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22.02.2015

17:38 Uhr

Jürgens Weinlese

„Der Riesling hat mich ausgesucht“

VonJürgen Röder

Stuart Pigott gilt als der Rieslingexperte. In einem Interview erklärt er, warum er diese Traube liebt, welche Weine gut und welche schlecht sind. Und warum deutsche Winzer auf ein gutes China-Geschäft hoffen dürfen.

Ein Blick auf den Weinanbau: In den letzten zehn Jahren hat sich beim Riesling viel verändert. dpa

Riesling

Ein Blick auf den Weinanbau: In den letzten zehn Jahren hat sich beim Riesling viel verändert.

Für Stuart Pigott ist Riesling der Weißwein unserer Zeit. Für den bekannten britischen Weinjournalisten, der in Berlin lebt, ist diese Traube sogar eine Geisteshaltung. Auf der Suche nach Freunden dieser ursprünglich deutsche Traube wurde er fündig in den USA, in Südamerika, in Afrika, in Osteuropa, Neuseeland, Australien, Asien – überall auf der Welt zeigt sich eine Rieslingbewegung, sogar in Italien!. Alle seine Eindrücke und viele Fakten zu diesem Weißwein hat er in seinem neuen Buch „Planet Riesling“ zusammengefasst.

Hallo Herr Pigott, welchen Riesling haben Sie gestern Abend getrunken?
Gar keinen. Es gab gestern Bier.

Wie, kein Glas Wein?
Ich kam sehr spät mit dem Flugzeug zurück nach Berlin. Zum Abendbrot habe ich dann aber noch Reste eines Rotweines gefunden, den „Blaufränkischen“ vom Pfälzer Weingut Markus Schneider. Der hat mir sehr gut geschmeckt.

Wie sind Sie eigentlich auf die Idee gekommen, sich als Rebsorte den Riesling auszusuchen und dafür durch die ganze Welt zu reisen?
Der Riesling hat mich ausgesucht. Mein erstes Glas habe ich im April 1976, im Alter von 15 Jahren getrunken. Es war mein erstes positives Weinerlebnis, der Wein hat sich quasi bei mir „angedockt“. Im Alter von 20 hat es dann „Peng“ gemacht, als ich viele verschiedene hochwertige Rieslinge probiert habe. Und als ich im Frühling 1984 hier in Deutschland eine Woche lang mit einem britischen Weinhändler die Jungweine des Jahrgangs 1983 verkostet habe, hat mich der Riesling danach total fasziniert.

Und dann?
Danach bin ich auf Weltreise gegangen, habe Anbauländer wie Deutschland, Australien und Neuseeland besucht und mir ein Puzzle vom „Werdegang“ des Rieslings zusammengesetzt. Doch das ist mittlerweile ein altes Bild.

Stuart Pigotts 20 beste, trockene Rieslinge, Teil 1

Weingut Albert Boxler

Albert Boxler, Niedermorschwihr, Elsass (Frankreich)

Jean Boxler ist ein schüchterner Perfektionist, dessen Weine sämtlich auf kargen Granitboden wachsen, was ihnen eine fürs Elsass ungewöhnliche Schnittigkeit und Grazie verleiht. Spieglein, Spieglein an der Wand, Sommerberg oder Brand, wer ist der schönste Grand Cru im Boxler-Land?

Weingut Georg Breuer

Georg Breuer, Rüdesheim, Rheingau (Deutschland)

Theresa ist gerade 30 geworden, aber seitdem sie nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters die Leitung des Weinguts übernommen hat, hat sie weiter an diesen sehnigen Langstreckenläufern gearbeitet und ihnen ein paar diskrete weibliche Kurven verliehen, ohne den moderaten Alkoholgehalt zu erhöhen.

Weingut Christmann

Christmann, Gimmeldingen, Pfalz (Deutschland)

Steffen Christmann ist Präsident der deutschen Elite-Winzervereinigung VDP, aber hier zählt, dass er diese mächtigen trockenen Rieslinge so verfeinert hat, dass ihre Kraft heruntergespielt wird und vor allem ihre Subtilität wunderschön im Vordergrund steht.

