Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

31.08.2014

14:57 Uhr

Jürgens Weinlese

„Die kleinen Betriebe sterben aus“

VonJürgen Röder

Monika Reule, Chefin des Deutschen Weininstituts, über die Professionalisierung der Branche, über Investments von „Heuschrecken“ und warum es bald wieder neue Flächen für den Weinanbau in Deutschland geben wird.

Monika Reule ist Chefin des Deutschen Weininstituts.

Monika Reule ist Chefin des Deutschen Weininstituts.

Monika Reule ist seit April 2007 Geschäftsführerin des Deutschen Weininstituts (DWI) in Mainz, die zentrale Organisation für deutsches Weinmarketing. Unter der Federführung der Agrarbiologin berät das DWI nicht nur die Weinwirtschaft bei dem Verkauf im Im- und Ausland, sondern fördert wissenschaftliche Forschungen und sammelt Daten. Die letzte Studie beschäftigte sich mit dem Strukturwandel in der Weinbranche.

Hallo Frau Reule, in Australien liefern sich zwei US-Finanzinvestoren einen Übernahmekampf und bieten jeweils mehr als zwei Milliarden Euro für einen Weinkonzern. Investieren auch sogenannte „Heuschrecken“ in deutsche Weingüter?
Ja, die gibt es. Doch das sind im Vergleich mit Australien nur verhältnismäßig kleine Investments. Die deutsche Weinindustrie ist mittelständisch geprägt. Das größte deutsche Weingut bewirtschaftet gerade einmal etwas über 200 Hektar, in Übersee sind dies oftmals mehrere Tausend Hektar. Es werden aber auch hierzulande immer öfter Weingüter von Investoren übernommen. Schließlich gewinnt der deutsche Wein zunehmend an Renommee, auch im Ausland. Da hoffen einige auf Wertsteigerungen in den nächsten Jahren.

Die Tendenz in Deutschland geht ja bereits in Richtung größere Weingüter…
Ja, wir erleben seit Jahrzehnten einen Strukturwandel in der Weinbranche. Noch Anfang der 80er Jahre hatten wir 90 000 Winzer, jetzt sind es nur noch 48 000. Lässt man die Zahl von winzigen Betrieben mit weniger als 0,5 Hektar außen vor, sind es nur noch 18.700. In den vergangenen zehn Jahren ist der Anteil der Weingüter mit mehr als fünf Hektar von 20 auf 32 Prozent gestiegen, während der Anteil der Betriebe mit weniger als einem Hektar von 43 auf 27 Prozent gesunken ist.

Die wichtigsten deutschen Weinanbaugebiete

Ahr – Reich der Rotweine

Die Ahr ist mit rund 560 Hektar Rebfläche eines der kleineren Anbaugebiete Deutschlands. Seine Besonderheit: Mit 85 Prozent liegt der Anteil roter Rebsorten viel höher als in allen anderen deutschen Anbaugebieten. Vor allem Spätburgunder (Pinot Noir), Portugieser und Frühburgunder werden angebaut, bedeutendste weiße Sorte ist der Riesling.

Quelle: Deutsches Weininstitut

Baden – unter südlicher Sonne

Mit knapp 16 000 Hektar Anbaufläche ist es das drittgrößte Anbaugebiet des Landes. Es zeichnet sich durch ein besonders mildes Klima aus. Baden ist Burgunderland, heißt es. Der Weißweinanteil liegt bei 56 Prozent. Die wichtigsten Rebsorten sind Spätburgunder, Müller-Thurgau, Grauburgunder, Weißburgunder und Riesling. Eine lokale Spezialität ist der roséfarbene Wein Badisch Rotgold, keine Rebsorte, sondern eine besondere Cuvée aus Grauburgunder und Spätburgunder (also ein „Rotling“).

Franken – Bocksbeutelland

Franken ist das einzige deutsche Anbaugebiet, das sich komplett in Bayern befindet. Auf rund 6100 Hektar werden hier Reben kultiviert, die meisten befinden sich rund um die Barockstadt Würzburg. In Franken dominieren mit 81 Prozent die weißen Rebsorten. Der Silvaner gilt als klassische fränkische Rebsorte, gefolgt von Müller-Thurgau. Eine rote Spezialität aus Franken ist die Rebsorte Domina.

Hessische Bergstraße – Frühlingserwachen

Die 436 Hektar Rebfläche des kleinsten deutschen Anbaugebietes erstrecken sich zum größten Teil längs des Rheines an den sanften Ausläufern des Odenwaldes. „König der Bergstraße“ ist der Riesling. Er macht knapp die Hälfte der angebauten Rebsorten aus und gedeiht wegen der langen Vegetationszeiten an der Bergstraße besonders gut. Die restlichen 53 Prozent der Rebfläche teilen sich verschiedenste Sorten, vom Müller-Thurgau über den Gewürztraminer bis hin zum seltenen Gelben Orleans.

Mittelrhein – Riesling und Romantik

Die Anbaufläche des Mittelrheins, 456 Hektar, erstreckt sich zwischen Bingen und dem Siebengebirge über rund 110 Kilometer entlang des Rheins bis vor die Tore Bonns. Von der Gesamtfläche der Region sind über 300 Hektar mit Riesling bestockt. Der Weißweinanteil insgesamt beträgt 81 Prozent. Spätburgunder, Müller-Thurgau, Blauer Portugieser und Kerner vom Mittelrhein werden meistens schon „vor Ort“ genossen und finden daher selten den Weg in den Handel.

Mosel – Rasse und Klasse von der Terrasse

Die älteste deutsche Weinbauregion erstreckt sich mit insgesamt fast 9000 Hektar Rebfläche auch auf Anbauflächen an den Nebenflüssen Saar und Ruwer. Der Weißweinanteil beträgt 91 Prozent. Auf den Schieferböden an Mittel- und Untermosel gedeiht vor allem der Riesling vorzüglich, der hier tief wurzeln muss und so reichlich Mineralität und Finesse aus dem kargen Untergrund zieht. An der Obermosel herrschen Muschelkalk und Keuperböden vor, die für Burgundersorten und den heimischen Elbling guten Untergrund bieten.

Wie bewerten Sie diese Tendenz?
Diesem Strukturwandel liegen in der Regel einzelbetriebswirtschaftliche Entscheidungen zugrunde. Der Trend zu mehr Größe wird sicherlich weitergehen. Er bringt aber auch eine wachsende Professionalisierung der Weinbranche mit sich.

Was für eine Mindestgröße benötigt ein Weingut denn zum Überleben?
Man kann nicht sagen, welche Größe notwendig ist. Das hängt von den jeweiligen betrieblichen Strukturen ab. Manchmal hilft die Familie mit, das senkt die Kosten. Und zum anderen hängt vieles von der Lage der Anbauflächen ab. Weingüter mit vielen arbeitsaufwendigen Steillagen sind in der Regel kleiner als solche, die ihre Flächen sehr rationell in der Ebene bewirtschaften können. Und natürlich spielt der Winzer als Marke eine Rolle, d.h. welche Fähigkeiten besitzt er, um seine Weine zu vermarkten.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×