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19.02.2011

10:14 Uhr

Felix Gonzalez-Torres

Das Süße und der Tod

VonMarc Peschke

Seine Kennzeichen sind Bonbonberge, von denen sich der Museumsbesucher was nehmen darf. Jetzt ehrt das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt den Konzept-Künstler Felix Gonzalez Torres mit einer hintergründigen Schau.

Bitte bedienen: der Besucher soll das Bonbon auf der Zuge über das heutige Amerika nachdenken. Das suggeriert Felix Gonzalez Torres' Titel "Untitled (USA Today)". Quelle: The Felix Gonzalez-Torres Foundation

Bitte bedienen: der Besucher soll das Bonbon auf der Zuge über das heutige Amerika nachdenken. Das suggeriert Felix Gonzalez Torres' Titel "Untitled (USA Today)".

FrankfurtFelix Gonzalez-Torres (1957-1996) ist der Mann, der das Bonbon in die Kunst brachte. Ganze Berge davon schüttete er auf, platzierte sie in Raumecken oder legte große Rechtecke aus ihnen – und wurde damit bekannt. Das Besondere: Der Besucher darf sich davon nehmen, das Bonbon lutschen und über das Vergehen, das Verschwinden und den in der Regel verdrängten Tod nachdenken. Dass der jung verstorbene, auf Kuba geborene New Yorker ein vielseitiger, mitunter minimalistisch arbeitender Künstler war, zeigt jetzt eine große Einzelausstellung im Frankfurter Museum für Moderne Kunst (MMK).

 

Es bleibt schwierig, in diesem Haus Ausstellungen zu inszenieren. Die Architektur des „Tortenstücks“ macht sich wichtig, drängelt sich immer wieder in die Blickachsen der Schau, macht konzentriertes Sehen schwierig. Schon im Erdgeschoss haben die Ausstellungsmacher die Arbeit „Untitled (Public Opinion)“ aufgebaut: ein großer Haufen von grauen Lakritzstangen, die an Projektile, an Patronen erinnern. Das Süße und der Tod, da wird nicht viel um die Ecke gedacht. So einfach funktioniert Kunst manchmal.

 

Tod durch Aids

 

Berge aus Süßigkeiten tauchen in der Ausstellung mehrfach auf, auch die bekannten Girlanden aus Glühbirnen. Doch nicht nur Arbeiten im Raum sind zu sehen, manches hängt auch an der Wand: die streng minimalistische Gemäldeserie „Untitled (7 Days of Bloodworks)“ etwa, die Blutdiagrammen ähnelt. Weiß man um den Tod des Künstlers, der an den Folgen von Aids starb, dann bekommen diese autobiografischen Arbeiten Tiefe.

 

Aufgeladen mit Emotionen

 

Der Besucher darf ein Plakat mitnehmen, das an Menschen erinnert, die in einer Woche Opfer von Schusswaffen geworden waren. Quelle: The Felix Gonzalez-Torres Foundation

Der Besucher darf ein Plakat mitnehmen, das an Menschen erinnert, die in einer Woche Opfer von Schusswaffen geworden waren.

Große, schwere Themen wie Tod und Vergänglichkeit bewältigt Gonzalez-Torres in einem Balanceakt zwischen strengem Konzept und kritischem Reflektieren seiner Umwelt. Vor allem  aber setzt der Künstler ganz auf die Emotionen seines Publikums, welches die Kuratoren der Frankfurter Ausstellung mit reichlich biografischem Hintergrundwissen ausstatten.

 

Ein Taschentuch – es gehörte dem toten Vater, erfahren wir – wird Teil einer Installation: Ein paar Bonbons hat der Künstler darauf ausgebreitet. Ein anderer Bonbonberg, „Untitled (Lover Boys)“ aus dem Jahr 1991, hat exakt das Gewicht des Künstlers und seines vor ihm verstorbenen Partners. Blutrote Perlenvorhänge sind hier keinesfalls Raumteiler – auch wenn sie so aussehen –, sondern Hinweis auf die Schwere der Krankheit. Ist das schon Kitsch? Das Profane und das Subtile, das Leichte und die Grenzen der menschlichen Existenz, sind sich oft ganz nah in diesem Werk.

 

Die Grenzen der Existenz

 

Gonzalez-Torres macht den Besucher zum Teil seiner Arbeiten. Der Kunstfreund nascht und soll nachdenken über die Metapher für Vergehen und Verschwinden während dich der Bonbonberg verkleinert. Das wirkt manchmal seltsam konstruiert, dann wieder auf plumpe Art dekorativ. Und auch jene Besucher, die sich großzügig vom Papierstapel bedienen, auf dem all jene Menschen genannt sind, die in einer einzigen Woche zum Opfer durch Schusswaffen wurden, beobachtet man verwundert: Wird auf diese Weise das Schicksal der Toten in die Welt getragen?

 

Die ausgestreckte Hand

 

„Specific Objects without Specific Form”, der Titel der Ausstellung, deutet an, dass diese Schau auch ganz anders aussehen könnte. Was sie auch tun wird, denn nach der Hälfte der Laufzeit, ab dem 18. März, wird sie durch den dafür ausgewählten Künstler Tino Sehgal neu inszeniert. Einige Arbeiten sind auch außerhalb des Museums, an verschiedenen Orten im Stadtraum zu sehen, wie etwa das Plakat „Untitled (For Jeff)“, das nichts als eine ausgestreckte Hand zeigt.

Felix Gonzalez-Torres – Specific Objects without Specific Form

Bis zum 25. April 2011 

MMK Museum für Moderne Kunst

Domstraße 10

60311 Frankfurt am Main

Di–So 10–18 Uhr, Mi 10–20 Uhr

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