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03.10.2015

11:11 Uhr

Jürgens Weinlese

„Kein Wein für DDR-Bonzen“

VonJürgen Röder

Zum 25. Geburtstag der Deutschen Einheit gibt es einen Einheitswein, eine Cuvée aus Trauben von allen 13 deutschen Anbaugebieten. Wichtiger Käufer des Weines ist ein Staat, der die Einheit erst noch vor sich hat.

Einheitswein

In einem studentischen Projekt der Hochschule Geisenheim, Ausbildungsstätte für die Weinbranche, wurde das Thema Wiedervereinigung diskutiert und auf „Geisenheimer Art und Weise“ aufgegriffen, nämlich mit der „Vereinigung“ von Weinen aus Ost und West - sprich, der Herstellung von zwei Cuvées aus allen 13 Weinanbaugebieten West- und Ostdeutschlands. Diese beiden Weine werden zur 25. Jubiläumsfeier Deutsche Einheit in Frankfurt vorgestellt und von Staatsmännern und Regierungschefs aus aller Welt verkostet. Geleitet hat das Projekt Prof. Dr. Erick Schweickert, der in Geisenheim internationale Weinwirtschaft lehrt. Das Interview mit dem ehemaligen Bundestagsabgeordneten wurde telefonisch geführt.

Hallo Herr Schweickert, die Weinwelt redet von authentischen, von rebsortentypischen Weinen, die bei Weinliebhabern begehrt sind. Und Sie bringen ausgerechnet einen Einheitswein auf den Markt? Das klingt nach Einheitsbrei….
Der Begriff Einheitswein ist so negativ besetzt, dass er schon wieder gut ist. Aber das ist nun mal der passende Symbolname für dieses Projekt: Erstmals wurden Weine mit Trauben aus allen 13 deutschen Weinanbaugebieten hergestellt – ein interessantes Projekt von insgesamt rund 500 Studierenden an der Hochschule Geisenheim.

Gab es denn vorher keine anderen Versuche, Weine herzustellen, die auf die Wiedervereinigung anspielen?
Doch, das gab es. 1989 stellten Winzer aus der Pfalz und Rheinhessen den „Durchbruch“ her. Aber das ist nicht zu vergleichen mit unserem Projekt. Unser Wein ist Deutschland in all seinen Facetten.

Erik Schweickert lehrt an der Hochschule Geisenheim internationale Weinwirtschaft.

Prof Dr. Schweickert

Erik Schweickert lehrt an der Hochschule Geisenheim internationale Weinwirtschaft.

Übertreiben Sie nicht etwas….
Fassweinwinzer, Flaschenweinbetriebe, Winzergenossenschaften, Weingüter aus dem Verband der Prädikatsweingüter (VDP), konventionell und ökologische arbeitende Betriebe. Trauben, die im Holzfass vergoren und im Holzfass gelagert und welche; die nur im Stahlfass waren. Daraus haben wir unseren Weiß- und unseren Rotwein hergestellt - ein echter Querschnitt durch die Weinvielfalt in Deutschland.

Welche Traubensorten dominieren?
Beim Rotwein der Spätburgunder, ergänzt um die Rebsorten Regent und Domina. Der Weißwein ist vielfältiger. 60 Prozent Riesling, ansonsten Chardonnay, Müller-Thurgau, Scheurebe, Weißburgunder, Silvaner und Solaris.

Die wichtigsten Weißwein-Rebsorten in Deutschland

Riesling

Riesling ist unbestritten die deutsche Vorzeige-Rebsorte und gehört zu den wirtschaftlichen Stützen der Weinwirtschaft. Mit einer Rebfläche von 23.700 Hektar (23,1 Prozent der gesamten Anbaufläche, Stand 2016) besitzt Deutschland die größte Rieslingrebfläche weltweit und verweist somit Australien und Frankreich mit großem Abstand auf die Plätze zwei und drei. Die Farbe des Rieslingweins ist grünlich gelb bis hell goldgelb. Sein Aroma erinnert an Äpfel, Pfirsiche oder Aprikosen. Geschmack: feinfruchtig, meist säurebetont. Körper, Gehalt: leicht bis mittelkräftig.

