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11.10.2011

10:11 Uhr

Kunsthalle Emden

Stiften und stiften lassen

VonRuth Lemmer

Die Kunsthalle Emden zeigt zu ihrem 25. Geburtstag eigene Werke und gleichzeitig eine Weltoffenheit, wie sie einer Seestadt gut zu Gesichte steht: Denn jedes Kunstwerk des Mäzens, Stern-Gründer und -Chefredakteur Henri Nannen, steht im Dialog mit einem Werk aus nationalen und internationalen Sammlungen.

Ema Barrera Bossi: "Badende" (Ausschnitt; Slg. Henri Nannen)

Ema Barrera Bossi: "Badende" (Ausschnitt; Slg. Henri Nannen)

EmdenMax Beckmann und Wolf Vostell. Die „Kleine italienische Landschaft“ des Emigranten, der sich im Amsterdam des Jahres 1938 mit sanften Farben in den Süden träumte, und die demaskierenden Fotos von der Erschießung eines Vietnamesen, der Skyline Manhattans, Düsenbombern, einer Polaroidkamera, die der Fluxus-Künstler 1968 im Siebdruckverfahren zur Collage „So leben wir Abend für Abend vor dem Fernsehschirm“ verschmilzt. Zwei Lebensgefühle im Abstand von 30 Jahren. Gesammelt von zwei Männern, die ganz ihrem Gefühl und Gespür folgten: dem Journalisten Henri Nannen und dem Münchener Galeristen Otto van de Loo. Nun hängen die Werke verstörend eng nebeneinander in der Geburtstagsschau der Kunsthalle Emden: „25 Jahre! Sammlung Henri Nannen und Überraschungsgäste“.

Freigiebige Freundschaft

Vostell ist ein Überraschungsgast aus dem eigenen Hause, denn seine Wahrnehmung der Wirklichkeit gehört seit 1997 nach Emden. Damals schenkte van de Loo der Kunsthalle 200 Werke, die Kunsthallen-Stiftung nannte sich um in „Stiftung Henri und Eske Nannen und Schenkung Otto van de Loo“. Henri Nannen, der Stern- Chefredakteur und -Herausgeber, privater Sammler und Gründer der Kunsthalle Emden, hatte gelesen, dass sich Otto van de Loo von den Berlinern nicht gut behandelt fühlte, obwohl er seine Sammlung in die Hauptstadt geben wollte. Prompt schrieb er dem renommierten Galeristen dies wäre ihm in Emden niemals so ergangen – und schuf damit den Beginn einer freigiebigen Freundschaft unter Kunstmäzenen.

Erfolgreiche Werbung

Mit dieser nordisch-klaren und sehr persönlichen Ansprache haben Henri Nannen und seine Frau Eske die Idee umgesetzt, ihrer gemeinsamen Heimatstadt ein Museum samt Malschule zu stiften. Mit sechs Millionen Mark Vermögen und Kunstwerken im Wert von 6,2 Millionen gingen der emotional-energiegeladene Sammler und die klug-herzliche Kauffrau an den Start.

Bis heute überzeugte das Paar – und nach dem Tod von Henri Nannen 1996 die Kunsthallen-Geschäftsführerin Eske Nannen allein – Stadt, Land, Bund, die Europäische Union und viele Privatleute, die Kunsthalle zu unterstützen – mit bisher insgesamt 22 Millionen Euro. Diese Sammelleidenschaft für Geld- und Sachwerte – darunter Waschbecken und IKEA-Regale, Schürzen für die Malkinder und Oberhemden für die Mitarbeiter – brachte beim Festakt in der Emder Nordseehalle am vergangenen Samstag Bundespräsident Christian Wulf zu der Festestellung, er könne sich kaum vorstellen, dass „jemand im Raum sei, der der nachdrücklich vorgetragenen Bitte von Frau Nannen habe widerstehen können“.

Emil Nolde: Tänzerin im roten Kleid (Ausschnitt); Nolde-Stiftung Seebüll

Emil Nolde: Tänzerin im roten Kleid (Ausschnitt); Nolde-Stiftung Seebüll

In 25 Jahren ist die Kunsthalle in vier Bauabschnitten auf 1700 Quadratmeter gewachsen. Die Hannoveraner Architekten Axel Venneberg und Ulrich Zech haben mit einem Augenzwinkern errechnet, dass der Museumskomplex mit der „Nannenschen Ausbreitungskonstante“ 2061 das Delft am Rathaus erreicht haben wird.

Emden profitiert

Doch die private Kunstsammlung nimmt nicht nur, sie stiftet, so ein Wirtschaftsgutachten, mit seinen Besuchern und Arbeitsplätzen einen Nutzen von sieben Millionen Euro jährlich für Emden. Immerhin kommen in die Kunsthalle pro Jahr mehr Besucher als die Seestadt Einwohner hat. Den knapp über 50 000 Emdenern standen 2004/05 bei der bisher erfolgreichsten Ausstellung „Edvard Munch. Bilder aus Norwegen“ 121 233 Besucher in  vier Monaten gegenüber. Der zweimillionste Kunsthallen-Besucher wurde im April dieses Jahres begrüßt.       

Korrespondieren und konfrontieren

Und nun wird bis zum 29. Januar 2012 mit Bürgern und Spendern, Kunstkennern und -Guckern Jubiläum gefeiert: mit einerseits 83 Werken, die für 83 Lebensjahre des Gründers stehen und das Profil von Sammler und Kunsthalle zeigen, und mit 83 Überraschungsgästen, die Kuratorin Katharina Henkel im In- und Ausland zusammengetragen hat. Einige Werkpaare korrespondieren, manche konfrontieren, viele verblüffen – immer aber spielen sie mit den etablierten kunstgeschichtlichen Einordnungen. So hängen Emil Noldes „Roter und violetter Mohn“ von 1930, ein harmonisches Aquarell auf Japanpapier, und Rupprecht Geigers „Pinc moduliert“, ein knalliges Acrylwerk auf Holz, in dem rot und pink um Harmonie ringen, nebeneinander. Wie unterschiedlich Badende 1911 und 2011 von Künstlern dargestellt werden, dokumentieren Erna Barrera-Bossi in expressionistisch-satten Ölfarben und der Peruaner Patrick Tschudi, der mit seinem C-Print  „Resting point (view III)“ aus der Züricher Galerie Axel Schlesinger vertreten ist.

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