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02.06.2012

10:44 Uhr

Gerhard Richter: „Abstraktes Bild“ mit brisantem Untergrund.

Gerhard Richter: „Abstraktes Bild“ mit brisantem Untergrund.

KölnMan merkte schon Minuten vorher, dass gleich etwas „passiert": leichte Bewegungen im Saal, unterschwellig wachsende Anspannung, immer mehr Leute haben auf einmal ein Telefon am Ohr. So steuerte letzte Woche die Lempertz-Auktion zeitgenössischer Kunst auf ihr Highlight zu: Ein kleines Gemälde von dem deutschen Kunstmarkt-Superstar Gerhard Richter, der kaum zwei Wochen zuvor auf dem New Yorker Auktionsmarkt einmal mehr mit zweistelligen Millionennotierungen Schlagzeilen gemacht hatte.

Am Kölner Neumarkt ging es indessen „nur", wenn auch nicht weniger kämpferisch, um ein kleinformatiges Werk und um Preisbewegungen im sechsstelligen Bereich. Nachdem eine kleine braune „Vermalung" von 1972 über die dreifache Taxe auf 54.900 Euro geschossen war, stand mit dem „Abstrakten Bild" von 1988 allerdings ein Werk mit ganz besonderer Geschichte an.

Unter der satten weißen Rakel-Übermalung erkennt man in der Ecke unten rechts noch schemenhaft die gegenständlichen Spuren der Erstfassung des Gemäldes, das den aufgebahrten RAF-Terroristen Holger Meins zeigt. Ursprünglich hatte Richter auch dieses Bild für seinen berühmten RAF-Zyklus „18. Oktober 1977" vorgesehen, benannt nach jenem denkwürdigen Datum, an dem die Entführung der Lufthansa-Maschine „Landshut" scheiterte, woraufhin die in Stuttgart-Stammheim einsitzenden RAF-Köpfe Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe Selbstmord begingen und der in Geiselhaft genommene Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer ermordet wurde.

Später hat Richter das in Köln versteigerte Werk wie drei weitere Bilder übermalt und doch nicht in den hierzulande heftig umstrittenen Zyklus aufgenommen. 1995 wanderte diese Bilderfolge ins New Yorker Exil des Museum of Modern Art, kurz MoMA. Das „Abstrakte Bild" mit dem brisanten politischen Hintergrund geht nun nach starker Nachfrage - allein dafür waren zwölf Telefone im Einsatz - zu mehr als der doppelten Taxe bei 390.000 Euro in eine französische Privatsammlung.

Ein stolzer Preis, doch keine Rekordmeldung vom Kölner Auftakt der deutschen Moderne-Auktions-Saison. „In Anbetracht des Angebots" zieht Lempertz-Hausherr Henrik Hanstein dennoch sehr zufrieden Bilanz. „Schließlich hatten", sagt er, in diesem Frühjahr „alle deutschen Auktionen Mühe, gutes Material zu bekommen". Dafür mangelte es, zumindest beim Kölner Saison-Auftakt, an Käufern keineswegs, die wertbezogene Verkaufsquote von 190 Prozent für die Moderne spricht für sich.

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