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30.09.2011

00:00 Uhr

Kunstfälschungen

Fälscher geht kühl kalkuliert vor

VonChristiane Fricke, Susanne Schreiber

Überraschend legten drei Angeklagte in der Sache „Sammlung Jägers“ ein Geständnis ab. Das kürzt das Gerichtsverfahren erheblich ab. Doch viele Fragen nach den Sicherheitslücken im Kunstmarkt bleiben unbeantwortet.

Der Angeklagte Wolfgang Beltracchi sitzt im Gerichtssaal des Kölner Landgerichts. dpa

Der Angeklagte Wolfgang Beltracchi sitzt im Gerichtssaal des Kölner Landgerichts.

Düsseldorf/KölnMit seinem Geständnis am dritten von 40 anberaumten Prozesstagen überrascht er alle: die Juristen am Kölner Landgericht, die Zeugen und Sachverständigen (178 sollten noch aussagen) und die Kunstmarkt-Beobachter. Wolfgang Beltracchi, der Hauptangeklagte in Deutschlands spektakulärstem Kunstfälscherprozess der Nachkriegszeit, legt ein umfassendes Geständnis ab. In 75 Minuten skizziert der 60-jährige Angeklagte nicht ohne Stolz und Selbstbewusstsein seine Karriere als Kopist, Fälscher und Lebemann. „Alles entspricht der Wahrheit, jedes Wort. Ich habe alle Bilder alleine gemalt.“ Beltracchi assistiert schon als Zwölfjähriger seinem Vater, einem Kirchenmaler. Mit 14 lässt dieser ihn ein Picasso-Pastell nach einer Postkarte abmalen - und ist schockiert. Der Junior hat dafür nur wenige Stunden gebraucht. Das Publikum im vollbesetzten Gerichtssaal hört mit ungläubigem Staunen zu.

Am meisten wundert es sich über die akribischen, fast wissenschaftlichen Vorbereitungen, die Beltracchi seinen Fälschungsvorhaben jeweils voranschickte. Er fälschte stets verschollene oder nicht fotografisch dokumentierte Bilder. Der eigentliche Malakt dauerte dann manchmal nur wenige Stunden. Am Beispiel von André Derains Collioure-Motiv schildert der Angeklagte, mit welcher Leidenschaft und welchem Kalkül er seine Vorbereitungen traf. Dazu gehörten auch eine Reise an den Originalschauplatz und die Inspektion einschlägiger Museen auf der Suche nach Originalen aus demselben Zeitraum. Im Derain-Museum in Saint Tropez hingen jedoch zu seinem Leidwesen nur Gemälde aus den Perioden davor und danach. Erst in einem Schweizer Museum sei er fündig geworden. Ein schönes Bild entdeckte er dort "leider von mir"! An dieser Stelle wird im Saal laut gelacht. Im Centre Pompidou in Paris schließlich hing für seine Studien das richtige Bild von Derain.

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Um eine ganze Branche zu täuschen, die sich für eine Prüfung nicht genug Zeit nimmt, macht Beltracchi den verblüfften Zuhörern klar, bedürfe es nicht nur handwerklicher Fähigkeiten des Kopisten. Sondern auch restauratorischer, naturwissenschaftlicher und kunsthistorischer Kenntnisse. Außerdem müsse man wissen, wie der Kunstmarkt funktioniert. „Wo ist die Gier am größten?“ habe er sich gefragt.
Gelingt die kürzlich eingeführte Regelung der „Verständigung“ zwischen Gericht und Angeklagten und führt diese zur Aufklärung des angeklagten Sachverhalts, fallen die Strafen milder aus und das Verfahren verkürzt sich.
„Wo ist die Gier am größten?“

Dann drohen höchstens sechs Jahre Freiheitsstrafe für Wolfgang Beltracchi, höchstens fünf Jahren für Otto Schulte-Kellinghaus, der den Vertrieb der Falsifikate übernommen hatte, höchstens vier Jahren für Helene Beltracchi. Deren Schwester Jeanette S. könnte mit maximal zwei Jahren auf Bewährung davonkommen. Zusätzlich sollen Wolfgang und Helene Beltracchi 954 000 Sfr an die Gerichtskasse Köln zahlen, Jeanette S. 10 000 Euro an eine gemeinnützige Einrichtung.

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