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01.08.2015

15:20 Uhr

Autofahren in Israel

Warum Gott Busfahrer lieber hat als den Rabbi

VonPierre Heumann

Israels Autofahrer sind aggressiv, ungeduldig und unnachgiebig, die Hupe ist das beliebteste Kommunikationsmittel - auch in Tel Aviv. Handelsblatt-Korrespondent Pierre Heumann kämpft sich durch die Straßen der Stadt.

Die linke Spur ist schneller als die rechte. Picture Alliance

Straßenschilder in Tel Aviv

Die linke Spur ist schneller als die rechte.

Tel AvivIch gebe es zu: Es war mein Fehler. Ich hätte die Spur Richtung Tel Aviv nehmen sollen, als ich auf der neuen Straße vom Toten Meer her kommend zum Mittelmeer fahren wollte. Stattdessen landete ich dort, wo diejenigen eingereiht waren, die ins Zentrum der Hauptstadt wollten, also nach links abbiegen mussten.

Kein Problem, dachte ich zunächst, du stellst den Blinker und ein großmütiger Lenker wird dir den Spurwechsel anstandslos erlauben. Also rollte ich in der falschen Spur langsam weiter, in der Hoffnung, dass sich auf der rechten Seite sehr bald eine Lücke auftun werde.

Aber weit gefehlt! Keiner hatte den Anstand, mir zu ermöglichen, meinen Irrtum zu korrigieren. Auch hupen, das beliebte Kommunikationsmittel auf Israels Straßen, erwies sich als wirkungslos. Um so lauter wurde aber das Tuten derjenigen, die hinter mir waren. Sie bestanden darauf, dass ich, falsche Spur hin oder her, zügig weiter fahre.

Da mir die Chuzpa fehlte, in der rechten Spur den Verkehr zu blockieren und zu warten, bis ich mit Hilfe eines israelischen Gentleman in Richtung Tel Aviv abbiegen konnte, fügte ich mich dem Druck der Straße, bog nach links ab und kam gezwungenermaßen ins Zentrum der Hauptstadt.

Auf dem Weg nach Tel Aviv, auf dem ich dann über die Unnachgiebigkeit israelischer Autofahrer nachdachte, begriff ich schließlich, weshalb sich keine Lücke aufgetan hatte. Niemand wollte ein naiver, tollpatschiger Dummkopf sein, der sich von anderen ausnutzen lässt.

Die Lenker in der Spur nach Tel Aviv waren wohl überzeugt davon gewesen, dass ich nicht aus Versehen in der falschen Fahrbahn gelandet war, sondern mit einem perfiden egoistischen Hintergedanken: Die linke Spur (in die City von Jerusalem) war nämlich schneller als die rechte (nach Tel Aviv).

Deshalb war es für alle eine ausgemachte Sache, dass ich sie hatte übervorteilen wollen. Dass dahinter kein Kalkül, sondern meine Unkenntnis steckte: Auf diesen Gedanken schien keiner zu kommen. Liegt es an der Hitze, am Temperament, am heißen politischen Klima, dass Israels Autofahrer aggressiv und ungeduldig sind?

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