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22.12.2011

12:51 Uhr

Erfolgsrezept

Die zehn goldenen Regeln für Castingshows

VonDésirée Linde

Vor rund zehn Jahren setzte in  Deutschland der Castingboom an. Seither wird auf allen Kanälen, versucht zu singen, zu tanzen oder einfach nur gut auszusehen. Warum Castingshows so erfolgreich sind

Panflötenspieler Leo Rojas ist das RTL-„Supertalent 2011". dpa

Panflötenspieler Leo Rojas ist das RTL-„Supertalent 2011".

DüsseldorfCastingshows bescheren den TV-Sendern Rekord-Quoten bis zum Teil an die 50 Prozent-Marke. Deren Rezept ist simpel, aber erfolgversprechend. Die zehn Schritte zum Casting-Hit.

1.      Trommeln Sie viele Menschen zusammen, die als Kind nicht rechtzeitig von der Super Nanny therapiert, später von Peter Zwegat aus den Schulden geholt wurden oder von Tine Wittler ein so schönes Zuhause bekommen haben, dass sie Umgebungen, wie die unwirtliche RTL-Bühne in Köln-Hürth als Hort der Glückseligkeit empfinden. Damit haben Sie einen erfolgversprechenden Pool an potentiellen Kandidaten. 42.000 waren es etwa am Anfang der gerade zu Ende gegangenen fünften Staffel von RTLs „Supertalent“.

2.      Verzichten Sie um Himmels Willen auf normale Menschen mit unspektakulären Biographien. Der Student, der eine intakte Familie und eine Freundin hat, die nicht im Pornogeschäft arbeitet oder ihm vor laufender Kamera den Laufpass geben mag, kann super singen? Egal. Mit diesem Normalo holen Sie keine Quotensiege. Ein bisschen Talent darf schon sein, wahlweise genügt aber auch der Glauben daran. Wichtiger ist, dass Ihre Kandidaten vom Schicksal gebeutelt oder von sich selbst zu unrecht maßlos überzeugt sind. Denn dann taugen sie für die ganz große Mitleidsshow oder eine ordentliche Portion Fremdschämen. Beim aktuellen Sieger von „Das Supertalent“, Leo Rojas, war es das schwere Schicksal, das zog: Der 27-Jährige hatte seine Familie in Ecuador seit Jahren nicht gesehen und schlug sich als Straßenmusiker durch. Da spielte RTL gleich ein bisschen Kai Pflaume und ließ die Mama einfliegen. Mit solchen Schicksals-Typen, ein paar ernstlich Talentierten und einigen bunten Vögeln haben sie eine gute Mischung zusammengestellt.

3.      Suchen Sie eine Jury mit Qualitäten in der Brachial-Rhetorik. Der König bleibt dabei Dieter Bohlen, der Sätze sagt wie: „Mit der Stimme würde ich zu Steven Spielberg gehen. Die suchen immer Stimm-Imitatoren für Eisenbahnentgleisungen und Aliens“ oder „Holz kann brennen, Wasser verdunsten, Eis kann schmelzen, aber du kannst gar nichts“. Bei Leuten, denen er Talent attestiert, wird's meist eher anzüglich. So sagte er zu Panflötenspieler Rojas: „Klar, dass die Mädels deine Flöte mögen“.

4.      Ach ja, die Frauenquote. Dann setzen Sie halt neben den Bohlen noch eine, besser zwei austauschbare Jurorinnen, die die von Bohlen niedergemachten „Talente“ wieder aufbauen, hin und wieder ein paar Tränchen verdrücken, wenn ein Schicksal ganz besonders hart ist, und ansonsten nur gut aussehen.

So funktioniert das deutsche Casting-Wunder

Die Geschichte

Die Leuchttürme der meist privaten Sender sind „Das Supertalent“, „Deutschland sucht den Superstar“ (beides RTL), „Germany’s Next Top Model“ (Pro7). Am Anfang, etwa zur Jahrtausendwende, als das Format von den USA nach Deutschland kam, begann es mit „Popstars“ (erst RTLII, dann Pro7). Mehr als 20 Formate sind in den vergangenen Jahren allein in Deutschland über die Bildschirme geflimmert.