Müller-Thurgau (Rivaner)

2In der deutschen Weinlandschaft gab der Müller-Thurgau seine Führungsposition in den 1990er Jahren an den Riesling ab. Doch mit einem Flächenanteil von 12,3 Prozent (Stand 2016) hat der Rivaner nach wie vor eine überragende Bedeutung im deutschen Weinbau. Dass er heute auf ca. 12.623 Hektar wächst, verdankt er unter anderem seinen vielfältigen Einsatzmöglichkeiten und seiner Zugänglichkeit auf für Nichtweinkenner. Die unkomplizierten Müller-Thurgau-Weine sind geschmacklich leicht zugänglich. Meist sind es jugendliche. Leichte und frische Weine für jeden Tag. Farbe: helles Gelb, Aroma: erinnert an zarte Kräuter, Äpfel und Birnen. Geschmack: säuremild. Körper, Gehalt: mittelkräftig.

Grauburgunder

Grauburgunder zählt zu den besten Sorten in Deutschland. Hier hat die Rebsorte wieder zunehmend an Bedeutung gewonnen. Im weltweiten Vergleich steht Deutschland nach Italien und den USA an dritter Stelle im Grauburgunderbereich. Zur Zeit sind mehr als 6170 Hektar – das entspricht sechs Prozent der deutschen Rebfläche (2016) – mit dieser Sorte bestockt. Farbe: farbintensiv, hell- bis goldgelb, Aroma: erinnert an Mangos, Nüsse, Mandeln. Der Geschmack ist mild bis säurebetont, der Körper (Gehalt) kräftig und gehaltvoll.

Weißburgunder

Weißburgunder zählt zusammen mit dem Grauburgunder zu den Weißweinsorten mit der derzeit größten Rebflächenzunahme. Mehr als 5160 Hektar oder fünf Prozent der deutschen Rebfläche sind montan mit der Sorte bestockt. Weißburgunder, trocken ausgebaut, mit frischer Säure und feiner Frucht sind ideale Menüweine, aber auch leichte Sommerweine. Farbe: hell- bis strohgelb. Geschmack: etwas säurebetont. Das Aroma: erinnert an Äpfel, Birnen, Mangos, Nüsse und Quitten, der Körper (Gehalt) ist mittelkräftig.

Silvaner

,Silvaner galt bis Mitte des Jahrhunderts als wichtigste deutsche Rebsorte; mehr als jede zweite Rebe war ein Silvanerstock. Der kontinuierliche Anbaurückgang der letzten Jahrzehnte, insbesondere zugunsten des Müller-Thurgaus, ließ den Flächenanteil auf derzeit 4,8 Prozent (Jahr 2016) sinken. Insgesamt werden 4900 Hektar mit diesen Rebsorten bepflanzt. Silvanerreben liefern im Duft eher verhaltene Weine mit einer milden Säure. Farbe: sehr helles bis intensives Gelb, Aroma: erinnert an Äpfel, Birnen oder frisches Heu, Geschmack: milde bis mittlere Säure, Körper, Gehalt: leicht bis mittelkräftig.

Kamen die ostdeutschen Rebsorten auch zum Zuge, oder dominieren die westdeutschen?
Wir haben die Zusammensetzung der beiden Weine durch Blindproben ermittelt. Dabei kam für mich ein überraschendes Ergebnis heraus. Die beste Zusammensetzung der beiden Weine entsprach ungefähr dem jeweiligen Anteil an den deutschen Weinanbaugebieten. So hat zum Beispiel Baden einen Anteil von 15 Prozent an der deutschen Weinproduktion, im Cuvée sind es 13 Prozent.

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