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15.04.2015

15:56 Uhr

Gesundheit

Die Männerpsyche leidet anders

Quelle:dpa

Wütend, gereizt oder aggressiv? Viele Männer fühlen sich häufig gehetzt und stehen unter massivem Druck. Depressionen sind viel häufiger als gedacht, aber ganz anders als bei Frauen.

Psychische Krankheiten wie Depressionen zeigen sich unterschiedlich bei Männern und Frauen. dpa

Depression

Psychische Krankheiten wie Depressionen zeigen sich unterschiedlich bei Männern und Frauen.

BerlinMänner zeigen bei psychischen Erkrankungen oft andere Krankheitsanzeichen als Frauen. Ihre depressiven Symptome würden häufig nicht diagnostiziert und unzureichend behandelt. Das stellt die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) auf dem Männergesundheitskongress der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) in Berlin fest.

Bislang zeigten Daten, dass Depressionen bei Frauen häufiger aufträten als bei Männern, sagte Harald Gündel vom Uniklinikum Ulm der Deutschen Presse-Agentur. Doch die Vorstellung der Medizin von der Depression sei nicht vollständig: „Man sieht immer mehr, dass ein Mann, der eine Depression entwickelt, nicht immer das klassische Bild eines depressiven Patienten erfüllen muss.“

Eine Untergruppe der männlichen Patienten zeige das Bild einer männlichen Depression: Sie reagierten zum Beispiel wütend, gereizt oder aggressiv, fühlten sich gehetzt und unter Druck. Sie seien nicht nur niedergeschlagen und antriebslos, was typischerweise mit der Krankheit verbunden wird. Würden diese Patienten beachtet, seien Depressionen bei den Geschlechtern wohl gleich häufig, sagte Gündel.

Symptome einer Depression

Müdigkeit

Deutliche Geschlechtsunterschiede finden sich bei der sogenannten unipolaren Depression, von der Frauen doppelt so häufig betroffen sind wie Männer. Diese Form ist gekennzeichnet durch Symptome wie verminderten Antrieb oder gesteigerte Müdigkeit, ...

Depressive Stimmung

... depressive Stimmung in einem ungewöhnlichen Ausmaß, die fast jeden Tag mindestens über zwei Wochen hinweg auftritt, ...

Keinerlei Freude

...Verlust an Interessen, keinerlei Freude mehr an Tätigkeiten, die einem früher mal Spaß und Befriedigung gebracht haben, ...

Selbstvertrauen

...Verlust des Selbstvertrauens und des Selbstwertgefühls sowie Selbstvorwürfe und Selbstzweifel,...

Konzentration

...Konzentrationsschwäche, Schlafstörungen, Appetitverlust oder gesteigerter Appetit.

(Quelle: Ursula Nuber, "Wer bin ich ohne dich?", Campus-Verlag)

Durchs medizinische Raster fallen offenbar besonders Männer, die ein traditionelles Rollenbild verinnerlicht hätten: mit Werten wie Leistungsstärke, Status und Einkommen oder Maßstäben wie „Nicht reden, sondern handeln“. Ihnen falle es besonders schwer, eine psychische Erkrankung zu erkennen zu geben, sagte Gündel.

Als grundlegendes Problem der Männergesundheit sehen Experten, dass das starke Geschlecht eher selten zum Arzt geht. Wie schon ein Bericht des Robert Koch-Instituts zeigte, werden Männer auch seltener von Angeboten erreicht, und sie nutzen diese weniger.

Unkonventionelle Lösungen sind gefragt: Sprechstunden in Betrieben etwa seien erfolgreich, sagte Gündel. Auch über das Arbeitsumfeld initiierte Seminare mit Gruppengesprächen könnten Männern helfen, nach und nach auch über seelische Themen zu sprechen.

Illusionen und Hoffnungen die in die Depression führen

Die Anderen

Die Hoffnung, dass die Orientierung an anderen, deren Bedürfnissen und Wünschen Liebe und Anerkennung bringen

Der Verzicht

Die Hoffnung, dass der Verzicht auf eigene Bedürfnisse und ein eigenes Leben Sicherheit bringen wird

Die Veränderung

Die Hoffnung, dass andere Menschen sich ändern werden

Die Enttäuschung

Die Hoffnung, dass die Enttäuschung über enge Beziehungen durch eigenen Einsatz und eigene Bemühungen verschwinden wird

Die Illusion

Die Hoffnung, dass andere schon noch erkennen, was man braucht und es einem geben

Der Wert

Die Hoffnung, dass andere Menschen den eigenen Wert bestätigen und man sich nicht mehr so klein, so unfähig, so ungeliebt fühlen muss.

Wenig wissen Experten aber auch über Arzneimittelarten und -mengen, die Männer einnehmen. Selbst in relevanten Studien werde das nur bis zu einem Alter von 64 Jahren erfasst, sagte Prof. Gerd Glaeske (Zentrum für Sozialpolitik, Universität Bremen) der Deutschen Presse-Agentur am Rande des Kongresses. Ein beachtenswerter Arzneimittelkonsum beginne oft aber erst in diesem Alter.

