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27.11.2013

16:33 Uhr

Jil Sander wird 70

Die Schöpferin des Understatements zieht sich zurück

Purismus und Understatement – dafür steht Jil Sander. Nun hat die Modeschöpferin zum dritten Mal ihr Unternehmen verlassen, kurz vor ihrem 70. Geburtstag am Mittwoch. Der Grund soll für ihren Rückzug schwerwiegend sein.

Die Modeschöpferin Jil Sander hat am 27. November Geburtstag. Sie wird 70 Jahre alt. dpa

Die Modeschöpferin Jil Sander hat am 27. November Geburtstag. Sie wird 70 Jahre alt.

HamburgMehrfach von der Bühne abzutreten wie mancher Schlagersänger, das passt eigentlich nicht zu Jil Sander. Pathos schien der Modemacherin bisher fremd. Mit ihrem stilbildenden Purismus hat die Deutsche die Frauenkleidung um alles Überbordende erleichtert. Auch im Privaten pflegt sie die leisen Töne. Es wäre traurig, wenn die rekordverdächtige Dramatik des dreifachen Rückzugs aus der von ihr gegründeten Marke innerhalb von 13 Jahren ein geniales Lebenswerk übertönen würde. Vor wenigen Wochen verließ die wohl berühmteste deutsche Designerin zum dritten Mal das Unternehmen Jil Sander. Und das kurz vor ihrem 70. Geburtstag am 27. November.

Auch wenn Heidemarie Jiline Sander im norddeutschen Wesselburen geboren wurde, kann sie als echte Hanseatin gelten. In Hamburg, wo sie bei ihrer Mutter und deren zweitem Ehemann aufwuchs, eröffnete sie im schicken Stadtteil Pöseldorf 1967 eine Boutique, Keimzelle ihres späteren Imperiums. Noch heute lebt sie in der Hansestadt. Das für diese typische Understatement und die Liebe zu Qualität scheinen jeden Entwurf der „Queen of Less“ zu prägen. Sanders frühere langjährige Mitarbeiterin, die PR-Beraterin Renate Janner, sagt: „Jil Sander hat in jeder Hinsicht ein wahnsinnig gutes Auge für Qualität und Stil.“ Sie sei sich sicher, dass die Designerin sich auch in den kommenden Jahren mit kreativen Projekten befassen werde.

Als Sander antrat, wollte sie den Frauen eine ähnlich angenehm zu tragende Garderobe verschaffen, wie sie bei den Männern schon lange üblich war. Sie schuf Damenkleidung aus Herrenstoffen, die nicht maskulin, sondern weich und oft bezaubernd schön wirkte. Sie selbst verkörperte mit ihren feinen und zugleich energischen Zügen das neue Frauenbild aus „zart“ und „hart“ in Vollendung. Als Jil Sander ab Ende der 1970er Jahre für ihr erstes Parfum mit dem eigenen Gesicht warb, wurde sie bundesweit bekannt.

Der internationale Durchbruch gelang ihr in den 1990er-Jahren. Die elitärsten Moderedakteurinnen der Welt huldigten ihrer Mode, die sie bei den Mailänder Schauen zeigte. 1997 brachte Sander eine Herrenkollektion heraus. Dass sie sich im Zuge der Vergrößerung ihres Unternehmens Fremdkapital besorgte und 1999 die Aktienmehrheit an die Prada-Gruppe verkaufte, mag von heute aus gesehen als Sündenfall gelten. Die als „Kontrollfreak“ bekannte Jil Sander überwarf sich mit Prada-Chef Patrizio Bertelli und stieg 2000 als Chefdesignerin aus. Drei Jahre später kehrte sie zurück, um 2004 das Handtuch erneut zu werfen.

Diesmal dauerte die Auszeit länger. Als der neue Mehrheitseigner des Unternehmens Jil Sander, die japanische Onward-Holdings, im Februar vergangenen Jahres die Rückkehr der Modemacherin verkündete, hatten nur wenige noch damit gerechnet.

Die „persönlichen Gründe“, die das Unternehmen kürzlich für den erneuten Rückzug der Designerin anführte, sollen schwerwiegend und nachvollziehbar sein und in ihrem engeren familiären Umfeld begründet.

Nach ihrer letzten Schau Ende September in Mailand wirkte die Modemacherin müde. „Ich bin ein wenig erschöpft“, sagte sie backstage. Zuvor hatte sie Entwürfe gezeigt, die dank präziser Schnitttechnik beinahe zu fliegen schienen. Ihrem modischen Perfektionismus ist Jil Sander auch am - zumindest vorläufigen - Ende ihrer Laufbahn treu geblieben. Der Respekt der Modewelt bleibt ihr sicher.

„Ich habe Jil Sander als besonders leidenschaftliche Designerin kennen und schätzen gelernt und bedaure, dass sie wieder aufgehört hat“, sagt die Hamburger Modemacherin Iris von Arnim, ebenfalls seit Jahrzehnten erfolgreich im Geschäft. „Zu ihrem 70. Geburtstag wünsche ich ihr vor allem Gesundheit und eine neue Idee, für die sie sich begeistern kann.“ Dass die leise Jil Sander groß feiern wird, ist nicht zu erwarten. Das hat sie in der Vergangenheit auch nicht getan.

Von

dpa

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