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06.03.2016

09:06 Uhr

Jürgens Weinlese

„Das muss Jerusalem sein, wir bleiben hier“

VonJürgen Röder

Unternehmer Vladimir Puklavec hat ein riesiges Weingut in Slowenien übernommen und erklärt im Interview, wie er sechs Millionen Flaschen jährlich weltweit verkaufen will. Und warum Deutschland ein schwieriger Markt ist.

Blick auf das Weingut Puklavec and Friends: Es liegt in Jeruzalem, zwischen Ormož und Ljutomer, einer schon in der K-und-K-Zeit berühmten Weinregion im Nordosten Sloweniens.

Weingut Puklavec and Friends

Blick auf das Weingut Puklavec and Friends: Es liegt in Jeruzalem, zwischen Ormož und Ljutomer, einer schon in der K-und-K-Zeit berühmten Weinregion im Nordosten Sloweniens.

Vladimir Puklavec ist 2009 noch ein großes Wagnis eingegangen: Der heute 72-jährige Unternehmer und Geschäftsführer in der deutschen Gasindustrie übernahm eine Winzergenossenschaft mit einer Fläche von 1000 Hektar – rund zehnmal so groß wie die größten Weingüter in Deutschland. Keine einfache Aufgabe, wie er selbst zugibt. Das Interview entstand während eines Treffens in einem Düsseldorfer Hotel.

Hallo Herr Puklavec, ist mit der Übernahme der Winzergenossenschaft – etwas überspitzt formuliert – aus einem Kapitalisten nun ein Kommunist geworden?
Nein, das hat familiäre Ursachen und ist auch eine Herzensangelegenheit, um diese Weingegend wieder zu beleben. Wir haben Anteile der Winzergenossenschaft gekauft und führen heute das Unternehmen als Familienunternehmen. Bereits mein Urgroßvater investierte sein Geld in die Landwirtschaft und in den Weinanbau. Später folgte mein Vater, der war ausgebildeter Önologe und hat zusammen mit den anderen Winzern eine Winzergenossenschaft gegründet und selbst geleitet.

Warum eine Winzergenossenschaft?
Sie mussten gemeinsam vermarkten, weil es nur einen gemeinsamen großen Keller dort gab. Über dem habe bis zu meinem 15. Lebensjahr noch geschlafen. Nach 1945 kam der Sozialismus, alles wurde verstaatlicht. Mein Vater ist als Direktor der Winzergenossenschaft dort geblieben.

Vladimir Puklavec

Und wieso haben Sie dann 2009 die Anteile der Winzergenossenschaft gekauft?
Ein ehemaliger Mitschüler aus der Region bat mich darum. Weil sonst der Verfall drohte. Ich wollte anfangs nicht, hatte aber nach Gesprächen mit meiner Familie – zwei meiner Töchter haben sich entschieden im Management mitzumachen – meine Meinung geändert und so haben wir aus den Teilen der Winzergenossenschaft das Familienunternehmen Puklavec & Friends (P&F Wineries) gegründet, mit langfristigen Traubenlieferverträgen mit Winzern, welche in einer getrennten Genossenschaft verbunden sind.

Könnten Sie davon leben?
Wenn ich jetzt davon leben müsste, dann müsste ich Sozialhilfe beantragen. Mit Partnern hatte ich im Jahr 2008 eine Anlagenbaufirma an die Börse gebracht, dadurch konnte ich mir das Weingut leisten. Die Anfangsschwierigkeiten im Weinbau haben wir erwartet. Geplant waren sechs Jahre, um den ersten Gewinn zu erzielen. Heute weiß ich, es dauert zehn Jahre, um die Marke zu etablieren und auch preislich dort hinzukommen, wo man hinwill.

Die wichtigsten Weißwein-Rebsorten in Deutschland

Riesling

Riesling ist unbestritten die deutsche Vorzeige-Rebsorte und gehört zu den wirtschaftlichen Stützen der Weinwirtschaft. Mit einer Rebfläche von 23.700 Hektar (23,1 Prozent der gesamten Anbaufläche, Stand 2016) besitzt Deutschland die größte Rieslingrebfläche weltweit und verweist somit Australien und Frankreich mit großem Abstand auf die Plätze zwei und drei. Die Farbe des Rieslingweins ist grünlich gelb bis hell goldgelb. Sein Aroma erinnert an Äpfel, Pfirsiche oder Aprikosen. Geschmack: feinfruchtig, meist säurebetont. Körper, Gehalt: leicht bis mittelkräftig.

