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07.01.2006

17:00 Uhr

Hafenbrücke ist für Touristen ein Muss

Über den Dächern von Sydney

VonUrs Wälterlin

Eine Kollision zwischen einem Kopf und 52 800 Tonnen Stahl ist eine schmerzhafte Angelegenheit. Das Bewusstsein, dass es sich bei der Hafenbrücke im australischen Sydney um eine nationale Ikone handelt, lindert das Brummen im Schädel nur wenig.

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Stadtplan: Die Hafenbrücke von Sydney.

HB SYDNEY.Ob sich auch „James-Bond“-Darsteller Pierce Brosnan beim Gang durch die Eingeweide der Sydney Harbour Bridge eine Beule geholt hat, will Melissa Duane nicht sagen. Als Tourführerin auf einem der bekanntesten Bauwerke der Welt lernt man, diskret zu sein. „Aber nett war er“, sagt die Australierin, „sehr nett.“

Seit 1998 bietet eine private Firma Touren auf das 1932 in Betrieb genommene Monument an. Seither haben 3,6 Millionen Menschen die Hafenbrücke als zahlende Touristen beklettert. Der „BridgeClimb“, so der englische Name für die Attraktion, ist für die meisten Besucher der Stadt ein Muss, das sich lohnt. Der Blick vom höchsten Punkt der Brücke auf das Opernhaus, die Stadt und den Hafen ist schlicht atemberaubend.

Das Abenteuer beginnt auf der Südseite der Brücke, mit einer bis ins letzte Detail durchorganisierten und überwachten Prozedur. Bei einem „BridgeClimb“ sind alle gleich: Jeder Kletterer erhält einen unattraktiven grauen Overall-Anzug und muss vor dem Aufstieg in ein Alkoholmessgerät blasen. Wer unter 0,05 Promille im Blut hat, darf durch die Schranke, wer nicht, muss ausnüchtern. Im Vorbereitungsraum wird jeder Besucher mit dem Ablauf vertraut gemacht, wird instruiert, wie er sich auf der Brücke zu verhalten hat und wie nicht. Alle Gruppen und ihre Tourführer sind an einem am Geländer montierten Stahlseil festgemacht, von dem sie sich während der gesamten Begehung nicht lösen können. „Sicherheit steht über allem“, sagt Duane.

Aus dem gleichen Grund ist die Mitnahme aller persönlichen Gegenstände strikt untersagt. Das gilt auch für Fotoapparate. Was unbedingt mitmuss – etwa Brillen – wird am Anzug festgezurrt, wenn nötig mit unzerreißbaren Kabelhaltern. Für die Betreiber des „BridgeClimb“ ist der Gedanke ein Albtraum, dass abstürzende Augengläser 85 Meter tiefer im Morgenverkehr der Werktätigen zu einer Massenkarambolage führen könnten.

Die Hafenbrücke ist die wichtigste Verbindung zwischen dem Norden und dem Zentrum der Stadt. Fast 160 000 Autos benutzen sie pro Tag. Dazu kommen Hunderte Vorstadtzüge und Tausende Fußgänger. Eine Unterbrechung des Verkehrsflusses auf der Brücke würde die halbe Stadt lahm legen.

Der Kletter-Spaziergang führt auf der einen Seite auf den Gipfel der Brücke; über Treppen, die sonst von den Wartungsmannschaften benutzt werden. Auf dem höchsten Punkt – mit den Segeldächern des Opernhauses im Rücken seiner Gäste – macht der Tourbegleiter ein digitales Foto, das jedem Besucher am Schluss der Begehung ausgehändigt wird. Nach dem Halt geht es auf der anderen Seite wieder zur Zentrale zurück.

Besonders fit muss man nicht sein, um die Tour zu machen. Die älteste Besucherin war 100 Jahre alt. Auch sie hat die 1 439 Treppenstufen problemlos geschafft, hat sich gebückt, um durch niedrige Gänge und um enge Ecken zu kommen.

Wer allerdings unter Höhenangst leidet, dem ist eine Panikattacke fast garantiert – trotz der Gewissheit, an einem Stahlseil befestigt zu sein.

Die gesamte Tour inklusive Vorbereitung dauert rund dreieinhalb Stunden. Zeit, um die Aussicht zu genießen. Und auch für mehr: „Wir hatten schon über 1 000 Heiratsanträge auf der Brücke“, erklärt Melissa Duane, die seit fünfeinhalb Jahren Gäste auf das Monument führt. „Aber nicht jede Frau hat Ja gesagt.“

Die Hafenbrücke ist für die Menschen von Sydney mehr als nur ein Verkehrsweg. Sie war und ist ein Symbol des Fortschritts, der Moderne für ein Land, das erst vor 200 Jahren von Europäern besiedelt worden ist. Es war eine Weltsensation, als die Konstruktion im März 1932 eröffnet wurde. Für damalige Verhältnisse war die Sydney Harbour Bridge eine technische Meisterleistung. Die Brücke ist 1 149 Meter lang, davon hängen rund 500 Meter über dem Wasser. Der höchste Punkt liegt 141 Meter über dem Meeresspiegel. Die Stahlkonstruktion ruht auf 18 000 Kubikmetern Fels und wird von sechs Millionen Nieten zusammengehalten. Es brauchte 272 000 Liter Farbe, um die Brücke zum ersten Mal anzumalen. Seither haben Generationen von Malern und Stahlarbeitern die Arbeit ihrer Vorväter weitergeführt. Ein ganzes Team von Handwerkern ist rund um die Uhr mit dem Unterhalt und der Reparatur der Brücke beschäftigt.

Unter den Arbeitern befand sich in den siebziger Jahren auch ein Mann namens Paul Hogan, der sich seine Freizeit als Hobbykomiker vertrieb. Die Welt sollte ihn später als Hauptdarsteller in den „Crocodile- Dundee“-Filmen kennen lernen, als Urtyp eines jovialen, liebenswerten Australiers.

„Hogan ist seither nie mehr auf die Brücke gekommen“, sagt Melissa Duane und zieht dabei den Kopf ein, um nicht gegen einen Stahlbalken zu prallen. Trotz wiederholter Einladungen weigere sich der Schauspieler, an seinen früheren Arbeitsplatz zurückzukehren. Er sehe nicht ein, weshalb er sich anschnallen müsse.

Doch auch für den wohl bekanntesten Australier der Welt gibt es keine Ausnahme von einer Regel, an die sich selbst Pierce Brosnan habe halten müssen. Der habe ihr zum Abschied einen Luftkuss zugeworfen. „Ein Kuss von James Bond – was will man mehr!“ sagt Melissa Duane.

Einen kurzen Augenblick ist’s, als ob ihr Gesicht dabei ein bisschen rot geworden wäre.

Über die Brücke

Touren auf die Sydney Harbour Bridge finden rund ums Jahr statt, Tag und Nacht. Nur während eines Gewitters und während des traditionellen Feuerwerks am Neujahrsabend bleiben die Türen zum Aufstieg geschlossen. Start: 5 Cumberland Street, The Rocks. Kinder müssen mindestens zwölf Jahre alt sein und von Erwachsenen begleitet werden, um an einer Tour teilnehmen zu dürfen. Die Kosten für eine dreieinhalbstündige Begehung variieren für Erwachsene zwischen umgerechnet rund 100 und rund 170 Euro, Foto und Kletterzertifikat inklusive. Vorausbuchungen werden dringend empfohlen. Tel. 0061/ 2/ 82 74 77 77 E-Mail: admin@bridgeclimb.com

http://www.bridgeclimb.com.

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