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14.03.2014

03:32 Uhr

Letzte Late-Night-Show

Harald Schmidt macht Schluss

VonStephan Knieps

Die Harald-Schmidt-Show geht nach fast 20 Jahren zu Ende. Sie dokumentiert die bemerkenswerte Entwicklung des deutschen Humors: Was 1995 noch aufschreckte, wird 2014 kaum noch wahrgenommen.

Harald Schmidt macht Schluss, doch seine gute Laune bleibt. dpa

Harald Schmidt macht Schluss, doch seine gute Laune bleibt.

KölnHarald Schmidt erzählt einen Witz. Er handelt von Bettina Wulff, die in Limburg bestohlen wird und anschließend in der örtlichen Kleintierhandlung eine seltene Frosch-Art erwirbt. Es ist egal, an welchem Abend Schmidt diesen Witz erzählt, denn er tat es in den vergangenen Monaten sehr, sehr regelmäßig: immer den gleichen Witz.

Er ist Teil des Warm-up-Programms der Harald-Schmidt-Show, im Studio 449, Köln-Mülheim. Aber an ihm lässt sich die Person Harald Schmidt so beispielhaft erklären; also nehmen wir einfach den 12. Februar 2014.

Eine Viertelstunde vor Beginn der Aufzeichnung kommt Schmidt, wie immer im Anzug, in sein Studio, scherzt souverän mit dem Publikum: Wie sind Sie an Karten gekommen? Wir sind ja auf Jahre hinweg ausgebucht! Bitte klatschen Sie mit, das ist therapeutisches Klatschen. Immer öfter hören wir nach den Aufzeichnungen: Die Show war scheiße, aber mein Rücken tut nicht mehr weh. Dann kommt der berühmte Frosch-Witz.

Deutsche Late-Night-Talker

Thomas Gottschalk

Er startete als erster Moderator in Deutschland den Versuch, hierzulande eine Late-Night-Show nach amerikanischem Vorbild zu etablieren. Im September 1992, kurz nachdem er die „Wetten, dass..?“-Moderation an Wolfgang Lippert abgegeben hatte, ging er bei RTL mit seiner „Late Night Show“ auf Sendung. Am 27. April 1995 lief die letzte Ausgabe seiner Show, ein knappes Jahr zuvor hatte er bereits wieder für das ZDF „Wetten, dass…?“ moderiert.

 

Stefan Raab

Er darf in dieser Liste auch nicht fehlen: Auch wenn viele „TV Total“ nicht als Late-Night-Show im klassischen Sinne sehen, sprich nach amerikanischem Vorbild, so orientiert sie sich zumindest an diesem Format und ist, seit März 1999 ausgestrahlt, die aktuell langlebigste Abendshow im deutschen Fernsehen.

Anke Engelke

2004 übernahm Anke Engelke den Versuch, als erste Frau in Deutschland eine Late-Night-Show zu etablieren, auf Harald Schmidts Sendeplatz auf Sat.1. Mit ihrer Premiere der „Anke Late Night“-Show am 17. Mai erreichte Engelke eine Einschaltquote von 22,5 Prozent, danach pendelte sie sich bei etwa sieben Prozent ein. Im Oktober 2004 wurde die Show nach schlechten Kritiken wieder eingestellt.

Benjamin von Stuckrad-Barre

Der Bremer Journalist und Schriftsteller arbeitete 1998 für ein paar Monate als Gagschreiber für die Harald-Schmidt-Show, im selben Jahr erschien auch sein Debütroman „Soloalbum“. Am 16. Dezember 2010 startete Stuckrad-Barre auf ZDF Neo die Late-Night-Show „Stuckrad Late Night“, produziert von Christian Ulmens TV-Firma. Nach zwei Staffeln wechselte die Show Sender und Namen: Bis Oktober 2013 war „Stuckrad-Barre“ auf Tele 5 zu sehen.

Niels Ruf

Der ehemalige VIVA-Moderator ging im Herbst 2006 mit der „Niels Ruf Show“ bei Sat.1-Comedy auf Sendung. Mit der Zeit schaffte er sogar den Sprung ins Free-TV, bei Sat.1 lief die Show einmal wöchentlich um 23.15 Uhr. Wegen schlechter Quoten wurde sie 2008 das letzte Mal ausgestrahlt.

Ina Müller

„Inas Nacht“ wird seit 2007 im NDR beziehungsweise in der ARD ausgestrahlt. Für eine Late-Night-Show nach amerikanischem Vorbild läuft die Sendung zu unregelmäßig, auch fehlt der Stand-up-Teil, dafür sind die Musik- und Gesprächsanteile größer. Beim NDR firmiert die Sendung unter „Late-Night-Talk“.

Kurt Krömer

Der Berliner Komiker brauchte viele Kleinkunstbühnen (und einige Comedy-Preise), um sich im Fernsehen zu etablieren. Seit 2012 hat er seine eigene Late-Night-Show im rbb-Fernsehen, auch die ARD sendet die Show. Vorgänger dieses Formats war seine Talkshow „Kurt-Krömer-Show“, die er ab 2004 in den dritten Programmen etablierte.

Jan Böhmermann und Charlotte Roche

Böhmermann arbeitete als Moderator und Reporter in Bremen und ab 2004 für den Kölner Jugendsender 1Live. Von 2009 bis 2012 war er als Reporter und Sidekick festes Mitglied der Harald-Schmidt-Show. Im Frühjahr 2012 ging er mit der Autorin und Moderatorin Charlotte Roche bei ZDF Kultur auf Sendung mit „Roche & Böhmermann“, was zwar eher eine Talkshow war. Der Nachfolger ist Böhmermanns Solo-Show „Neo Magazin“, die seit Oktober 2013 auf ZDFneo läuft.

Berühmt deshalb, weil er schon auf den Plakaten angekündigt wird. Und es ist ein langer Witz. Das Publikum lacht, das ist erwartbar. Interessanter ist aber die Reaktion der Studio-Crew, die den Witz wohl schon zum hundertsten Mal erzählt bekommt und die Pointe auswendig kennt. Schmidt aber erzählt den Weg dorthin jedes Mal in Nuancen anders – und nicht nur das Publikum, sondern auch Kameraassistenten, Regie und Bandmitglieder lachen sich kaputt. Das ist Schmidt wichtig.

„Er ist eben einfach ein sehr guter Witze-Erzähler“, sagt Helmut Zerlett, der Band-Leader der Show, der von Anfang an dabei ist. Und nicht nur das. Wahrscheinlich ist Harald Schmidt der beste Entertainer der deutschen Unterhaltungsindustrie.

Dass er nun seine letzte Sendung gibt, nach fast 20 Jahren, ist eine traurige Zäsur. Die Geschichte der Harald-Schmidt-Show mit ihren wechselnden Heimatsendern und Besetzungen ist auch die Geschichte der Late-Night-Show in Deutschland. Sie ist aber auch die Kulturgeschichte des Humors in Deutschland. Beides findet nun einen bemerkenswerten Einschnitt.

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