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14.02.2012

10:58 Uhr

Kunstfälschungen

Das Auge des Kunsthistorikers

VonChristiane Fricke

Wer hat das letzte Wort? Der Kunsthistoriker oder der Kunsttechnologe? Beide müssen zusammenarbeiten. Das ist die Lehre aus der Geschichte der Aufklärung des Kölner Kunstfälscherskandals.

René Allonge, Kriminalhauptkommissar am Landeskriminalamt Berlin (LKA). Daniel Pasche, Bundesverband b.v.s.

René Allonge, Kriminalhauptkommissar am Landeskriminalamt Berlin (LKA).

BerlinDer Kölner Kunstfälscherskandal hat die Gewissheiten einer Branche ins Wanken gebracht. Dazu gehört auch die tief wurzelnde, aus hergebrachten Konventionen eines Faches erklärbare Überzeugung, das Auge des Kunsthistorikers sei die letzte Instanz bei Authentizitätsprüfungen. Spätestens nach den Erkenntnissen, die sich aus den kriminaltechnischen Untersuchungen des Landeskriminalamts (LKA) Berlin ableiten, bedarf dieses Denken jedoch – zumindest in seinem Ausschließlichkeitsanspruch – einer Revision.

Anlässlich des jüngsten Kunstsachverständigentags lenkte Kriminalhauptkommissar René Allonge den Blick unter anderem auf die zerstörungsfreien Untersuchungsmethoden. Auf die klassische Röntgenbestrahlung, die Beleuchtung mit ultraviolettem Licht und die Infrarotreflektographie griff der Ermittler unter anderem zurück. Die Röntgenuntersuchung kommt zum Einsatz, um festzustellen, ob sich unter der Maloberfläche ein anderes Bild befindet. Neuzeitliche Retuschen können mit Hilfe ultravioletter Bestrahlung ans Licht gebracht werden, weil die Farbpigmente fluoreszieren. Die Infrarotreflektographie schließlich zielt auf Struktur, nicht auf Farbe. „Es reflektieren Sachen, die Metall enthalten“, erläuterte Allonge; „zum Beispiel eine Bleistift-Unterzeichnung.“

Viel Sorgfalt in die Vorzeichnung investiert

Im Fall der 1908 datierten Pechstein-Fälschung „Seine Brücke mit Frachtkähnen“, die sich Angaben von Allonge zufolge im Gewahrsam des LKA befindet, brachte die Infrarotreflektographie eine Bleistift-Vorzeichnung ans Licht. Allein dies war sicher keine aufsehenerregende Entdeckung. Was jedoch stutzig machte, war die Sorgfalt, die hier in die Vorzeichnung einer schlichten Straßenlaterne investiert worden war. „Pechstein brauchte keine Vorzeichnung, um eine Lampe zu malen“, erklärte hierzu Allonge.

An dieser Stelle konnte der Kriminalist auf die stilkritische Erfahrung und damit doch wieder auf das Auge des Kunsthistorikers bauen. Die Bleistiftunterzeichnung sei zu detailliert, um sie Pechstein zuzuschreiben, erläuterte die vom LKA herangezogene Sachverständige Aya Soika, Autorin des jüngst erschienenen Werkverzeichnisses zu Max Pechstein. Man habe sie sogar mit bloßem Auge sehen können.

Kommentare (1)

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11.04.2012, 20:51 Uhr

Die Aussage trifft voll und ganz zu: Sowohl Kunsthistoriker als auch Kunsttechnologen müssen zusammenarbeiten, müssen ihre Sicht der Dinge bei der Untersuchung eines Kunstwerkes vorbringen und die Ergebnisse zusammenlegen. Die Kunsttechnologen haben dabei die objektivere Rolle, obwohl auch sie getäuscht werden können, egal wie modern ihre Untersuchungsmethoden sind. Fälscher verwenden authentische Farben, Leinwände, Klebestoffe etc. Dann hat der Kunsthistoriker das Wort und hier möchte ich widersprechen, denn an der Rolle des Kunsthistorikers haftet immer ein Stück Subjektivität. Um bei dem Beispiel zu bleiben: Warum sollte Pechstein nicht ausnahmsweise diese eine Straßenlaterne sehr genau vorgezeichnet haben. Hier einen Hinweis auf eine Fälschung zu sehen, ist Interpretationssache. Der Kunsthistoriker kann sich aber noch anders einbringen. Das Stichwort ist der Herkunftsnachweis für ein Kunstwerk. Dies gilt vor allem für sogenannte noch unbekannte Werke eines Künstlers. Der Herkunftsnachweis kann hier zusätzliche Sicherheit geben. Wurde das Kunstwerk schon vorher einmal erwähnt? Gab es Ausstellungen, Fotografien etc. Die im Artikel beschriebene Vorgehensweise ist aber in jedem Fall ein sehr guter Ansatz, doch ich sage nichts Neues, wenn ich behaupte, dass es immer unerkannte Fälschungen geben wird.
Hochachtungsvoll
Ole R. Börgdahl

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