Die Sender

Castingshows bleiben das Steckenpferd der Privaten, obwohl auch die öffentlich-rechtlichen Sender versuchten, auf der Castingwelle mitzureiten. Shows wie „Musical Show Star“ oder „Die Stimme“ (beides ZDF) hatten nur mit mäßigem Erfolg. Fortsetzungen gab es nicht.

Skurrile Ableger

Dieser Boom treibt auch skurrile Blüten: Sogar der Sparten-Kanal Sport1 castet mithlfe von Ex-Big-Brother-Kandidaten, wenn auch weitgehend unbeachtet, inzwischen mit der  der pornografisch angehauchten Show „Deutschland sucht das Sexy Sport Clips Model".

Zukunft der Shows

Ein Ende ist nicht in Sicht, die Sender produzieren munter Sendung um Sendung und die Zuschauer schalten ein. Daran ändert auch nicht, dass sich einige Castingshows ein „seriöseres“ Umgehen mit den Talenten auf die Fahnen geschrieben haben, wie etwa „X-Factor“ (Vox) oder das neue „The Voice of Germany“ (Pro7/Sat1). Wettkampf, Sieger, Verlierer – das Schema funktioniert weiterhin.

Was verdienen die Ex-Kandidaten?

Wie viel Geld die Sieger im Anschluss an die Show verdienen, ist unterschiedlich und hängt im Wesentlichen davon hab, ob die „Talente“ bei den Bohlen-Sendungen den Chefjuror für sich erwärmen konnten oder anderweitig Verträge abschließen können. Mundharmonika-Spieler Michael Hirte, der das Supertalent 2008 wurde, holte etwa fünffach Platin, musste von den Einnahmen allerdings gegen seinen Willen auch seinem Manager abgeben, wie das Kölner Gericht befand. Allein aus seinen Einnahmen im ersten Erfolgsjahr musste er seinen Manager zu 25 Prozent beteiligen: 88.000 Euro.

5.      Vergeuden Sie nicht unnötig Zeit mit der Suche nach guten Moderatoren und zeigen Sie Mut zum absoluten Fehlen von subtilem Witz und Geist. Wer bei einer Castingshow durch den Abend führt, muss lediglich das TV-Publikum immer wieder daran erinnern, dass die Entscheidung „ganz allein bei Ihnen“ liegt (via Anruf, der meist um die 50 Cent kostet). Außerdem muss er beim Abgang der Kandidaten noch ordentlich emotionalisieren und etwa den Buhmännern einen weiteren verbalen Tiefschlag versetzen und später in bester Johannes B.-Kerner-Manier und allen Variationen: „Wie fühlst du dich?“ fragen. Hilfreich für den Job ist auch ein gewisses Talent zum sinnentleerten Quasseln, um die auf zehn Minuten ausgedehnte Urteilsverkündung der Jury wie drei Stunden erscheinen zu lassen. Hinter diesen vier Aufgaben muss der perfekte Castingshow-Moderator komplett verschwinden, denn: Achtung vor Ambitionen, der Moderation eine eigene Note zu geben. Meister ihres Fachs sind Marco Schreyl und Daniel Hartwich, das Moderations-Duo infernale bei „Das Supertalent".

Kommentare (4)

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Till

22.12.2011, 12:59 Uhr

Früher hat man Menschen in den Arenen abgeschlachtet, als Gladiatoren, heute nutzt man dafür die DwdSS

Unterhaltung müsse sich vornehmlich an das Gefühl richten und nur sehr bedingt an den Verstand.

Sie habe „volkstümlich zu sein und ihr geistiges Niveau einzustellen auf die Aufnahmefähigkeit der >>> Beschränktesten <<< unter denen, an die sie sich zu richten gedenkt

Fred_Kirchheimer

22.12.2011, 14:03 Uhr

Ja wunderbar, da bekommen wir also einen Einblick, nach welchen Kriterien das Handelsblatt sein Personal aufsucht, oder?

Thorsten

22.12.2011, 16:03 Uhr

Diese 10 goldenen Regeln sind vollkommen korrekt, aber absolut nicht neu. Mich wundert nur, dass seit der ersten TV-Massenverdummungs-Kampagne mit dem Takshow-Wahn der 90er Jahre der Tiefpunkt in den Medien wohl noch immer nicht erreicht ist. Gute Nacht.

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