Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

01.06.2014

10:16 Uhr

Jürgens Weinlese

„Ein Weingut in der Toskana gehört zum guten Ton“

VonJürgen Röder

Sie träumen von einem eigenen Weingut, haben genug Geld, aber zu wenig Wissen oder Zeit, um ein Gut zu betreiben? In Italien kann Ihnen ein Paar weiterhelfen. Ein Interview über Trauben, Träume und die Toskana-Fraktion.

Bettina Kurz und Frank Höfinger.

Bettina Kurz und Frank Höfinger.

Eigentlich sind Bettina Kurz und Frank Höfinger eine Art Immobilienmakler. Doch das Paar verkauft keine Eigentumswohnungen oder Wohnhäuser, sondern komplette Weingüter. Und nicht nur nur das. Weil sie selbst ein Weingut betrieben haben, bieten die beiden auch ein Interims-Management an. Für diejenigen, die ein Weingut kaufen wollen, aber keine Kenntnisse oder keine Zeit haben, um ihren Besitz zu leiten. Das Paar wohnt in San Gimignano, die Stadt mit den hohen Türmen in der Toskana, auch mittelalterliches Manhattan genannt.

Aus welchen Gründen sind Weingüter in der Toskana so interessant für Ausländer?
Im Laufe der Jahrzehnte haben sich diese Gründe gewandelt. Früher war es aus Deutschland die sogenannte Toskana-Fraktion, Politiker mit einer gewissen Lebensphilosophie. Man hat ein Haus in der Toskana gekauft, bei dem mehr oder weniger zufälligerweise auch noch ein kleines Weingut dazu gehörte. Heutzutage sind es reiche Käufer, aus Europa, Russland oder auch Asien. Bei denen gehört es zum guten Ton, ein Weingut zu besitzen, sozusagen als „nicetohave“.

Um welche Summen geht es dann?
Mir fallen zwei außerordentliche Summen ein: Vor einigen Jahren der russische Wodka-Hersteller Yuri Shefler für Aufsehen gesorgt, als er mit seiner SPI Group für 300 Millionen Euro 27 Prozent der Anteile an dem italienischen Traditionsunternehmen „Tenuta Toscane di Frescobaldi“ gekauft. Das Unternehmen, das seit 30 Generationen und sieben Jahrhunderten von der Familie der Marchesi di Frescobaldi geführt wird, gehört zu den größten Weinherstellern Italiens. Und Milliardär Roman Abramowitsch, Besitzer des britischen Fußballclubs Chelsea, soll auch schon eine halbe Milliarde Euro für das toskanische Weingut Castello Banfi geboten haben, das der Mariani-Familie gehört und vor allem für seinen Brunello di Montacini weltbekannt ist. Die Marianis haben jedoch abgewinkt – vorerst. Unser Fazit: Geld zieht Geld an, das werden nicht die letzten Angebote in dieser Größenordnung sein.

Toskana-Weine

Vino Santo

Vino Santo ist der typische Dessertwein der Toskana. Er wird aus den weißen Rebsorten Trebbiano und Malvasia gemacht. Die Trauben werden an Dachbalken aufgehängt und getrocknet. Nach dem Keltern reift der Wein noch mindestens drei Jahre in kleinen Fässern aus Eiche (früher waren auch Fässer aus Kastanie im Einsatz, die Eiche hat sich aber seit den 1980er Jahren durchgesetzt). Die Fässer werden in einem Raum unter dem Dach aufbewahrt, der Vinsantaia genannt wird. Der Wein kann bei guter Qualität acht bis 20 Jahre gelagert werden.

Vernaccia di San Gimignano

Vernaccia di San Gimignano ist ein italienischer Weißwein aus der Gemeinde San Gimignano in der Provinz Siena. Der Wein wird zu 90 bis 100 Prozent aus der Rebsorte Vernaccia gekeltert und hat den Status eines Spitzenweins (DOCG). Beim Winzer reift der Wein sechs bis zwölf Monate in unterschiedlichen Tanks bevor er vermarktet wird. Ab einem Jahr Reifung und einem Alkoholgehalt von mehr als 11,5 Prozent kann der Wein die Qualitätsbezeichnung Riserva tragen. Der Wein sollte in seiner Jugend genossen werden.

Brunello di Montalcino

Für die Herstellung des Brunello di Montalcino gelten strenge Regeln, die vom „Consorzio del Vino Brunello di Montalcino“ festgesetzt werden. Er wird sortenrein aus einer Spielart der Sangiovese-Traube, die „Sangiovese Grosso“ oder Brunello genannt wird, gekeltert. Der Ertrag ist auf maximal 52 Hektoliter Wein pro Hektar begrenzt. Der Brunello wird erst ab dem 1. Januar des fünften auf die Ernte folgenden Jahres für den offiziellen Handel freigegeben, er muss mindestens zwei Jahre in Eichenfässern ausgebaut sein und mindestens vier Monate Flaschenreife haben. Für den Brunello di Montalcino Riserva gibt es die Handelsfreigabe ab dem 1. Januar des sechsten auf die Ernte folgenden Jahres, er muss dabei mindestens zwei Jahre im Eichenfass ausgebaut sein und mindestens sechs Monate Flaschenreife aufweisen. Dann entsteht daraus ein voller, körperreicher, hocharomatischer Rotwein. Die meisten Erzeuger bringen auch den Rosso di Montalcino in den Handel, welcher nicht so lange lagern muss. Diese duftige und leichtere Variante ist auch wesentlich billiger, was bei den derzeitigen Preisen für einen guten Brunello ein zugkräftiges Argument ist.