Müller-Thurgau (Rivaner)

2In der deutschen Weinlandschaft gab der Müller-Thurgau seine Führungsposition in den 1990er Jahren an den Riesling ab. Doch mit einem Flächenanteil von 12,3 Prozent (Stand 2016) hat der Rivaner nach wie vor eine überragende Bedeutung im deutschen Weinbau. Dass er heute auf ca. 12.623 Hektar wächst, verdankt er unter anderem seinen vielfältigen Einsatzmöglichkeiten und seiner Zugänglichkeit auf für Nichtweinkenner. Die unkomplizierten Müller-Thurgau-Weine sind geschmacklich leicht zugänglich. Meist sind es jugendliche. Leichte und frische Weine für jeden Tag. Farbe: helles Gelb, Aroma: erinnert an zarte Kräuter, Äpfel und Birnen. Geschmack: säuremild. Körper, Gehalt: mittelkräftig.

Grauburgunder

Grauburgunder zählt zu den besten Sorten in Deutschland. Hier hat die Rebsorte wieder zunehmend an Bedeutung gewonnen. Im weltweiten Vergleich steht Deutschland nach Italien und den USA an dritter Stelle im Grauburgunderbereich. Zur Zeit sind mehr als 6170 Hektar – das entspricht sechs Prozent der deutschen Rebfläche (2016) – mit dieser Sorte bestockt. Farbe: farbintensiv, hell- bis goldgelb, Aroma: erinnert an Mangos, Nüsse, Mandeln. Der Geschmack ist mild bis säurebetont, der Körper (Gehalt) kräftig und gehaltvoll.

Weißburgunder

Weißburgunder zählt zusammen mit dem Grauburgunder zu den Weißweinsorten mit der derzeit größten Rebflächenzunahme. Mehr als 5160 Hektar oder fünf Prozent der deutschen Rebfläche sind montan mit der Sorte bestockt. Weißburgunder, trocken ausgebaut, mit frischer Säure und feiner Frucht sind ideale Menüweine, aber auch leichte Sommerweine. Farbe: hell- bis strohgelb. Geschmack: etwas säurebetont. Das Aroma: erinnert an Äpfel, Birnen, Mangos, Nüsse und Quitten, der Körper (Gehalt) ist mittelkräftig.

Silvaner

,Silvaner galt bis Mitte des Jahrhunderts als wichtigste deutsche Rebsorte; mehr als jede zweite Rebe war ein Silvanerstock. Der kontinuierliche Anbaurückgang der letzten Jahrzehnte, insbesondere zugunsten des Müller-Thurgaus, ließ den Flächenanteil auf derzeit 4,8 Prozent (Jahr 2016) sinken. Insgesamt werden 4900 Hektar mit diesen Rebsorten bepflanzt. Silvanerreben liefern im Duft eher verhaltene Weine mit einer milden Säure. Farbe: sehr helles bis intensives Gelb, Aroma: erinnert an Äpfel, Birnen oder frisches Heu, Geschmack: milde bis mittlere Säure, Körper, Gehalt: leicht bis mittelkräftig.

Wie sieht die aktuelle Finanzsituation aus?
Wir haben 2015 ungefähr nach Abzug aller Kosten und Abschreibungen –ohne Zinsen und Tilgung- etwa die schwarze Null geschafft. In diesem Jahr wollen wir die Gewinnzone erreichen.

Haben Sie das alles finanziert?
Die Finanzierung war ein großes Problem, da wir mehr Geld benötigten als ursprünglich geplant. Und Slowenien wurde damals voll von der Bankenkrise getroffen. Die Banken hatten fast kein Geld mehr und stellten extrem hohe Forderungen für Firmenkredite. Wir konnten natürlich in den ersten Jahren keine Gewinne erzielen, was aber dort Voraussetzung war, um einen Kredit zu bekommen. Daher musste ich mit eigenem Geld in Vorleistung treten.

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