Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

29.10.2014

11:14 Uhr

Geheimnisse auf Postkarten

Was keiner wissen darf, aber raus muss

VonNoah Gottschalk

Intime Gedanken und menschliche Abgründe: 2000 davon lagern im Wohnzimmer von Sebastian Schultheiß. Seit 2009 veröffentlicht er Postkarten im Internet. Über die Inhalte kann er manchmal selbst nur staunen.

Postfach 2553 Tübingen. Dort kommen täglich Postkarten mit intimen Geheimnissen, Rachegelüsten und düsteren Gedanken an. In einer Zeit des Web 2.0 ein einzigartiges Projekt. picture alliance

Postfach 2553 Tübingen. Dort kommen täglich Postkarten mit intimen Geheimnissen, Rachegelüsten und düsteren Gedanken an. In einer Zeit des Web 2.0 ein einzigartiges Projekt.

DüsseldorfDie Idee hinter dem Projekt stammt aus den USA: 2004 startete der amerikanische Künstler Frank Warren im Rahmen einer einmaligen Kunstausstellung eine Aktion, bei der jeder anonym Geheimnisse auf Postkarten an Warrens Privatadresse schicken konnte.

Wegen des großen Erfolgs, wurde „Post Secret“ dann online fortgesetzt, mehrere Bücher hat Warren schon veröffentlicht. Der Künstler wurde sogar auf Hochzeiten seiner Kartenschreiber eingeladen. Nach eigener Aussage ist der Blog der größte werbefreie der Welt und zählt, laut dem Web-Marketing-Unternehmen Technorati, zu den zehn populärsten Blogs des Internets.

2008 holte der studierte Bioinformatiker Sebastian Schultheiß „Post Secret“ nach Deutschland. Um auf dem deutschen Ableger „Post Secret auf Deutsch“ zu landen, muss man die Karte an das Postfach 2553 in Tübingen schicken.

Geheimnisse: Fünf Karten, fünf Geschichten

Der Blogger

Mehr als 2000 Karten lagern, sauber sortiert in nach Jahreszahlen beschrifteten Kartons im Wohnzimmer des Bloggers Sebastian Schultheiß. Ein paar Beispiele, die er veröffentlicht hat.

Quelle: postsecretdeutsch.blogspot.de

Geliebte verstorben

„Ich habe sie geliebt. Sie wusste es nicht. Ich habe sie aus den Augen verloren. Beim gescheiterten Versuch wieder E-Mail-Kontakt aufzunehmen, kam folgende traurige Nachricht: 'XXX ist leider verstorben -__- letztes Jahr daher die Fehlermeldung :('“

Frau liebt Frau

„Ich glaube, ich habe mich in eine Frau mit blauen Augen verliebt. Die weiß das aber nicht, da ich auch eine Frau bin und normalerweise auf Männer stehe.“

Schlechtes Gewissen

„Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich weit weg von meinen Eltern lebe. Wer wird sich um sie kümmern, wenn sie alt sind? Die Zukunft macht mir Angst.“

Vergiss mich endlich (1)

„Ich sah dich im Zug letztens. Ich fühlte nichts. Du sahst mich an und du sahst durch mich durch. Ich weiß, dass ich dir immernoch etwas bedeute. Und deshalb tue ich es: ...

Vergiss mich endlich (2)

...Das Armband und der Ohrring, beides Geschenke von dir. Ich weiß, dass ich dir damit wehtue, und deshalb tue ich es. Ich werfe sie nicht weg, ich klebe sie bloß auf eine Postkarte. Vergiss mich doch endlich!“

Der Filzhut

„Ich wünsche mir sehr, dass du deinen Filzhut öfter tragen würdest!“

Jeden Sonntag stellt Schultheiß diese dann online. Und dort werden sie gelesen, bisher mehr als 1,8 Millionen mal. Man mag sich fragen: Warum nicht einfach eine E-Mail schreiben? Oder auf Facebook, Twitter und Co. posten?

Die Antwort ist ganz einfach: Hier geht es um Anonymität. Und genau dies ist in Zeiten von NSA-Ausspähaffären, gehackten Kameras oder abgehörten Telefonaten kaum noch gegeben.

„Die meisten haben sich daran gewöhnt und angepasst“, schreibt der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen. „Wir posten, getrieben von kollektiver Faszination und der Sehnsucht nach Feedback, Privates und Intimes auf sozialen Netzwerken. Wir fordern Privatsphäre, aber handeln längst nicht mehr danach.“

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×