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29.01.2007

07:02 Uhr

Liebfrauenmilch-Berg

Plaisir statt Plörre

VonPit Falkenstein und Ruth Lemmer

Vier willensstarken Wormser zogen selbst Setzlinge, ackerten und kelterten Herbes, wo Quietschsüßes das Image ruiniert hat: im Liebfrauenmilch-Berg. Mit Weinproben beweisen sie, dass an den schwärmerischen Legenden, die sich um die Ur-Liebfrauenmilch ranken, etwas Wahres ist.

Um die Legenden, die sich um die Ur-Liebfrauenmilch ranken, ist etwas Wahres dran . Foto: dpa dpa

Um die Legenden, die sich um die Ur-Liebfrauenmilch ranken, ist etwas Wahres dran . Foto: dpa

DÜSSELDORF. Warum 15,90 Euro für eine Flasche Liebfrauenmilch zahlen, wenn es sie für 2,45 Euro beim britischen Discounter gibt? Weil es das Original ist und nicht die Kopie. Und das kann jeder schmecken: Der Riesling-Wein vom Wormser Liebfrauenstift-Kirchenstück hat nichts zu tun mit dem Billigheimer. Da schimmert Plaisir pur statt Plörre im Weinglas.

Allerdings hat die Winzerzunft den Ruf der legendären Lage selbst ruiniert, weil sie auf Masse statt Klasse setzte. Denn als Napoleon um 1800 Kirchen und Klöster enteignete, durften den Namen Liebfrauenmilch nur Weine tragen, deren Trauben im Schatten des Kirchturms wuchsen. Um 1900 – schon damals gehörte dem Weinhandelshaus P. J. Valckenberg ein Großteil der Rebstöcke – kostete ein Riesling aus dem Liebfrauenstift-Kirchenstück so viel wie ein Bordelaiser Château Margaux.

Doch die Winzer in Rheinhessen entdeckten den Massengeschmack. Die edlen Gewächse aus dem 15-Hektar-Berg wurden von einer exportfähigen Marke abgelöst: Die Trauben für „Liebfrauenmilch“ dürfen aus Rheinhessen, Pfalz, Nahe oder Rheingau kommen. Dem Riesling werden Silvaner und Kerner oder Müller-Thurgau beigemischt.

Solch lieblich-flacher Wein entsprach dem Zeitgeist der 70er – in Deutschland und Großbritannien, in den USA und später auch in Japan. Briten übten sich in der Aussprache des Zungenbrechers Liebfrauenmilch oder kauften die Sorte Blue Nun – und das Wormser Liebfrauenstift verschwand von renommierten Weinkarten.

Bis sich Wormser Weinmacher besannen. Vier sympathische Sturschädel rehabilitieren mit Ausdauer und Elan das Kirchenstück der Lieben Frauen: Gerhard Gutzler, Arno Schembs, Tilman Queins und Christian Spohr meinen: Liebfrauenmilch schmeckt doch! Die alten Rebstöcke innerhalb der Kirchenmauern geben einen Spitzen-Riesling her, mit stark mineralischer Note.

Die willensstarken Wormser zogen selbst Setzlinge, ackerten und kelterten. Mit Weinproben beweisen sie, dass an den schwärmerischen Legenden, die sich um die Ur-Liebfrauenmilch ranken, etwas Wahres ist.

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