Weingut Dönnhoff

Dönnhoff, Oberhausen, Nahe (Deutschland)

Der Hermannshöhle GG (Großes Gewächs) vom Vater-Sohn-Team Helmut und Cornelius Dönnhoff ist das Äußerste an Riesling-Filigränitat und -Anmut, obgleich sie wahrscheinlich erröten werden, wenn sie dies lesen. Ihre anderen GGs sind ebenso starke Persönlichkeiten.

Weingut Emrich-Schönleber

Emrich-Schönleber, Monzingen, Nahe (Deutschland)

Als Frank Schönleber den Keller von seinem Vater Werner übernommen hat, hat er die Kraft und Würze der trockenen Weine nochmals nach oben geschraubt. Jetzt sind sie imposant für ein Gebiet mit kühlem Klima, und es ist nicht einfach, Weine zu finden, die den Halenberg GG übertrümpfen.

Weingut Grosset

Grosset, Auburn, Clare Valley (Süd-Australien)

Jeffrey Grossets Polish Hill ist nicht ohne Grund Australiens gesuchtester Riesling, und dieser asketische Gigant mit nahezu brutaler mineralischer Frische aus dem Schieferboden des Polish Hill ist ein einzigartiger Wein. Grossets Watervale Riesling ist viel fleischiger.

Weingut Hirsch

Hirsch, Kammern, Kamptal (Österreich)

Johannes Hirschs trockene Rieslinge sind bei weitem nicht die mächtigsten oder imposantesten, aber das ist auch nicht sein Ziel. Er strebt stets nach ausgeprägten Würz- und Kräuternoten in Verbindung mit einem Geschmack, der im Vergleich mit den meisten österreichischen „Spitzen“-Rieslingen subtil und elegant wirkt.

Weingut Keller

Keller, Flörsheim-Dalsheim, Rheinhessen (Deutschland)

Klaus-Peter und Julia Keller sind das Paar, die diese Ecke Rheinhessens auf die Welt-Weinkarte gesetzt haben. Ihre trockenen Einzellagen-GGs der letzten Jahrgänge sind imposant und konzentriert, aber von tadelloser Ausgewogenheit.

Weingut Frank Künstler

Franz Künstler, Hochheim, Rheingau (Deutschland)

Als Günter Künstler 1987 den Keller des von seinem Vater gegründeten Weinguts übernahm, bewies er im Alleingang, dass trockener Rheingau-Riesling Fülle haben kann, ohne an Lebendigkeit und Klarheit einzubüßen. Er tut dies nach wie vor mit seiner gesamten Kollektion.

Weingut Mitchell

Mitchell, Watervale, Clare Valley (Süd-Australien)

Andrew und Jane Mitchells Watervale Rieslinge sind ideal fur alle, die trockene australische Rieslinge häufig als zu einseitig säurebetont empfinden. In diesem Kontext sind dies Weine fur Seidenfetischisten, verfügen aber trotzdem generell uber großes Durchhaltevermögen.

Und wie sieht das neue Bild aus?
In den letzten zehn Jahren hat sich beim Riesling so viel verändert. Es gab einen so großen Aufschwung, dass dieses Buch über die Rebsorte notwendig war. Wenn ich das Buch nicht geschrieben hätte, hätte das jemand anderes tun müssen.

Die Riesling-Traube hat doch in Deutschland eine besondere Bedeutung, oder?
Deutschland ist das Riesling-Ursprungsland. Die erste Beschreibung der Rebsorte, seine Eigenschaften und wo der Riesling vorkommt, das stammt aus dem Jahr 1577. Der nächste Schritt erfolgte 1720/21 auf dem Weingut Schloss Johannisberg. Das Gut hatte auf seiner gesamten Anbaufläche 300.000 Stock Riesling angepflanzt. Damit fing die Zeit des modernen Rieslings an.

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