Ein Drittel der Medikamentenabhängigen in Deutschland seien Männer, betonte Glaeske. Auch dies werde viel zu wenig beachtet: Abhängigkeit bei Männern werde mehr mit Alkohol oder illegalen Drogen verbunden. Dabei würden gerade Anabolika und anregende Mittel eher von Männern eingenommen als von Frauen.

„Die einzige psychische Störung, die Männer deutlich häufiger haben als Frauen, ist ADHS“, sagte Glaeske. Medikamente wie Ritalin rückten aber auch bei solchen in den Blick, die ihre Leistung steigern wollten - etwa im Studium oder im Fitnessstudio. «Ansonsten ist die psychische Gesundheit von Männern noch viel zu wenig untersucht», bilanzierte Glaeske.

Fünf Wege aus der Depression

1. Den Sinn der Depression erkennen

Die Therapeutin und Autorin Ursula Nuber zeigt in ihrem Buch "Wer bin ich ohne dich?" fünf Wege aus der Depression. Die 1. Strategie lautet: Den Sinn der Depression erkennen. Dabei ist es für Betroffene wichtig herauszubekommen, welcher Sinn, welche Botschaft für sie in der Krankheit enthalten ist. Dazu gehört auch, dass sie nicht ausschließlich auf hormonelle Veränderungen, biochemische Ungleichgewichte im Gehirn oder Erbfaktoren zurückgeführt und damit zu einem rein medizinischen Problem reduziert werden sollte. Wenn es gelingt, die Botschaft zu entschlüsseln, kann sich die Depression als grundlegende Veränderung zum Positiven nutzen lassen.

So wie Angst ein Signal für Gefahr ist, so ist die Depression häufig ein Signal, dass man sich vor vergeblichen Anstrengungen schützen sollte.

2. Selbst aktiv werden

In dieser Phase können Erkrankte viel Neues über sich lernen. Sie bekommen eine Ahnung, was genau ihnen nicht gut tut, wo sie die Weichen anders stellen müssen. Sie achten nicht nur darauf, wann sie sich besonders niedergeschlagen und ungeliebt fühlen, sie achten ebenso darauf, wer und was ihnen dabei hilft, damit die Depression weniger intensiv spürbar ist. Sie erkennen, dass sie kein passives Opfer der Krankheit sein müssen, sondern durchaus Einfluss auf sie nehmen können - zum Beispiel indem sie sich in Bewegung setzen.

3. Hilfe annehmen

Die Erfahrung, nicht auf sich allein gestellt zu sein, kann auf dem Weg aus der Depression so etwas wie ein Leitstern werden. Vor allem Freunde können hilfreich im Prozess der Selbstfindung sein. Nachhaltig helfen kann auch eine rechtzeitige psychotherapeutische Behandlung, die das Risiko, an weiteren Depressionen zu erkranken, deutlich senkt. Der richtige Therapeut kann also ein äußerst wichtiger Begleiter bei der Depressionsarbeit sein. Ausschlaggebend für den Erfolg ist nicht in erster Linie die Methode, sondern die Beziehung, die zwischen dem Therapeuten und dem Klienten entsteht.

4. Wenn ich nicht für mich bin, wer ist es dann?

Niemanden behandeln Depressive, ganz besonders depressive Frauen, so schlecht wie sich selbst. Depressionsgefährdete Frauen neigen dazu, mit sich selbst ungeduldig zu sein und sich selbst zu kritisieren, sie beschuldigen sich für ihr Versagen und werfen sich vor, anderen Menschen Probleme zu bereiten.

Ob Mann oder Frau: Wichtig ist vor allem die Selbstfürsorge und das Mitgefühl für sich selbst. Kommt die Selbstfürsorge dauerhaft zu kurz, dann kann das auch zu einem Stressfaktor werden, der in die Depression führen kann. Erkrankte müssen erkennen, dass ihr Leben nicht dadurch lebenswert wird, indem sie möglichst viel für andere leisten, sondern dass es vielmehr darauf ankomme, dass sie sich möglichst viel ersparen.

5. Nett war gestern

Die reife Form der Aggressionsverarbeitung kann man nur dadurch erwerben, dass man Erfahrungen mit seiner Aggression macht. Wir alle haben das Recht auf alles, was wir fühlen. Das geringe Selbstwertgefühl Depressiver hat eine wichtige Wurzel in ihrer nicht gewagten, nicht gekonnten Aggressivität. Depressive müssen lernen, den Ton lauter zu stellen. Und Frauen, die ihre Depression überwinden wollen, müssen ihre Rolle als nettes Mädchen aufgeben. Denn Nettsein ist eine Einbahnstraße. Wer nett ist, ist beliebt, aber er wird ausgenutzt und bekommt nicht, was er sich wünscht, nämlich Anerkennung und eine Gegenleistung für das Nettsein.

(Quelle: Ursula Nuber, "Wer bin ich ohne dich?", Campus-Verlag)

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