Vino Nobile di Montepulciano

Der Vino Nobile di Montepulciano aus dem gleichnamigen Städtchen in der Südtoskana gehört zu den drei großen Sangiovese-Weinen dieser Region. Die besten Exemplare erreichen beinahe die Wucht eines Brunello di Montalcino und behalten dabei die Eleganz eines Chianti. Seinen Namen erhielt der „edle Wein“, weil er immer für Papst Paul III., der aus Montepulciano stammte, auf dessen Wunsch reserviert wurde. Eine alternative Erklärung für den Namen des Weines ist die Tatsache, dass es nur vornehmen Familien (Adlige, Stadtpatrizonat) erlaubt war, diesen Wein herzustellen. Hier ist wie beim Chianti die Beimischung anderer Rebsorten erlaubt, wobei der Sangiovese mit minimal 70 Prozent den Hauptanteil ausmachen muss. Die Preise für den „edlen Wein“ halten sich im Gegensatz zum Brunello noch in einem vernünftigen Rahmen. Auch bei diesem Wein gibt es von den meisten Produzenten eine Art „Junior-Variante“, den Rosso di Montepulciano, der etwas günstiger ausfällt.

Chianti

Chianti ist ein Rotwein aus der Toskana, der im Wesentlichen aus der Sangiovese-Traube besteht. Er war früher das Synonym für italienischen Wein schlechthin, und er wurde traditionell in strohumflochtenen Flaschen (fiasco) verkauft. Insgesamt gibt es sechs klassische Chianti-Zonen, die willkürlich durch Gemeindegrenzen festgelegt wurden und den Trauben zum Teil sehr unterschiedliche Bedingungen bieten. Dementsprechend sind auch die Ergebnisse der Chiantis sehr unterschiedlich. Kommt der Wein aus dem eigentlichen Chianti-Gebiet zwischen Florenz und Siena, darf er sich Chianti Classico oder Chianti Classico Riserva nennen. Der Wein muss dann zum Beispiel auch gewisse Zeit (für Riserva zwei Jahre) in Eichenfässern lagern und es dürfen nur gewisse Rebsorten gemischt werden. Den größten Anteil hat immer die Sangiovese-Traube (mindestens 80 Prozent). Im 19. Jahrhundert war ein Anteil von etwa zehn Prozent Weißwein als obligatorisch festgelegt worden. Der klassische alte Chianti war ein fruchtiger und überdies nur relativ kurz lagerbarer Wein. Nur noch sehr wenige Winzer fertigen diesen traditionellen Chianti als Auftragsarbeit für Luxusrestaurants. Das Konsortium „Chianti Classico“, mit Sitz in Greve in Chianti, hat die Schutzmarke „Gallo Nero“ (schwarzen Hahn) ins Leben gerufen. Ein „Gallo Nero“ auf dem Flaschenhals bürgt für die Qualität dieses Weins.

Sangiovese

Sangiovese ist eine rote Rebsorte und eine der wichtigsten und häufigsten Rebsorten in Italien und Hauptbestandteil des Chianti. Der Name Sangiovese kommt aus dem Spätlateinischen/Italischen und bedeutet Jupiters Blut (Sanguis Giove). Allgemein zeichnet sich ein (sortenreiner) Sangiovese-Wein meist durch eine kräftige Farbe und ausgeprägte Struktur von Säure sowie Tanninen aus. Die Sangiovese-Rebe hat eine hohe Bedeutung erlangt und ist so begehrt, dass sie in die Nobilität der Weinwelt aufrückte und als Edelrebe bezeichnet wird. Die Rebsorte ist Hauptbestandteil der berühmten Weine Vino Nobile di Montepulciano (aus dem Sangiovese-Klon Prugnolo Gentile) und Carmignano, aber auch vieler sogenannter Super-Tuscans, oder sortenrein den Pergole Torte. Sortenrein wird er verwendet im Brunello di Montalcino und dem Morellino di Scansano aus der Maremma.

Wieviel Geld muss man denn investieren, um ein Weingut zu kaufen mit dem über kurz oder lang Geld verdienen kann?
Wenn man ein Return on Investment habe möchte, dann ist eine Summe zwischen fünf bis zehn Millionen Euro erforderlich. Es geht auch eine Nummer kleiner für zwei bis drei Millionen Euro, dann sind aber meistens zusätzliche Investitionen notwendig.

Reicht es denn nicht, wenn jemand ein Weingut ohne eigene Weinherstellung kauft, sondern nur die Trauben anbaut und verkauft?
Nein, auf diese Art und Weise können Sie kein Geld verdienen.

Welche Gegend würden Sie denn in der Toskana empfehlen?
Wann beispielsweise Asiaten Weingüter in der Toskana kaufen wollen, dann in den Gebieten mit großen Namen wie Chianti Classico, Montepulciano, Montalcino oder auch Maremma. Wir empfehlen lieber aber auch den Kauf in sogenannten Newcomer-Gebieten. Wie zum Beispiel in Monte Cucco; südlich von Montalcino. Dort reifen sehr gute Trauben.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×