum samoanisch ausstaffiert, marschiert das Polizeicorps täglich musizierend zu Dienstbeginn um 8.45 Uhr durch Apia, die Hauptstadt Samoas.

Es geht vom Polizeipräsidium zum Regierungssitz, dort wird die heimische Flagge gehisst. Dazu erklingen neben der Landeshymne deutsche Märsche. Auch für die Musik gilt: Oben herum europäisch – aber mit starken Südsee-Untertönen, denn selbst die zackigen Blechinstrumente klingen in der bisweilen zärtlich-sanft verschliffenen pazifischen Version des Viervierteltakts plötzlich nur noch halb so militärisch.

Angesagt in Sydney

Michel Tuffery, einer der bekanntesten neuseeländischen Künstler mit samoanischem und deutschem Blut, hat mit der Royal Samoa Police Band nun die Videoaktion „Siamani Samoa“ für die Ausstellungsräume in den Carriageworks geschaffen. Es ist der derzeit angesagteste und experimentierfreudigste Ausstellungsort für zeitgenössische Kunst in Sydney.

Gezeigt wird das lebende Bild aus 17 Polizisten in Australiens Metropole. Sydney war seinerzeit der Verkehrsknotenpunkt, über den deutschen Kolonialisten von und nach Samoa reisten. Bis 1914 war die Insel deutsche Kolonie und der teutonische Einfluss wirkt bis heute fort; nicht nur in der Marschmusik der Polizei, sondern auch in den fast manisch gerade gepflanzten Palmenplantagen, der Architektur - und in so manchem kleinen Jungen, der heute noch Otto oder Fritz genannt wird.

Michel Tufferys synästhetische Videoaktion „Siamani Samoa“. Foto: Susannah Wimberley. Quelle: Courtesy Carriageworks, Sydney

Deutsche Wurzeln in der Südsee

Michel Tufferys synästhetische Videoaktion „Siamani Samoa“. Foto: Susannah Wimberley. Quelle: Courtesy Carriageworks, Sydney

Urgroßvaters Erbe

Tufferys Urgroßvater hieß Bismarck Schmitt. Der Künstler zielt mit seiner Arbeit zu Kolonialisierung und Kulturtransfer darauf, das „Familienalbum ganz unten im Regal herauszuziehen, das sonst nie jemand zu Gesicht kriegt“. Die Familienfotos der samoanischen Geschichte hat Tuffery zu einer Videoinstallation verarbeitet, die den Auftritt der musizierenden Polizeibeamten begleitet.

Kriegschiffe, Geldscheine der Jahrhundertwende, Gebäude mit deutschen Gaubendächern und Ladengeschäfte mit Schildern wie „Krause“ oder „Preuss“ der Kolonialjahre wechseln sich ab mit zeitgenössischen Strandszenen und Eindrücken vom Oktoberfest 1911, als Samoa in München der Ehrengast des Volksfests geladen war.

Kolonialismus geht nie wieder weg

Die Botschaft ist klar: Kolonialismus geht nie wieder weg. Einmal vermischte Kulturen lassen sich nicht wieder entwirren. Und im besten Fall kommt etwas Neues, Gutes dabei heraus. Zum Beispiel ein Radetzkymarsch, der in einer pazifischen Version plötzlich wieder hörenswert klingt oder Berliner Krapfen, die in Samoa heute noch gebacken werden. Allerdings nicht mit Marmelade gefüllt, sondern mit karamellisierten Kokosnussfasern.

„Siamani Samoa. Michel Tuffery & The Royal Samoa Police Band“, Carriageworks, Sydney, bis 18. Juli 2015, täglich um 19 Uhr, am 18. Juli auch um 14 Uhr.

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