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02.08.2011

14:30 Uhr

Hitziger Krawatten-Streit im Parlament

Spanier fühlen sich auf den Schlips getreten

In Spanien laufen die Klimaanlagen bei weit über 30 Grad Hitze auf Hochtouren - eine Tortur für das Abgeordnetenhaus. Ein Minister, der lieber die Krawatte ablegt, löste im Parlament eine hitzige Debatte aus.

Nicht alle spanischen Minister können sich mit dem Tragen von Krawatten abfinden. Quelle: dpa

Nicht alle spanischen Minister können sich mit dem Tragen von Krawatten abfinden.

MadridIst das Tragen von Krawatten in einem im Sommer knallheißen Land wie Spanien mit einem energiebewussten Lebensstil vereinbar? Nein, meint Industrieminister Miguel Sebastián. Als er kürzlich demonstrativ ohne Krawatte zu einer Sitzung im Abgeordnetenhaus in Madrid erschien, erteilte ihm Parlamentspräsident und Parteikollege José Bono eine scharfe Rüge: Diejenigen, die führende Ämter bekleideten, sollten den Bürgern Vorbild sein, indem sie sich angemessen kleideten. Minister Sebastián lenkte jedoch nicht ein: Wichtiger sei es, die hohen Energiekosten zu senken.

Sebastiáns Ministerium hat ausgerechnet, dass mit jedem Grad weniger Kühlung durch Klimaanlagen sieben Prozent Energiekosten gespart würden. Nach den spanischen Regelungen soll die Temperatur der Klimaanlagen in öffentlichen Gebäuden nicht auf unter 26 Grad eingestellt werden. Nur in den wenigsten Fällen wird diese Norm jedoch beachtet.

Miguel Sebastián, der spanische Minister für Industrie, Tourismus und Handel. Quelle: dpa

Miguel Sebastián, der spanische Minister für Industrie, Tourismus und Handel.

Selbst im Parlament werde die Klimaanlage im Sommer so stark beansprucht, dass es sich „wie in Sibirien“ anfühle, klagte Verteidigungsministerin Carme Chacón. Nach Auffassung ihres Kollegen im Industrieministerium sollen die Abgeordneten den Beamten und den Mitarbeitern in Unternehmen als Vorbild dienen, indem sie im Sommer ihre Krawatten ablegten und sich leicht kleideten.

Für Sebastiáns Kritiker ist die Krawatte jedoch ein winziges Detail, wenn es darum geht, die enormen Umweltprobleme in Spanien zu bewältigen. Diese werden vor allem durch die Abgase von Fahrzeugen und die extrem hohe Abhängigkeit von importierten fossilen Brennstoffen verursacht.

Die ganze Krawatten-Debatte sei „banal“, sagte Eduardo Madina, Generalsekretär der sozialistischen Parlamentsfraktion, zu der sowohl Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero als auch Sebastián und Bono gehören. „An einigen Tagen trage ich eine Krawatte und an anderen Tagen nicht. Es ist nicht so wichtig“, meinte Madina. Selbst Männer, die führende Posten bekleideten, sollten im 21. Jahrhundert die Freiheit haben, sich zu kleiden, wie sie möchten.

Solche Ansichten finden beim Parlamentspräsidenten Bono kein Verständnis. Als Sebastián in Erinnerung brachte, das der frühere japanische Ministerpräsident Junichiro Koizumi die Arbeiter aufgerufen hatte, ihre Krawatten im Interesse der Energieeinsparung abzulegen, erwiderte Bono: „Ich weiß nicht, ob der japanische Ministerpräsident auch (...) ohne Krawatte vor dem Kaiser erscheinen würde.“ Sebastián versprach jedoch, dass er seine Anti-Krawatten-Kampagne weiterführen werde, „egal was Bono oder der japanische Kaiser sagen würden“.

Von

dpa

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